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Virus Hepatitis B begleitet die Menschheit seit mehr als 10.000 Jahren

Hepatitis B
Die Übertragung von HBV erfolgt über Körperflüssigkeiten, etwa über Sexualkontakte, während der Geburt von der Mutter auf das Kind oder durch kontaminierte Nadeln bei der Injektion von Drogen.
© IMAGO / Science Photo Library
Manche Erreger begleiten die Menschheit über viele Jahrtausende. Aus mehr als 130 Virusgenomen rekonstruieren Forscher die Ausbreitung des Hepatitis-B-Virus. Sie ist eng mit der Geschichte des Menschen verknüpft

Hepatitis-B-Viren begleiten die Menschheit seit mehr als 10.000 Jahren - wahrscheinlich sogar noch wesentlich länger. Ein internationales Forschungsteam hat das Virus aus 137 Individuen isoliert, die vor 10.500 Jahren bis vor 400 Jahren lebten. Aus den gefundenen Varianten rekonstruierte die Gruppe um Arthur Kocher und Denise Kühnert vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die Ausbreitung dieser Erreger. Die ist sehr eng mit der Geschichte der Menschheit verknüpft, wie das Team im Fachblatt "Science" berichtet.

Eine Hepatitis, also eine Entzündung des Lebergewebes, kann auf unterschiedliche Arten entstehen. Häufig sind Hepatitis-Viren verantwortlich, von denen es mehrere Arten gibt, die nicht miteinander verwandt sind. Mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) waren den Forschern zufolge im Jahr 2015 weltweit rund 257 Millionen Menschen infiziert. Eine Infektion mit dem Virus, die oft chronisch verläuft, ist demnach pro Jahr für fast eine Million Todesfälle verantwortlich. Die Übertragung von HBV erfolgt über Körperflüssigkeiten, etwa über Sexualkontakte, während der Geburt von der Mutter auf das Kind oder durch kontaminierte Nadeln bei der Injektion von Drogen.

Geografische Verteilung historischer HBV-Genome in verschiedenen Zeiträumen, eingefärbt nach Abstammung
Geografische Verteilung historischer HBV-Genome in verschiedenen Zeiträumen, eingefärbt nach Abstammung
© Reprinted with permission from Kocher et al., “Ten millennia of hepatitis B virus evolution” Science, 8 October 2021 (DOI: 10.1126/science.abi5658)

Da HBV im Gegensatz zu vielen anderen Krankheitserregern kein bekanntes Reservoir in der Umwelt, etwa im Tierreich, hat, ist das Virus direkt an den Menschen gebunden - und damit auch an dessen Geschichte. Wie sich der Erreger im Laufe von Jahrtausenden ausgebreitet und verändert hat, untersuchte das Team nun, indem es das Virus aus 137 Skeletten isolierte, die aus Eurasien und Amerika stammen.

Derzeit unterscheiden Forscher neun HBV-Genotypen, von denen zwei (F und H) hauptsächlich bei amerikanischen Ureinwohnern auftreten. Die Erbgutanalyse deutet stark darauf hin, dass die Vorläufer dieser beiden Varianten schon mit den ersten Menschen den Kontinent erreichten. "Unsere Daten legen nahe, dass alle uns bekannten HBV-Genotypen von einem Stamm abstammen, der die Vorfahren der Ureinwohner Amerikas und ihrer engsten eurasischen Verwandten zu einer Zeit infizierte, als sich diese Populationen auseinanderentwickelten", wird Kühnert in einer Mitteilung ihres Instituts zitiert. Demnach zirkulierte dieser Erreger wohl schon vor schätzungsweise grob 15.000 bis 20.000 Jahren in der damaligen Bevölkerung - und möglicherweise noch wesentlich früher.

Bei den frühen Bauern fanden die Forscher vor allem die sogenannte Wenba-Variante

Im westlichen Eurasien war das Virus der Studie zufolge schon vor 10.000 Jahren weit verbreitet - also noch vor Einführung der Landwirtschaft und der damit einhergehenden höheren Bevölkerungsdichte. "Von den meisten menschlichen Pathogenen wird angenommen, dass diese sich erst mit dem Beginn des Ackerbaus entwickelten. HBV infizierte hingegen bereits die Jäger und Sammler", sagt Ko-Autor Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Allerdings wurden die damals in Europa gängigen Varianten nach Einführung der Landwirtschaft dort vor 7000 bis 8000 Jahren durch andere Typen ersetzt. Diese verbreiteten sich offenbar mit den ersten Bauern, die aus Vorderasien kamen. Bei den frühen Bauern fanden die Forscher vor allem die sogenannte Wenba-Variante, die sich binnen weniger Jahrtausende über das westliche Eurasien ausbreitete. Sie herrschte im größten Teil Eurasiens mehr als 4000 Jahre lang vor - und verschwand dann: In Skeletten, die jünger als 3300 Jahre sind, entdeckte das Team die Variante nicht mehr.

Generell finden die Forscher in Westeurasien vor etwa 3000 Jahren einen Rückgang der genetischen Vielfalt der HBV-Erreger. Die Phase fällt zeitlich zusammen mit dem Zusammenbruch der Bronzezeit, der mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel einherging. "Das könnte auf wichtige Veränderungen der epidemiologischen Dynamik in dieser großen Region hindeuten. Jedoch benötigen wir weitere Untersuchungen, um dies vollständig zu verstehen", so Erstautor Kocher. Die HBV-Varianten, die Forscher nach dieser Zeit in Westeurasien isolierten, gehören zu Virusstämmen, die dort bis heute vorkommen.

Wibke Schumacher, dpa

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