Krebsforschung Fasten, essen, heilen? Wie Ernährung Krebs beeinflussen könnte

Leerer Teller mit Uhr
Gezielte Fastenperioden wirken auf die Biologie: Da Krebszellen anders als gesunde auf Hungerphasen reagieren, könnte Scheinfasten eine Option bieten, vorhandene Krebstherapien zu intensivieren 
© Art Jazz / istock / Getty Images
Fasten und Scheinfasten sollen nicht nur das Leben verlängern, sondern auch Krebs vorbeugen und Tumortherapien verstärken, ohne den Körper zu sehr zu schwächen. Wie plausibel sind die versprochenen Effekte?

Eine Wunderwaffe gegen Krebs ersehnt sich die Menschheit. Sowohl Behandelnde wie auch Betroffene, die die belastende Diagnose erhalten. Seit Jahren beschäftigt Mediziner die Fragestellung, ob Scheinfasten (Fasting Mimicking Diet) und gezielte Hungerphasen vor Tumoren schützen könnten. Mehr noch: Sie fragen sich, ob vorhandene Tumore durch Fasten und Hungerperioden therapierbar sein könnten. 

Unter Scheinfasten und einer fastenähnlichen Ernährung (FMD) verstehen Ernährungsmediziner eine zeitlich begrenzte, stark kalorienreduzierte Ernährung, die den Körper in den Fastenzustand versetzt, ohne dass der Mensch auf feste Nahrung komplett verzichtet. Entwickelt wurde diese Diät von dem Professor Valter Longo, einem italienisch-amerikanischen Gerontologen und Molekularbiologen, der unter anderem als Direktor des Forschungslabors für Onkologie am IFOM in Mailand arbeitet. 

Verschiedene Studien mit Labormäusen zeigen deutlich antitumorale Effekte dieser Therapie. Die Fachwelt beschäftigt sich nun mit der Anwendbarkeit auf den Menschen. Klinische Studien mit Tumorpatienten und -patientinnen arbeiten an einem differenzierten Bild, wie eine fastenimitierende Ernährung eine Krebstherapie unterstützen könnte.

Dennoch gehen die Urteile in der Fachwelt noch weit auseinander. Während manche in fastenähnlicher Ernährung bereits eine Krebstherapie der Zukunft erkennen wollen, warnen andere, darunter 2021 auch die führende europäische Fachgesellschaft für Ernährung und Stoffwechsel (ESPEN), vor Mangelernährung und Schwächung der vulnerablen Patientengruppe. Wer hat recht? Ein genauer Blick auf die Studienlage ist geboten und darauf, worin die Wirkmechanismen des Fastens bei onkologischen Erkrankungen bestehen könnten.   

Gesunde Zellen reagieren anders als Tumorzellen

Zunächst muss man die Veränderungen auf Zellebene nachvollziehen, die allgemein durch Hungerphasen im Körper einsetzen: Dabei ist entscheidend, dass Krebszellen anders auf Kalorienreduktion als normale Zellen reagieren. Um es gleich zu sagen: Gesunde Zellen werden durch Hungern resistenter gegen Stress, während Tumorzellen sensibler reagieren. Diesen Mechanismus will die Medizin nutzen. 

Fastet ein gesunder Mensch oder eine gesunde Maus, sinken je nach Dauer der Insulinspiegel und die Spiegel des Wachstumsfaktors IGF1, bekannt als insulin like growth-factor. Dieses Wachstumshormon ist für körperliche Entwicklungsprozesse entscheidend. Beispielsweise ist es bei Heranwachsenden unverzichtbar, und es reguliert wichtige Stoffwechselprozesse. Ein Überschuss kann dazu führen, dass Tumorzellen wachsen. Studien zeigen nun, dass ein 72-stündiges Scheinfasten die Spiegel des Wachstumsfaktors im Serum von Mäusen beispielsweise um bis zu maximal 70 Prozent reduziert. Parallel dazu steigt das IGF-Bindungsprotein-1 signifikant an, was die Bioverfügbarkeit des Wachstumsfaktors weiter einschränkt. 

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Sinkt der Spiegel des Wachstumsfaktors IGF1 durch Fasten ab, löst das in gesunden Zellen ein Schutzprogramm aus: Sie wechseln in den Ruhemodus. Dabei stellen sie die Zellteilung ein und stecken Energie in zelleigene Reparatur- und Schutzmechanismen. 

Diesen Vorgang kann man sich wie eine Müllabfuhr vorstellen, ausgelöst durch das Fasten. Fachleuten bezeichnen den Prozess als Autophagie. Diese macht gesunde Zellen widerstandsfähiger und stressresistenter, weil beschädigte Proteine und Organellen abgebaut und Nährstoffe recycelt werden.

Krebszellen reagieren jedoch anders: Sie werden durch fastenähnliche Ernährung nicht stressresistenter, sondern verletzlicher gegen Giftstoffe und können Schutzprogramme, beispielsweise gegen die Chemotherapie, weniger gut aktivieren. Sie bleiben auf Zellteilung programmiert. Ihr Gen-Schalter, so Valter Longo, steht dauerhaft auf "an". Dadurch werden sie anfällig für DNA-Schäden und zur leichteren Zielscheibe für die Strahlentherapie, die sie schlechter umgehen können. 

Longo vergleicht die Tumorzellen mit Menschen, die kopflos in die Wüste laufen, obwohl es dort weder Wasser noch Schatten gibt. Sie rennen ohne Schutzmodus in den Tod. Auch die Glukose-Aufnahme in Tumoren sinkt. All diese Vorgänge fördern den Zelltod, die Apoptose. Der Tumor wird ausgehungert. Zusätzlich wird durch Fastenzeiten das Immunsystem aktiviert, was für die Bekämpfung des Tumors ebenfalls günstig sein kann. Immunzellen kann es theoretisch gelingen, aggressiver gegen den Krebs vorzugehen. 

Studien nehmen die Effekte bei Menschen in den Blick 

Valter Longo ist Anhänger des Scheinfastens bei Krebs und zur Förderung der Langlebigkeit, seit er die Effekte in Mausstudien beobachtet hat. Er ist der Auffassung, dass Hungern und der ausgelöste Nicht-Wachstums-Modus in normalen Zellen bereits als "magischer Schild gegen Krebs" wirken könnten. Bei bereits erkrankten Tumorpatienten plädiert er für eine fastenimitierende Diät (FMD) ergänzend zur Standardtherapie, also der konventionellen Chemotherapie: "Dauerhafte therapeutische Wirkungen lassen sich nur durch die Kombination von Scheinfasten mit Standardtherapien gegen die jeweilige Krebsart erzielen," schreibt Longo in seinem Buch "Fasten gegen Krebszellen". Das Ziel: Die Wirksamkeit der konventionellen Chemotherapie-Behandlungen soll gesteigert werden. 

Kritische Stimmen führen ins Feld, dass sich die Ergebnisse aus Tierstudien nicht zwingend auf die Humanmedizin übertragen lassen. Wie weit ist also entschlüsselt, ob das Fasten erkrankten Menschen hilft? Die bisher wichtigste klinische Studie in diesem Zusammenhang heißt DIRECT-1. Es handelt sich um eine Phase-II-Untersuchung mit 131 Brustkrebspatientinnen mit HER2-negativen Tumoren. Die Studie lief von 2014 bis 2018 an der Universität Leiden. In der Fastengruppe erhielten Patientinnen eine fastenimitierende Diät. Die reduzierte Kalorienzufuhr erfolgte über drei Tage und zwar kurz vor und während Chemotherapie-Zyklen. Die durch Zufall ermittelte Kontrollgruppe ernährte sich weiterhin normal. 

Bei Patientinnen, die fasteten, war der Tumorzellverlust vierfach höher, das radiologische Ansprechen war dreifach häufiger als in der sich normal ernährenden Kontrollgruppe. Die Patientinnen berichteten in Fragebögen von verbesserter Lebensqualität und weniger Nebenwirkungen wie Fatigue und Übelkeit. Die Studie zeigte nach Einschätzung der Autoren, dass eine fastenimitierende Diät offenbar gut toleriert wird.

Kritisch ist die Phase nach dem Fasten 

Eine weitere italienische Sicherheitsstudie leitete Claudio Vernieri, ein Onkologe und Experte für den Krebsstoffwechsel. Die Studie mit 101 Krebspatienten verschiedenster Tumortypen untersuchte die Wirkungen eines fünftägigen Scheinfastens. Nebenwirkungen traten in 12,9 Prozent der Fälle auf, hauptsächlich klagten Probanden über Fatigue. Vor und nach den fastenimitierenden Perioden wurde den Patienten und Patientinnen Blut abgenommen: Bemerkenswert war, dass sich Stoffwechselmarker (Glukose, Insulin, IGF-1) durch fastenimitierende Ernährung signifikant verbesserten und fünf Patienten mit fortgeschrittenen Tumoren komplette Langzeit-Remissionen erreichten. 

Eine laufende großangelegte Phase-III-Studie (DIRECT-2) mit 240 Brustkrebspatientinnen soll die Ergebnisse für die Humanmedizin weiter erhärten und noch mehr Klarheit über die therapeutische Nutzung geben. Die Ergebnisse werden allerdings erst 2027 bis 2028 erwartet.​

Doch die ermutigenden Ergebnisse werden bereits durch eine aktuelle Veröffentlichung relativiert. Als Problem wurde in einer 2024 prominent erschienenen "Nature"-Publikation die "Refeeding-Phase" nach dem Fasten ausgemacht: Steigen Fastende wieder in die normale Nahrungsaufnahme ein, könnte der Körper verstärkt Wachstumssignale aussenden, die unter Umständen neue Tumoren fördern. Beteiligt waren Forschende der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und des Massachusetts Institute of Technology/USA (MIT). Die Forschenden konnten im Mausmodell beobachten, dass Tumore im Darm kurz nach der erneuten Nahrungsaufnahme häufiger auftreten. Zwar handelt es sich um eine Tierstudie, aber auf die Phase nach dem Fasten muss demnach offenbar auch ein gründlicher wissenschaftlicher Blick gerichtet werden. Der Wiedereinstieg sollte sorgfältig geplant werden.​

Onkologische Betreuung ist unverzichtbar 

Auch wenn in der Krebsmedizin Patienten und Patientinnen wie Behandelnde verständlicherweise auf ein Wundermittel hoffen, gilt: Zwar kann Scheinfasten Krebszellen vermutlich daran hindern, sich neu zu programmieren und der Chemotherapie allzu leicht zu entkommen. Dennoch gibt es bis heute keine klare Empfehlung dafür. Unter Experten herrscht die Einschätzung: Betroffene sollten keinesfalls auf eigene Faust mit dem Fasten starten. Zu groß ist die Gefahr, durch Untergewicht, Muskelschwund und Mangelernährung den Gesundheitszustand zu verschlechtern und den Körper zu schwächen. 

Nur unter medizinischer Überwachung durch einen Onkologen und idealerweise im Kontext klinischer Studien ist eine fastenimitierende Ernährung für gut ernährte Patienten und Patientinnen mit normalem bis übergewichtigem Körpergewicht zulässig. Beratung und Begleitung durch den Onkologen bleiben unverzichtbar. Er kann in der ohnehin sehr verletzlichen Phase darüber aufklären, mit welcher Ernährung und durch welche begleitenden Lebensstilmaßnahmen eine optimale Unterstützung des Körpers gelingt. Eine kluge Lebensstilmedizin sowie ein ganzheitlicher Blick auf den Patienten und die Patientin sind hilfreich, um den Körper zu stärken.