Car Crash Experiment Wie Sprache unsere Erinnerung manipulieren kann

Wie schnell fuhren die Wagen beim Aufprall? Ein historisches Experiment der Psychologie 
Wie schnell fuhren die Wagen beim Aufprall? Ein historisches Experiment der Psychologie 
© CSA Images
Erinnern wir uns zuverlässig und faktentreu an Ereignisse wie einen Unfall? Oder sind wir durch die Suggestivkraft von Sprache manipulierbar? Ein Experiment wurde berühmt 

Seattle, im Frühjahr 1974. Im Seminarraum des Psychologietraktes der Universität Washington spult ein 16-Millimeter-Projektor ratternd Schwarz-Weiß-Filme ab. Die junge Psychologin Elizabeth Loftus, damals 29 Jahre alt, hat sie vom Evergreen Safety Council und vom örtlichen Police-Department entliehen. Mit diesen Lehrfilmen, die eigentlich Fahrschüler vor den Folgen von Raserei warnen sollen, führt sie ihren Studierenden Unfall um Unfall vor. Wieder und wieder stoßen Fahrzeuge auf der Leinwand zusammen.

Was Loftus gemeinsam mit ihrem Doktoranden John Palmer prüfen will, ist eine grundsätzliche Frage: Wie zuverlässig erinnern wir uns an Vergangenes? Wie genau geben wir wieder, was wir gesehen haben – und welche Rolle spielt dabei die Sprache, mit der man uns dazu befragt?

45 Personen sitzen im Seminarraum. Palmer verteilt Fragebögen. Die Studierenden sollen zunächst aufschreiben, was sie gesehen haben. Ganz unten auf dem Bogen aber findet sich der Kern des berühmten Experiments: Wie schnell waren die Wagen im Moment des Aufpralls? Und genau hier liegt die Finesse. Mal fragt der Bogen, wie schnell die Wagen fuhren, als sie sich "berührten", auf anderen Bögen heißt es, als sie "zusammenprallten", "kollidierten", "aufeinandertrafen" oder "zerschmetterten". Fünf Verben, fünf sprachliche Nuancen von Unfallereignissen – und fünf zufällig zugeteilte Gruppen des Experiments.  

Die Magie der Worte

Das Ergebnis: Für die Erinnerung an Vergangenes ist die Wahl des Verbs keineswegs gleichgültig. Ein einziges Wort genügte, um die Ereignisse aus dem Gedächtnis um knapp 15 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Zwischen "berührt" (51 km/h) und "zerschmettert" (65 km/h) lag im Mittel eine Differenz von 14 km/h – im Stadtverkehr der Unterschied zwischen einer Schrecksekunde und einem Aufprall.

Loftus und Palmer wollten die Gedächtnispsychologie voranbringen. Eine Woche später luden sie 150 weitere Studierende ein und zeigten ihnen einen einzigen, knapp einminütigen Unfallhergang. Wieder wurden die Verben variiert: Eine Gruppe wurde mit "smashed" befragt, eine mit "hit", eine dritte – die Kontrollgruppe – erhielt keine Geschwindigkeitsfrage. Sieben Tage später kehrten die Probanden zurück und beantworteten zehn neue Fragen. Eine davon, scheinbar beiläufig eingestreut, lautete: "Sahen Sie zerbrochenes Glas?"

In dem Film war kein einziger Splitter zu sehen. Trotzdem erinnerten sich in der "smashed"-Gruppe 32 Prozent an zerbrochenes Glas, in der "hit"-Gruppe nur 14 Prozent, in der Kontrollgruppe gerade einmal zwölf Prozent. Ein einziges Verb, eine Woche zuvor in einem Nebensatz eingebaut, hatte ein Detail erschaffen, das es nie in der Wirklichkeit gegeben hatte.

Erinnerung ist Rekonstruktion

Loftus und Palmer knüpften damit an eine Idee an, die der britische Psychologe Frederic Bartlett bereits 1932 formuliert hatte: Erinnerung ist kein Videofilm, so Bartlett, sondern eine Rekonstruktion. Jedes Mal, wenn Menschen sich erinnern, setzen sie die Vergangenheit aus den Materialien neu zusammen, die ihnen die Wahrnehmung gerade liefert. Das menschliche Gedächtnis ist demnach keine exakte Kopie der realen Lebenserfahrungen, sondern ein aktiver Prozess – und Menschen passen das Erinnerte unmerklich an ihr sich wandelndes Weltverständnis an.

Für das, was Bartlett nur philosophisch behauptet hatte, lieferten Loftus und Palmer 1974 erstmals einen kontrollierten Laborbefund: Erinnerung kann kontaminiert und sogar künstlich manipuliert werden – durch Sprache, manchmal durch ein einziges Wort.

Zwei Hypothesen hat Loftus selbst 

Loftus selbst war so vorsichtig, in der Originalarbeit zwei mögliche Erklärungen für die Ergebnisse anzubieten. Nach der Response-Bias-Hypothese wären die befragten Probanden schlicht unsicher und hätten sich vom Verb in eine zur Wortsemantik passende Richtung schubsen lassen – ihre Erinnerung selbst bliebe unverändert. Nach der Rekonstruktions-Hypothese würde das Verb tatsächlich aktiv in die Erinnerung eingewoben, gleichsam als nachträgliche und aktive Überschreibung des Gedächtnisses.

Gerade deshalb war das zweite Experiment entscheidend: Wer eine Woche später Glas zu sehen meinte, konnte nicht mehr nur einer aktuellen wortsemantischen Suggestion folgen. Die Erinnerung selbst musste sich verändert haben – und Splitter zerborstenen Glases ergänzt haben, die nie real da gewesen waren.

Einfluss auf die Gedächtnisforschung

Der amerikanische Gedächtnisforscher Daniel Schacter brachte die Bedeutung des Befunds zum Ausdruck: Der sogenannte Misinformationseffekt im Experiment sei ein Beleg, dass Erinnerung ein adaptiv-konstruktiver Prozess ist – produktiv und fehleranfällig zugleich. Und sein Kollege Henry Roedinger formulierte: Loftus' Arbeit habe die Psychologie gelehrt, dass menschliches Gedächtnis offenbar weniger zwischen wahr und falsch unterscheide, sondern zwischen plausibel und unplausibel. 

Natürlich blieb das historische Car-Crash-Experiment nicht frei von Kritik. Studierende, die im Hörsaal einen Lehrfilm sehen, sind keine Augenzeugen, die unter Adrenalin, Schock und Betroffenheit antworten. Eine echte Unfallstelle ist wiederum kein flackerndes Schwarz-Weiß-Bild auf einer Leinwand. Und doch hat dieses Experiment etwas geleistet, was vor 1974 niemandem geglückt war: Es übersetzte eine philosophische Intuition – dass Erinnern ein Rekonstruieren ist – in eine kontrollierbare Versuchsanordnung. 

Damit wurde es zum Anstoß für ein halbes Jahrhundert empirischer Gedächtnisforschung. Es beeinflusst, wie Zeugenaussagen vor Gericht oder bei polizeilichen Untersuchungen bewertet werden, und hat das Bewusstsein dafür geschärft, wie Erinnerungen etwa an die Kindheit in der Psychotherapie durch Fragen des Therapeuten ausgelöst werden können.