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Ernährung Toast mit grünem Nutri-Score? Warum die Nährstoffampel ihren Zweck verfehlt

Nutri-Score
Farbenfroh und leicht verständlich soll der Nutri-Score gesunde Einkaufsentscheidungen erleichtern
© Geo
Der Nutri-Score soll die Qualität von Lebensmitteln auf einen Blick vergleichbar machen. Ernährungsexpertin Dr. Heike Niemeier hält die Nährstoffampel für eine schöne Idee, die am Ende aber nur das schlechte Gewissen beim Einkauf beruhige. Ein Gastkommentar

Freiwillig dürfen Hersteller nun auf verpackten Lebensmitteln den Nutri-Score aufbringen. Farbenfroh und leicht verständlich soll er nicht nur gesunde Einkaufsentscheidungen erleichtern, sondern so auch die Übergewichts- und Diabetes-Welle abflachen. Schöne Idee, wäre da nicht ein Fehler im System.

Nutri-Score: Wozu soll das Label dienen?

Nicht alle Lebensmittel, die verpackt im Supermarkt zu finden sind, sind für uns und unsere Gesundheit gleich gut. „Gesünder einkaufen und besser essen“ sei jetzt ganz einfach, verspricht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (kurz: BMEL) – doch so leicht ist es doch nicht. Die Qualität von Lebensmitteln einer Produktgruppe soll „auf einen Blick vergleichbar sein“, damit der stetig steigenden Anzahl an Personen, die mit Übergewicht und den damit verbundenen Risiken wie Diabetes Typ 2 und Herzkreislauferkrankungen leben, das Leben leichter gemacht wird.

Seit dem 06.11.2020 können Unternehmen den Nutri-Score auf verpackten Lebensmitteln anzeigen. Können, denn sie müssen nicht. Die Angabe ist freiwillig – und wenn ein Hersteller sich entscheidet, den Nutri-Score nutzen zu wollen, so muss er alle Produkte unter dieser Marke mit ihm versehen. Rosinen picken gilt also nicht. Das ist eine frohe Botschaft für Verbraucher*innen.

Einkaufen im Lockdown

Wie wird der Nutri-Score berechnet?

Nutri steht kurz für Nutrient (englisch für Nährstoff). Ein Score ist ein Zahlen- oder Messwert eines Tests. Es geht also um Nährstoffe, die aufgrund eines bestimmten Gehaltes in 100 g oder 100 ml Lebensmittel einen Wert bekommen.

Für die Bewertung muss der Hersteller in eine Excel-Tabelle die Werte seines Lebensmittels für Kalorien, gesättigte Fettsäuren, Anteil an Obst, Gemüse, Hülsen- und Schalenfrüchte, Raps-, Walnuss und Olivenöl, sowie Natrium eingeben. Auch Zucker, Proteine, Ballaststoffe und Salz werden abgefragt und der Nutri-Score wird dann automatisch ermittelt und in der jeweiligen Farb- und Buchstabenkombination dunkelgrün (A), hellgrün (B), gelb (C), orange (D) und rot (E) ausgegeben. Statt diverser Nährstoffangaben findet jeder so leichtverständliche Gesamtbewertungen, wobei dunkelgrün (A) das Beste ist und rot (E) die schlechteste Bewertung darstellt.

Die Einfachheit ist toll – wäre da nicht die Kritik, dass manche der Nährstoffe – z. B. Salz und gesättigte Fettsäuren – gar nicht so schlecht für uns sind wie gedacht und damit möglicherweise die Berechnung verfälschen. Insbesondere das Thema gesättigte Fettsäuren wird hinter den Kulissen der Wissenschaft schon hart diskutiert und lugt hier und da schon hervor. So hat Prof. Dr. Nicolai Worm dazu einen Artikel in der Welt am Sonntag veröffentlicht – absolut lesenswert!

Doch nun zu ein paar Kuriositäten der Nutri-Score-Deklarationen.

Toastbrot mit grünem Nutri-Score? Olivenöl mit orangenem?

„Der Nutri-Score soll Orientierung beim Einkaufbieten, indem er die Auswahl der ernährungsphysiologisch günstigeren Produkte innerhalb einer Produktgruppe erleichtert“ – so schreibt es das BMEL. Einschränkender Weise wird vom BMEL auch mitgeteilt, dass der Nutri-Score nur Lebensmittel berücksichtigt und daher keinen Hinweis für eine ausgewogene Ernährung liefert! Stimmt, denn zu einer ausgewogenen Mahlzeit gehören viele Lebensmittel.

Doch an dieser Stelle sträubt sich in mir alles! Denn das Ziel, dass der Einkauf mit dem Nutri-Score leichter werden solle, wird nicht erreicht.

Ich unterstelle, dass niemand einen erleichternden Wissenszuwachs beim Einkauf erhält, wenn er oder sie ein Toastbrot mit grünem A sieht. Stiftet es nicht eher Verwirrung? Wenn vorher noch klar war, dass weißes, pappiges Toastbrot zur Basis einer gesunden, ausgewogenen Ernährung keinen wesentlich fördernden Beitrag liefert, kann durch das grüne A das eigene Wissen in Frage gestellt werden. Dann wird wahrscheinlich leise gedacht: „Hey, vielleicht ist’s ja doch gar nicht so übel?“ Erleichternd wirkt der Nutri-Score daher nicht für den Einkauf, sondern für das schlechte Gewissen. Dabei waren das eigene Bauchgefühl und die zurückzuckende Hand beim Griff zum Toastbrot doch so wertvoll!

Und die Aussage des BMEL, dass innerhalb einer Produktgruppe mit dem Blick auf den Nutri-Score die beste Wahl getroffen werden kann, ist wohl auch eher Wunschdenken – und der mangelhaften Berechnungsgrundlage geschuldet. Sie müsste meines Erachtens selbst rot markiert werden und ein E erhalten.

Wenn eine Art von Brot das grüne Label verdient hat, weil es der Primus inter Pares – das Erste unter Gleichen – ist, dann wäre es ein Vollkornbrot mit intakten Körnern oder Kernen in sich, am besten aus Roggenschrot und -mehl.

Hinter jedem Kohlenhydrat versteckt sich Zucker

Mein Punkt in Sachen Getreideprodukte ist: So lange nicht verstanden wird, dass jedes Kohlenhydrat (auch Stärke(!)aus Getreide und Kartoffeln)für unseren Körper Zucker ist, sind wir auf dem Holzweg. Zur Erklärung: Stärke ist chemisch betrachtet eine lange Zuckerkette, die auf dem Weg der Verdauung bis zum Darm in einfachen Zucker aufgespalten werden. Stärke ist 100 % Zucker, nur das Stärke nicht süß schmeckt.

Leider wird die Stärke von offizieller Stelle immer noch nicht mit in Betracht gezogen, wenn es um die Bewertung von Lebensmitteln geht.

Auch Nudeln erhalten ein grünes A, obgleich Sie pro 100 g Rohware etwa 72 g Kohlenhydrate (Stärke und Zucker) enthalten.

Wer dezidiert über einzelne Lebensmittelprodukte Bescheid wissen möchte, kann zum Beispiel bei Open Food Facts vorbeischauen. Dort finden Sie weiteres Erstaunliches, auf dass mich Prof. Dr. Nicolai Worm aufmerksam gemacht hat.

Zum Beispiel, dass ...

  • Goldbären etwas gesünder als 85%ige Schokolade sind;
  • Nudeln viel gesünder als Emmentaler sind;
  • Golden Toast gesünder ist als Compté-Käse;
  • Maisflocken (80 % Maisstärke) viel gesünder als Walnüsse sind;
  • Fertig-Kartoffelklöße gesünder als geräucherte Makrele sind;
  • rustikale Weizenbrötchen gesünder als Bio-Naturjoghurt sind;
  • weißer Parboiled Reis gesünder als natives Bio-Olivenöl ist;
  • Maisgries (Polenta) gesünder als Oliven ist;
  • Weißbrot gesünder als gekochter Parmaschinken ist.
Colourbox / PR

Chile macht vor, wie wir es besser machen könnten

Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann lohnt sich der Blick ins weitentfernte Chile. Mit diversen Maßnahmen, angefangen beim Werbeverbot ungesunder Lebensmittel (woraufhin die Hersteller ihre Rezepturen zum Besseren veränderten) über Aufklärung in den Schulen und bis hin zur Deklarationspflicht (statt freiwilliger Hinweise), ist der Zucker in den Lebensmitteln um ein Vielfaches gesunken und der Verkauf dieser Lebensmittel mit leicht verständlichen Hinweisen ebenfalls.

Ich frage mich, warum Verbraucher*innen hier nicht mehr geschützt werden? Häufig heißt es, dass Verbraucher*innen selbst entscheiden und nicht bevormundet werden sollen. Letzterem stimme ich absolut zu – aber auf welcher Basis soll entschieden werden, wenn die Aufklärung so lückenhaft ist und die Lebensmittel durch Werbung immer wieder ins falsche Licht gerückt werden?

Über unsere Expertin

Für die Ernährungsexpertin Dr. Heike Niemeier ist Essen „die schönste Nebensache der Welt“. Nicht mehr, nicht weniger. Die Wissenschaft sei einfach „irre sachlich“ - es geht um Zahlen und Werte und „dabei wird gerne das Essen und die Psychologie dahinter vergessen“. Aus diesem Gedanken heraus ist ihr Buch „Essen gut, alles gut“ entstanden. Es versteht sich als Leitfaden und beantwortet anhand von Positiv-Beispielen von Patientinnen aus ihrem Praxisalltag die brennendsten Ernährungsfragen.

In Ihrem Blog widmet Sie sich brennenden Ernährungsfragen und aktuellen Themen aus der Ökotrophologie.


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