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Doppelmord im Jahr 1892 Wie erstmals ein Täter mithilfe von Fingerabdrücken überführt wurde

Fingerabdrücke
Kein Rillenprofil auf der Kuppe eines menschlichen Fingers gleicht einem anderen. Im späten 19. Jahrhundert beginnen Ermittler, diese wissenschaftliche Erkenntnis zu nutzen, um Kriminelle eindeutig zu identifizieren
© mauritius images / Old Visuals
Ein doppelter Kindsmord erschüttert 1892 Argentinien. Doch am Tatort findet sich eine Spur, die dem Täter zum Verhängnis wird: ein Fingerabdruck

Kerzenlicht bescheint die beiden Leichen. Zwei Kinder, vier und sechs Jahre alt, mit eingeschlagenen Köpfen. Die Polizei hat ­ihren mutmaßlichen Mörder gefesselt und neben die Toten gelegt. Pedro Velasquez soll eine Nacht im Angesicht der Opfer verbringen, Reue verspüren – und die Tat endlich gestehen.

Alles spricht gegen den Knecht aus dem argentinischen Küstenort Necochea. Als Francisca Rojas, die Mutter der Opfer, am 19. Juni 1892 von der Arbeit kommt, stürmt er aus ihrer Hütte. Im Schlafzimmer findet sie ihre toten Kinder. So berichtet es Rojas – und nennt sogleich das Mordmotiv: Liebeskummer.

Erst kurz zuvor hatte Rojas einen Heiratsantrag von Velasquez abgelehnt – sie wolle einen jüngeren Mann heiraten, mit dem sie bereits verlobt sei. Nach der Zurückweisung tobte Velasquez, drohte mit Rache. Das gibt der Beschuldigte sogar zu. Nicht aber den Mord an Rojas’ Kindern. Stundenlange Verhöre, Prügel und auch die Nacht neben den Leichen lösen seine Zunge nicht.

Ein Inspektor aus der Provinzhauptstadt La Plata reist an. Als Eduardo Álvarez den Tatort begutachtet, entdeckt er einen bräunlichen Fleck auf der Schlafzimmertür. Ist es getrocknetes Blut? Álvarez erkennt fein geschwungene Linien – ein Daumenabdruck. Er sägt die mögliche Spur aus dem Rahmen. Denn er will eine neue, vielversprechende Ermittlungsmethode nutzen.

1892, im Jahr des Doppelmords in Necochea, ver­öffentlicht der britische Naturforscher Francis Galton, ein Cousin Charles Darwins, sein Grundlagenwerk „Finger Prints“, in dem er die Daktyloskopie darlegt (griech., „Fingerschau“). Galton hat dafür 8000 Fingerabdrücke unter dem Vergrößerungsglas studiert – und bei jedem Muster winzige Besonderheiten entdeckt, etwa eine plötzliche Gabelung zweier Linien oder einen einzelnen Punkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Finger dasselbe Profil aufweisen, betrage 1 zu 64 Milliarden, so der Forscher.

Er kommt auf diesen Wert, indem er jeden Abdruck in mehrere Quadrate einteilt und auf Basis der Einmaligkeit jedes Feldes die Individualität des gesamten Fingerabdrucks kalkuliert. Galton bestätigt, was viele andere bereits vor ihm vermutet haben: Anhand der Hautrillen auf den Fingerkuppen lässt sich jeder Mensch zweifelsfrei erkennen.

Damit liefert der Wissenschaftler eine Lösung für eine Frage, die in jener Zeit wichtiger scheint denn je: Wie identifiziert man Verbrecher mithilfe von Spuren? Seit Beginn der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert ziehen Massen vom Land in die Stadt. Die wachsenden urbanen Zentren gelten als Brutstätten der Kriminalität; die Obrigkeit kommt mit der Aufklärung oft nur mühsam nach.

Die erste kriminologische Datenbank, die auf Fingerabdrücken beruht

Im argentinischen La Plata liest der Ermittler Juan Vucetich in einem wissenschaftlichen Fachjournal von Galtons Forschungen und ist begeistert. Er arbeitet sich in die Methode ein, schult andere Beamte und entwickelt ein eigenes System, Fingerabdrücke zu klassifizieren. So entsteht in Südamerika die weltweit erste kriminologische Datenbank, die auf der Beschaffenheit von Fingerkuppen beruht.

Unter den Mitarbeitern des Pioniers Vucetich ist auch der nach Necochea entsendete Kriminalbeamte Eduardo Álvarez. Schnell findet er heraus, dass der mutmaßliche Mörder Velasquez ein Alibi besitzt. So rückt die Mutter, Francisca Rojas, in sein Visier. Denn auch sie hat ein Motiv. Über ihren Liebhaber kursieren Gerüchte: Er würde sie, wie von ihr gewünscht, heiraten – wären da nicht ihre beiden unehelichen Kinder.

Álvarez bestellt Rojas auf die Wache, presst ihren Daumen erst auf ein Stempelkissen und dann auf ein Blatt Papier. Und tatsächlich: Das Vergrößerungsglas zeigt dasselbe Muster wie auf dem blutigen Abdruck auf ihrer Schlafzimmertür. Konfrontiert mit den identischen Profilen, bricht Rojas’ Fassade zusammen. Obwohl der Abdruck allein ihre Schuld nicht beweist, gesteht die junge Mutter nun, ihre eigenen Kinder mit einem Stein erschlagen zu haben, um die Ehe mit ihrem Verlobten möglich zu machen.

Der Doppelmord ist weltweit der erste Kriminalfall, der mithilfe eines Fingerabdrucks gelöst wird. Die Kindsmörderin kommt lebenslang ins Zuchthaus.

Immer mehr Ermittler übernehmen fortan die Daktyloskopie, rasch entwickelt sich die Methode weiter. Bald enthüllen chemische Pulver auch unsichtbare Abdrücke. Und mittlerweile gleichen Computer Millionen Fingerabdrücke sekundenschnell miteinander ab.

Bis heute ist der Fingerabdruck eine der sichersten und anerkanntesten Methoden, mit der Täter überführt werden können.


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