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Kopernikanische Wende Wie Nikolaus Kopernikus ein neues Weltbild schuf

Eigentlich will Nikolaus Kopernikus um 1510 nur die Bahnen der Planeten korrekt berechnen – und macht dabei eine grundstürzende Entdeckung
Kopernikus

Schon früh beschäftigt sich Nikolaus Kopernikus, 1473 als Sohn eines Kaufmanns in Thorn (Polen) geboren, mit der Astronomie. Da ihm die bisherigen Berechnungen der Planetenbahnen zu ungenau sind, überprüft er sie. Und stellt dabei etwas für seine Zeit Unglaubliches fest: Die Erde umkreist die Sonne – nicht umgekehrt. Eine Erkenntnis, die zur »kopernikanischen Wende« führen wird, einem neuen Weltbild

 

Drohend grollt es im Sommer 1539 aus Wittenberg. Der Reformator Martin Luther richtet seine Wut auf einen „Wirrkopf“, der „die ganze Kunst der Astronomie umkehren“ wolle. Der Gescholtene grübelt derweil in Frauenburg bei Danzig über seinem Manuskript – und hat Angst. Mehr als drei Jahrzehnte schon arbeitet Nikolaus Kopernikus an dem Werk, das die Sternenkunde revolutionieren soll. Und zögert noch immer, es zu veröffentlichen.

Schon als 18-Jähriger begeistert sich Kopernikus, für den sein Onkel, ein Bischof, eine kirchliche Karriere vorgesehen hat, für die Geheimnisse des Nachthimmels. Schnell merkt er, dass bisher noch kein Sternenkundler die Planetenbahnen korrekt berechnet hat. Denn alle haben mit einem Dogma zu kämpfen: Im vorherrschenden Weltbild ist die irdische Physik strikt von der Physik des als vollkommen angesehenen Himmels getrennt. Während auf Erden ungeordnete Bewegungen vorkommen, gelten jenseits davon „ideale“ Gesetze, aufgrund derer sich vollkommene Kugelplaneten gleichförmig auf perfekten Kreisbahnen bewegen.

Allerdings passt diese Vorstellung nicht zu dem, was sich im Verlauf zahlloser Nächte beobachten lässt: Offenkundig ziehen die Planeten schleifenartige Bahnen. Und so suchen die Astronomen schon seit Langem nach Methoden, mit denen sich die ungleichmäßigen Bewegungen der Himmelskörper auf gleichförmige Kreisbewegungen zurückführen lassen. Nur so könnten sie den Lauf der Planeten etwa für das Erstellen von Kalendern vorausberechnen.

Ptolemäus bringt Nikolaus Kopernikus auf den entscheidenden Gedanken

Der Mathematiker und Astronom Claudius Ptolemäus hat dafür bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. ein komplexes System ersonnen: Er lässt allein Mond und Sonne auf Kreisbahnen direkt um die Erde laufen. Die Planeten aber umrunden die Erde dabei nicht nur auf einem großen Hauptkreis, sondern drehen zudem kleinere Neben kreise, deren Mittelpunkte auf dem Hauptkreis liegen.
Zwar ermöglicht dieses Modell recht zuverlässige Berechnungen, aber Kopernikus ahnt, dass es eine einfachere Lösung geben muss.

1510 übernimmt er in Frauenburg die Aufgaben eines Domherrn, ein gut dotiertes Kirchenamt. Seither sitzt er in jeder freien Minute über Astronomiebüchern. Dabei stößt er auf die Theorien des Aristarchos von Samos, der im 3. Jahrhundert v. Chr. behauptet hat, alle Planeten einschließlich der Erde drehten sich um die Sonne. Nicht die Erde befindet sich im Zentrum, sondern die Sonne: Das ist der entscheidende Gedanke!

Bis 1514 vollendet Kopernikus den ersten Entwurf seines neuen Weltmodells. Das Zentrum ist die Sonne. Und die Erde umrundet nicht nur wie die anderen Planeten das Zentralgestirn, sondern sie dreht sich zudem auch noch im Laufe eines Tages einmal um die eigene Achse.
Dem Forscher ist bewusst, wie ungeheuerlich all diese Behauptungen sind. Schließlich kennt er die Einwände gegen die Hypothese von der Erdbewegung. Würden nicht die Wolken stets hinter der Erde zurückbleiben, wenn sie sich tatsächlich drehte? Müssten nicht senkrecht in die Luft geworfene Gegenstände an einer hinter dem Ausgangsort liegenden Stelle wieder auftreffen?

Galilei und Kepler verhelfen neuem Weltbild zum Durchbruch

Kopernikus fürchtet die Kritik der Gelehrten – also müssen Beweise her. In den folgenden 25 Jahren arbeitet er an der Vervollkommnung seines Modells, korrigiert Berechnungen, ergänzt seine Beobachtungen.

Erst als der junge Mathematikprofessor Georg Joachim Rheticus 1539 in Frauenburg auftaucht und ihn überredet, seine Forschungen zu publizieren, gibt Kopernikus langsam nach. Schließlich lässt er sein Opus magnum „Über die Umwälzungen der himmlischen Sphären“ drucken.

Die Empörung bleibt aus: Anfangs wird das kopernikanische System von Fachleuten lediglich als eine weitere Hypothese zur Berechnung der Planetenbewegungen angesehen. Eine Generation später verhelfen die Astronomen Galileo Galilei und Johannes Kepler dem neuen Weltbild zum Durchbruch: Kepler kann unter anderem zeigen, dass die Planeten nicht auf Kreisen, sondern auf Ellipsen um die Sonne laufen.

Und erst als Galilei diese Theorie als maßgebend für eine neue Auslegung der Bibel erklärt, reagiert die Kirche. 1616 wird der Heliozentrismus vom Vatikan als ketzerisch verurteilt.

Die Seelenruhe seines Entdeckers kann das nicht mehr erschüttern: Kopernikus ist bereits 1543 gestorben – nur wenige Stunden nachdem er das erste gedruckte Exemplar seines Lebenswerks in Empfang genommen hat.