Hansestadt im Jahr 1892 Cholera in Hamburg: Ein Lehrstück über den Umgang mit Epidemien

Die Hitze lähmt 1892 das Leben der Hamburger – und weckt ihren Gegner: In der Elbe vermehrt sich ein Bakterium, das die Stadt verheeren und für immer verändern wird. Ein Lehrstück
Cholera in Hamburg: Ein Lehrstück über den Umgang mit Epidemien

Wohin mit all den Kranken? Die Kliniken der Stadt haben keine freien Betten mehr. Zusätzliche Kapazitäten, wie diese Baracken in Eppendorf, müssen erst gebaut werden

Hamburg stinkt zum Him­mel im August 1892: Ein drückend heißer Sommer las­tet über der Stadt. Die Pegel­stän­de der Elbe sind tief gefallen, ihr Wasser hat sich auf 22 Grad Celsius erwärmt. Aus allen Kanälen drückt der Gestank durch die Gassen der Hansestadt: Es stinkt aus den Hafenbecken, es stinkt aus dem Fluss, der eine Kloake ist.

Während die Hitze das Leben in der Stadt lähmt, entfaltet sich im warmen, verdreckten Wasser eine Katastrophe. Ein stäbchenförmiges Bakterium, ­Vibrio cholerae, findet in der Elbe nun ideale Bedingungen, um sich explosionsartig zu vermehren.

Das erste Opfer ist am 15. August ein Arbeiter aus Altona, der den Auslass der Kanalisation in die Elbe überwacht. Sein Arzt diagnostiziert Verdacht auf Cholera, dessen Vorgesetzter korrigiert den Befund allerdings umgehend – auf Brechdurchfall.

Am 16. August werden zwei weitere Fälle gemeldet, am 17. sind es schon vier, noch am gleichen Abend ist das erste Todesopfer zu beklagen. Die Fälle häufen sich. Am 20. August melden ­mehrere Ärzte der Hamburger Gesundheitsbehörde: Die Cholera könnte ausgebrochen sein.
Das Amt wiegelt ab: „Einzelfälle“, nicht an die große Glocke hängen.

Noch könnten die Stadtväter eine Tra­gödie verhindern; doch die Behörden wollen nichts vom Ausbruch einer Epidemie in ihrer Stadt wissen, die damals knapp 600.000 Einwohner zählt. Das Eingeständnis und eine Quarantäne würden Hafen und Handel der Hansestadt schwer treffen. Das will ­niemand verantworten.

Getrieben von Geiz und Hybris führen Behörden und Senatoren ihre Stadt in eine Katastrophe, die Tausende das Leben kosten wird: Das macht die große Cholera-Epidemie von Hamburg zu einem Lehrstück darüber, was passieren kann, wenn Politiker wissenschaftliche Tatsachen ignorieren.

Um den 20. August gelangt der Erreger in den Haupteinlass der Hamburger Wasserversorgung im Stadtteil Rothenburgsort. Denn aus demselben Fluss, in den die Hamburger ihre Fäkalien spülen, beziehen sie auch ihr Trink­wasser. Binnen Stunden nehmen nun Abertausende Hamburger die Keime auf. 66 neue Fälle werden gemeldet, am 21. zeigen weitere 113 Menschen Symp­tome. Am 23. August bestätigt die Behörde offiziell 123 Fälle. In Wahrheit sind an diesem Tag wahrscheinlich min­destens 815 Hamburger infiziert.

Mit schockierender Wucht und Geschwindigkeit kommt das Unheil über die Menschen. Ein Vater, der morgens noch unbeschwert mit der Familie früh­stückte, findet womöglich schon abends die amtliche Mitteilung an der Haustür: Frau und Kinder wurden ins Krankenhaus verbracht.

Binnen Stunden vermag die Cholera zuzuschlagen. Ihre Opfer leiden unter extremem Durchfall und Erbrechen, sie verlieren massiv an Körperflüssigkeit, der Kreislauf bricht zusammen. Muskelkrämpfe schütteln die Kranken. Die Haut verfärbt sich blau und wird wellig, die Augen sinken tief in die Höhlen und blicken stumpf, Hände und Füße sind eiskalt. Lebende Tote. In diesem Zustand sterben rund die Hälfte der Infizierten, oft an Herz- und Nierenversagen infolge Dehydration.

Spätestens am 24. August, acht Tage nach Auftreten des ersten Falles, lässt die Epidemie sich nicht mehr verheimlichen. Internationale Zeitungen, etwa die Londoner „Times“, entsenden Korrespondenten an die Elbe. Bald stecken sich Hunderte an, Tag für Tag. Die Cholera verwandelt Hamburg in eine Todeszone, in eine Zombiestadt.

Von Indien aus reist Cholera um die Welt

Cholera in Hamburg: Ein Lehrstück über den Umgang mit Epidemien

Die Zahl der Infizierten, um die sich die Ärzte kümmern müssen, explodiert. Am Ende werden es etwa 17000 sein, rund die Hälfte von ihnen stirbt

Der Siegeszug der Cholera beginnt wohl 1817 in Indien. Als regionales Phänomen ist die Krankheit dort lange bekannt, doch trat sie nie verheerend in Erscheinung. In jenem Jahr aber schafft eine Klima-Anomalie, hervorgerufen durch einen gewaltigen Vulkanausbruch, neue Lebensbedingungen. Im Golf von Bengalen, wo Vibrio cholerae heimisch ist, verändern sich die Wassertemperaturen – womöglich trägt das dazu bei, einen neuen, aggressiven Erregerstamm hervorzubringen.

Die Menschen in der Region sind ohnehin durch Unwetter und Hungersnöte geschwächt. Und sie sind auf Wander­schaft, machen sich in großer Zahl auf den Weg, fort aus den Katastrophengebieten. Sie tragen den Erreger hinaus aus dem Tal des Ganges.

Die Cholera tritt ihre Reise in die Welt an, die damals schon globalisiert ist. Der Erreger reist mit den Händlern, die Waren aus dem britischen Empire transportieren, und mit den Truppen der Kolonialmacht. Er gelangt nach Nepal und Afghanistan, breitet sich vom Kaspischen Meer die Wolga hinauf bis ins Baltikum aus. In Westeuropa und Nordamerika, wo das Bakterium in den überbevölkerten Slums der boomenden Industriestädte ideale Daseinsbedingungen findet, kommt die Cholera zu Beginn der 1830er Jahre an. In Hamburg bricht sie erstmals am 5. Oktober 1831 aus, fordert weit mehr als Tausend Todesopfer.

Wenig, im Vergleich zu den Opferzahlen anderer Städte; Paris etwa beklagt 18.500 Cholera-Tote. In London fordert die Seuche 1854 über 10.000 Todesopfer. Und niemand hat zunächst eine Ahnung, warum – oder wie man sich schützen könnte.

Ein Londoner Arzt bestätigt die Mapping-Hypothese

Doch das Wissen wächst. Noch im Katastrophenjahr 1854 beschreibt der italienische Anatom Filippo Pacini den Erreger der Cholera. Und in London gelingt es dem Arzt John Snow, die Ausbreitungswege in detektivischer Arbeit nachzuzeichnen. Snow hat einen Anfangsverdacht – das Trinkwasser.

Die Londoner erhalten ihr Wasser im Wesentlichen von zwei unterschiedlichen Gesellschaften. Die eine pumpt es stadtnah aus der verdreckten Themse, die andere gewinnt es im Londoner Umland, wo der Fluss vergleichsweise sauber ist. Snows Daten bestätigen seine Trinkwasser-Hypothese: 315 Cholera-Tote auf 10.000 Haushalte hier, aber nur 37 dort.

Snow zeichnet nun sämtliche Todesfälle in eine Karte ein (heute nennt man diese Methode disease mapping). Wo sie sich zusammenballen, muss sich der primäre Ansteckungsherd befinden – es ist eine Trinkwasserpumpe im Armenviertel Soho. Ein weißer Fleck auf dem Stadtplan des Todes liefert die Gegenprobe: Unter den Beschäftigten einer Brauerei im Krisengebiet tritt kein einziger Todesfall auf – die Arbeiter dort trinken nie Wasser, nur das Bier ihrer Firma, das sie günstig erhalten.

Somit ist eine entscheidende ­Einsicht für das Verständnis der Seuche gewonnen: Die Erreger gelangen über verunreinigtes Trinkwasser in den menschlichen Organismus. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kommt hingegen nur äußerst selten vor.

Als Robert Koch in Hamburg eintrifft, ist er vom Ausmaß der Epidemie schockiert

Cholera in Hamburg: Ein Lehrstück über den Umgang mit Epidemien

Rund um die Uhr heben Totengräber auf dem Ohls­dorfer Friedhof Massengräber aus, als die Epidemie ihren Höhepunkt erreicht

Etwa drei Jahrzehnte nach Snows Untersuchungen, in den 1880er Jahren, entwickelt der Mediziner Robert Koch eine wissenschaftliche Er­re­ger­theo­­rie. Er kultiviert ­„Bazillen“ außerhalb des Organismus und beschreibt deren Lebenszyklen. Koch wird so, neben dem Franzosen Louis Pasteur, zum Begründer der modernen Bakteriologie und Mikrobiologie.

Koch, der am kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin forscht, erkennt den Wert von Quarantäne und Desinfek­tion. Nach einer aufsehenerregenden Expedition zur Erforschung der Cholera in Ägypten und Indien wird er in den Preu­ßischen Staatsrat berufen.

Nun soll er in Hamburg den Krieg gegen die Cholera führen.

Am 24. August 1892 trifft Koch in der Hansestadt ein. Er ist schockiert. „Als ich nach Hamburg kam, glaubte ich ein paar Kranke anzutreffen, von denen man nicht recht wusste, ob sie die Cholera hätten oder nicht.“ Stattdessen „war mir zu Mut, als wanderte ich über ein Schlachtfeld. Überall Menschen, die noch wenige Stunden vorher von Gesundheit strotzend und lebensfroh in den Tag hinein gelebt hatten und nun in langen Reihen dalagen, von unsichtbaren Geschossen dahingestreckt.“

Koch erlebt eine Stadt, die von Angst zu Panik taumelt. Die beiden größten Krankenhäuser, in Eppendorf und St. Georg, verfügen zusammen über 3.820 Betten, von denen die Mehrzahl belegt ist. Dort treffen nun täglich Hunderte Cholera-Fälle ein, bis Ende August insgesamt mehr als 3.000. „Die Zimmer sind geradezu furchtbar überfüllt, Jammern und Schreien, Ächzen und Stöhnen tönen grausig durch den Raum“, schildert ein Zeitzeuge das Inferno.

"In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen."

Auf den Gängen stapeln sich ­Leichen. Oder sie werden auf dem Klinikgelände in langen Reihen ins Gras gelegt. Vom Krankenhaus rumpelt ein nahezu ununterbrochener Zug von ­Leichenwagen, aber auch von Möbelwagen und anderen geschlossenen Fahr­­zeugen, die beschlagnahmt worden sind, zum Friedhof Ohlsdorf. Dort betten weit mehr als 100 Totengräber in Tag- und Nachtschichten die Chole­ra-Opfer in Massen­gräber. An mehreren Stellen der Stadt sind größere Plätze mit Planken umzäunt, um die Toten zwischenzulagern.

Fassungslos machen Koch die menschenunwürdigen Wohnverhältnisse, auf die er bei einer Inspektion der am stärksten betroffenen Quartiere stößt. Die labyrinthartigen Gängeviertel, in denen vor allem die Hafenarbeiter mit ihren Familien zusammengepfercht leben, sind lichtlose, stickige Slums mit haarsträubenden sanitären Bedingungen. „In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen“, urteilt Koch. „Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin.“

Die Menschen sind in Massen aus der Stadt geflohen; rund 12000 Hamburger stürmen die Ho­tels und Herbergen im Um­land, bis hinauf an die Nordsee. Manche wollen noch viel weiter weg: Hunderte von Emigranten, vor allem aus Russ­land, warten in der Stadt auf ihre Weiterreise nach Amerika. Viele von ­ihnen tragen den Cholera-Erreger in sich. Um die Menschen in den Auswan­de­rer­baracken loszuwerden, lässt Senator Gerhard Hachmann mehrere Schiffe mit Infizierten in See stechen.

„Die armen Kinder sind auf dem Schiff hingestorben wie die Fliegen“, berichtet ein Passagier. Und in ­Amerika dürfen die Auswanderer nicht an Land, müssen lange an Bord der ­Totenschiffe ausharren. Die Amerikaner verschärfen danach ihr Einwanderergesetz.

Desinfektionskolonnen ziehen von Wohnung zu Wohnung

Robert Koch übernimmt das Kommando in der Hansestadt. Dass ihnen nun ein Preuße sagt, was zu tun ist, gilt den auf Eigenständigkeit bedachten Hanseaten als Zumutung. Sie sind immer noch der Auffassung, ihr Elbwasser sei trinkbar (in den feineren Haushalten wird es ja auch stets von den Dienst­­mädchen abgekocht). Anfangs lassen sie Robert Koch ins Leere laufen. Doch im Angesicht der Katastrophe bestätigt der Senat am 26. August dessen Maßnahmenkatalog.

Die Polizei solle Tank- und Brauereiwagen requirieren, um die Bewohner umgehend mit unverseuchtem Wasser zu versorgen. Auf den Straßen seien Möglichkeiten zum Abkochen des Wassers zu schaffen. Mit Plakaten soll die Bevölkerung über die Gefahren aufgeklärt werden, die im Wasser lauern. Alle Schulen, Tanzhallen und Vergnügungsstätten werden geschlossen. Sanitäts- und Desinfektionskolonnen ziehen in den betroffenen Gegenden von Wohnung zu Wohnung.

Als besonders qualvoll für Hamburgs Patrizier erweist sich Kochs Anordnung, umgehend Flugblätter (Schutzmaßnah­men gegen die Cholera) an alle Haushalte zu verteilen. Denn diese Aufgabe – über Nacht 250000 Exemplare drucken und dann umgehend unter das Volk bringen – kann in der Stadt nur eine einzige Organisation bewältigen: die Sozialdemokraten. Ausgerechnet die dem Establishment verhassten Genossen muss Polizeisenator Hachmann jetzt um Unterstützung bitten. Am nächsten Morgen sind die Flugblätter gedruckt.

Robert koch sorgt auch dafür, dass die Cholera sich nicht weiter verbreitet, dass alle im Umland aufflackernden Herde sofort ausgetreten werden. Er zielt darauf, „dass die ersten Fälle an jedem Ort gründlich behandelt werden, damit eine örtliche Epi­demie nicht erst zum Ausbruch kommt“. Denn Koch beherrscht bereits das moderne Instrumentarium im Kampf gegen eine Epidemie.

Und in seinen erfolgreichen Maßnahmen spiegelt sich, was Hamburg zuvor falsch gemacht hatte: alles.

Cholera in Hamburg: Ein Lehrstück über den Umgang mit Epidemien

Desinfektions­kolonnen ziehen in den betroffenen Stadtgebieten von Haus zu Haus. Ein stechender Chlorgeruch liegt über Hamburg

Zu Ausbruch der Epidemie sind lediglich vier von Pferden gezogene Krankenwagen einsatzbereit

Auch nach der Epidemie von 1831/32 hatte die Stadt nichts zur Verhütung oder Bekämpfung der Cholera unternommen. Um Geld zu sparen, schiebt der Senat das Krisenmanagement Ärzten und freiwilligen Organisationen zu. Selbst jetzt, kurz vor der Jahrhundertwende, existieren in der Hansestadt keine spezialisierten Stationen. Bei Ausbruch der Epidemie sind in Hamburg lediglich vier von Pferden gezogene Krankenwagen einsatzbereit.

Der Hauptfehler: Hamburg schiebt den Bau von Filtrieranlagen für das Trinkwasser, wie sie in anderen Städten längst erfolgreich im Einsatz sind, immer wieder auf die lange Bank – zu teuer. Zeitgleich schreitet der Bau des neuen Rathauses, ein Palast in florentinischer Grandezza, zügig voran. Die Kosten für das Prestigeprojekt hätten auch für den Bau moderner Filtrationsanlagen gereicht, fast jedenfalls.

Das Zögern zu Beginn der Seuche kommt Hamburg auch ökonomisch teuer zu stehen: Die Wirtschaft kollabiert. Dänemark schließt die Grenzen, Länder in Übersee verbieten sämtliche Einfuhren aus Hamburg, ausländische Schif­fe dürfen den Hamburger Hafen nicht anlau­fen, Schiffe, die bereits im Hafen liegen, ihn nicht mehr verlassen. „Die erste deutsche Handelsstadt ist in Acht und Bann erklärt“, schreibt die „Kölnische Zeitung“, ­eines der führenden überregionalen Blätter. „Dem früheren Gesamt­umsatz von wöchentlich 50 Millionen Mark stehen heute wenige Tausend Mark gegenüber.“

Die Werft Blohm & Voss reduziert ihre Belegschaft von 3.000 auf 700 Mann. Die Eisenbahn stellt den Verkehr ein, kaum eine Investition wird getätigt, der Konsum erstirbt. Ein neuer Gestank liegt über der Stadt. Nicht mehr die fauligen Ausdünstungen der Elbe, sondern der scharfe Geruch der chlorhaltigen Desinfektionsmittel.

Nach zehn grauenvollen Wochen geht die Zahl der Neuerkrankungen in Hamburg zurück. Der Erreger hat am Ende fast 17.000 Menschen befallen, 8.605 getötet. Es ist der letzte Cholera-­Ausbruch in Deutschland.

Die Folgen der Seuche verändern das Bild der Stadt. Die Slums werden abgerissen (allerdings erst nach dem Hafen­arbeiterstreik von 1896/97), mehr als 20.000 Menschen vertrieben. Wohl kein Einziger von ihnen kehrt in die neu errichteten Wohnungen zurück; sie sind zu teuer. Später entstehen Wohnsiedlungen in den Vororten, per Eisenbahn mit der Innenstadt verbunden. Auch an dieser Neukonzeption der modernen Stadt hat die Cholera ihren Anteil.

Schon 1892 stellt der Senat ausgebildete Chemiker ein und gründet ein Hygienisches Institut. Die Filtrieranlage für das Elbwasser geht ab 1893 in Betrieb, woraufhin die Säuglingssterblich­keit in der Stadt drastisch sinkt. Eine Versuchsanlage zur Abwasserreinigung wird getestet, Abfälle werden fortan unter staatlicher Aufsicht verbrannt oder gereinigt, schärfere Bauvorschriften erlassen.

Einschneidend sind die politischen Folgen. Nicht nur die Sozialdemokraten fordern angesichts des Versagens der alten Eliten ein allgemeines Wahlrecht. 1901 zieht der erste Genosse in die Bürgerschaft ein. Die Zeit der Honoratiorenklüngel, die sich nur den eigenen Interessen verpflichtet fühlen, geht zu Ende. Der britische Historiker Richard J. Evans schreibt in seinem Buch „Tod in Hamburg“: „Die Cholera-­Epidemie von 1892 befreite die Kräfte des politischen Wandels.“

Heute ist die Cholera längst einfach zu vermeiden und zu behandeln, doch ist sie keineswegs besiegt.

In den Kriegs­gebieten des Jemen wütet bereits seit Jahren der größte ­bekannte Cholera-­Ausbruch in der Geschichte der Menschheit. Die Weltgesundheitsorganisation geht bis zum Frühjahr 2020 von 1,3 Millionen Verdachtsfällen aus.