Steiler Hang? Vorsicht! So schätzen Skifahrer das Lawinenrisiko besser ein

Solche Schwünge im Tiefschnee sind der Traum vieler Skifahrer: Doch das Lawinenrisiko sollte man dabei nie vergessen. Foto: Flor
Solche Schwünge im Tiefschnee sind der Traum vieler Skifahrer: Doch das Lawinenrisiko sollte man dabei nie vergessen. Foto
© Florian Sanktjohanser/dpa-tmn
Neben der Piste lockt der Tiefschnee und viele fahren unbedarft hinein: Wird schon gut gehen! Doch darauf sollte man sich nicht verlassen. Welche Faustregeln helfen, um Gefahren zu erkennen?

In vielen Skigebieten warten neben den Pisten unpräparierte Hänge mit Tiefschnee. Und viele lassen sich davon locken: Auch ohne Kenntnisse von Lawinenkunde und ohne Notfallausrüstung verlassen sie die gesicherten Abfahrten – ein paar Schwünge im Powder unweit der Pisten ziehen, was soll schon passieren?

Nun, Lawinenabgänge in Skigebieten zeigen immer wieder: Auch das birgt Gefahren. Das Problem ist, dass die Gefahr oft nicht wahrnehmbar ist. "Die Lawine stinkt nicht", so hat es der Schweizer Lawinenforscher Werner Munter beschrieben.

Deshalb rufe ich Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein an: Gibt es Grundregeln, die man beachten kann, ohne einen Lawinenkurs besucht zu haben? Das ist natürlich immer das Beste, doch der Berg- und Skiführer sagt auch: Viele, die im freien Gelände unterwegs sind, machen das inzwischen und sind außerdem mit dem nötigen Equipment ausgestattet - Lawinen-Verschütteten-Suchgerät (LVS-Gerät), Sonde, Schaufel, immer öfter mit Lawinenairbag. Das sind die Freerider und Skitourengänger.

"Aber dann ist da noch eine große Gruppe, die nicht so einfach zu erreichen ist", sagt Winter. Skifahrer und Snowboarder, die eigentlich nur auf den Pisten unterwegs sind, aber bei einer günstigen Gelegenheit auch mal abbiegen in einen Hang mit Tiefschnee. Ich gebe zu: Dazu zähle ich ebenfalls. Also, wie kann ich als Laie eine Risikoeinschätzung treffen? 

Der Fachmann erklärt hier zunächst die Details – und bringt es am Ende noch einmal kurz auf den Punkt.

Die Steilheit als wichtiger Faktor

"Damit eine Lawine entsteht, braucht es drei Dinge", sagt Stefan Winter. "Der Hang muss steil genug sein, es braucht eine Schwachschicht in der Schneedecke und eine Störung der Schneedecke."

Stichwort Störung: Die meisten Lawinen werden von Wintersportlern selbst ausgelöst – das Risiko lässt sich oft schon reduzieren, wenn man einzeln mit Abstand einen Hang abfährt und nicht als Gruppe. 

Für eine Analyse der Schneedecke braucht es wiederum Fachwissen – das ist als Laie kaum möglich. 

Die Einschätzung zur Steilheit eines Hangs ist aus Sicht des Fachmanns schon einfacher herauszufinden. Als Faustregel gilt: Für Lawinen braucht es meist mindestens 30 Grad Gefälle. "Das sind Hänge, die man nicht mehr direkt aufsteigen kann, sondern wo man quer und in Kehren hochgehen muss."

Mithilfe von Plastikkarten mit Neigungswinkeln oder auch Kartenapps kann man das Gefälle präziser bestimmen. Wie das geht, erklärt der Alpenverein im Detail auf seiner Website. Stefan Winter empfiehlt außerdem die spendenbasierte App skitourenguru.com, mit detaillierten Topografien des Alpenraums: "Die Seite ist auch für Laien gedacht." Auf alpenvereinaktiv.com gibt es ebenfalls Karten.

Lawinenwarnstufe drei? Weg von steilen Hängen

Am Ende sind aber die meisten Hänge, die für Skifahrer und Snowboarder interessant sind, steiler als 30 Grad. Hier kommt nun die Lawinengefahrenstufe ins Spiel – sie reicht von 1 bis 5. Die Gefahrenstufen sind im Lawinenlagebericht für Regionen angegeben, die online zu finden sind und in vielen Gebieten auch an den Liftstationen aushängen. 

Für Laien, die kein Risiko eingehen wollen, sollte schon in der Mitte der Skala Schluss mit Ausflügen ins freie und ungesicherte alpine Gelände sein. "Ab Stufe drei keine Hänge über 30 Grad, wenn man unerfahren ist", sagt Winter. Bei der dritten Gefahrenstufe passieren die meisten Unfälle.

Mit jedem Neuschneezuwachs und je nach Wetterlage steigt laut dem Deutschen Skiverband die Gefahr von Lawinenabgängen. Besondere Vorsicht sei während und nach dem Schneefall bei starkem Wind, tiefen Temperaturen, aber auch Warmluft und Sonneneinstrahlung geboten.

Warnzeichen von Wumms bis Schollen

Doch auch eine geringe oder mäßige Gefahrenstufe ist keine Garantie: Wenn man in einen Hang fährt, gibt es Warnzeichen, die man nicht ignorieren sollte. Dazu zählen "Wumm"-Geräusche, wenn man einen Hang quert. "Das sind Setzungsgeräusche der Schneedecke", erklärt Stefan Winter. Das deutet auf instabile Schichten hin.

Gleiches gilt, wenn sich Schneeschollen unter dem Ski lösen und den Hang hinabgleiten, oder wenn kleine Risse in der Schneedecke sind. "Dann gilt große Vorsicht – wenn möglich, macht man direkt wieder kehrt und fährt zurück zur Piste."

Den Spuren folgen – aber nicht blind

Doch wenn schon Spuren im Hang sind, kann man ihn doch abfahren, oder?

Jein. Bei viel und ständig befahrenen Hängen sei die Schneedecke zwar oft stabiler, weil Schwachschichten direkt zerstört werden und sich gar nicht erst aufbauen können. Dennoch bleibt auch hier ein Restrisiko, so Winter. Vor allem dann, wenn man unbedingt eine eigene Spur links oder rechts der bestehenden Spuren im noch unberührten Teil eines Hangs setzen will – dort kann die Schneedecke womöglich instabiler sein und man löst doch eine Lawine aus.

Wenn man innerhalb bestehender Spuren bleibe, sei das sicherer. Wichtig sei, nicht "als wilde Horde" gemeinsam abzufahren, um nicht zu viel Gewicht auf einmal auf den Hangabschnitt zu bringen. "Einzeln fahren, im Bereich der Spuren bleiben und keine neuen, unbefahrenen Schneefelder anschneiden", fasst Winter die Ratschläge für Laien zusammen.

Ein weiterer Tipp des Fachmanns: Wenn man anhält, macht man das nicht in der Mitte des Hangs, sondern sucht sich eine geschützte Stelle: "Das kann hinter einem Felsen sein, hinter einem Baum oder auch abseits, in dem man aus dem steilen Hang auf eine flache Geländekuppe fährt." Der Grund liegt auf der Hand: Löst jemand anders eine Lawine aus, wird man nicht mitgerissen.

Drei Ratschläge zum Merken

Stefan Winters Fazit: "Weil der Mensch sich oft nur drei Dinge merken kann. Erstens: Spuren im Tiefschnee abseits der Piste sind kein Garant für sichere Verhältnisse. Zweitens: Meide steile Hänge, vor allem ab Gefahrenstufe drei. Drittens: Fahre nur mit erfahrenen Begleitern ins freie Gelände."

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