Wie ein gigantischer, aus Pagoden gestapelter Bambus ragt der Wolkenkratzer "Taipei 101" in den Himmel über Taiwan: 508 Meter hoch. 101 Etagen aus Stahl, Glas, Beton. Ein legendäres Werk der modernen Baukunst: Im Innern hängt eine pendelnde Stahlkugel, 660 Tonnen schwer, um Erdbeben auszugleichen. 61 Aufzüge schießen in 37 Sekunden vom Erdgeschoss in die obersten Stockwerke.
Der US-Kletterer Alex Honnold will nun am kommenden Freitag, dem 23. Januar, einen anderen Weg zur Spitze des Taipei 101 nehmen: an der Fassade empor. Ganz allein, ohne Seil. Aber dafür mit Abermillionen Zuschauern.
Der Streaming-Dienst Netflix überträgt die extreme Tour live. Kameras sollen aus unterschiedlichen Perspektiven und möglichst "hautnah" den Aufstieg des Kletterers durch die meist senkrechten, teilweise überhängenden Wände filmen. Ein falscher Schritt, ein verpasster Griff – und Alex Honnold stürzt in den Tod. Die ganze Welt würde zuschauen.
Das Projekt hat damit bereits im Vorfeld eine Debatte entfacht, die über die Alpinismusszene hinausgeht: Führt das zu weit? Darf ein Abenteuer so inszeniert werden?
Honnold git schon seit Jahren als eine Ikone des Klettersports. Er steigt scheinbar spielend an winzigen Griffen und Tritten durch glatte Felswände, oft ohne Seil. Der Oscar-prämierte Film "Free Solo" über Honnolds ungesicherte Begehung des El Capitan im Yosemite-Nationalpark machte ihn 2018 auch außerhalb der Szene weltberühmt.
Doch dabei handelte es sich um eine aufwendige Dokumentation: Erst nach der geglückten Ankunft am Gipfel wurden die Filmaufnahmen zusammengeschnitten. Honnold, seine Begleiter und andere Alpinisten ordneten die Geschehnisse reflektierend ein.
Der Aufstieg am Taipei 101 hebt den Umgang mit der Gefahr im Extremsport nun auf eine neue Stufe: Der Medienkonzern mit rund 220 Millionen Abonnenten weltweit bewirbt die Aktion als "Must watch"-Event. Das Risiko eines tödlichen Absturzes, in Echtzeit vom Publikum mitverfolgt, ist Teil des Programms.
Genau damit sehen viele Kritiker eine rote Linie des Voyeurismus und der Verantwortungslosigkeit überschritten: Der Medienwissenschaftler Christian Schicha etwa erkennt zwar an, Honnold müsse selbst über die Gefahren entscheiden, die er sich auflade, und sei sicherlich ein fantastischer Kletterer. Doch Schicha verweist auf das Risiko, die Aktion könne Nachahmer finden, die für ähnlich spektakuläre Aktionen das eigene Können weit überschätzen und dabei den Tod finden. Andere Skeptiker kritisieren, Honnold mache sein Leben für Netflix zur Ware. Das Bergsteigen insgesamt werde durch solche hochkommerziellen "PR-Stunts" gesellschaftlich in Verruf gebracht.
Angst? Für Honnold in aller Regel ein "kontrollierbarer Reiz"
Honnold selbst betont, er gehe keine unkalkulierten Risiken ein. Zwar ist dies seine erste spezifische Klettertour an einem Gebäude. Aber er habe sich schon seit Langem gezielt auf die Schwierigkeiten der Route vorbereitet. "Die Bewegungen wiederholen sich", winkt er ab. Eine wissenschaftliche Untersuchung seines Gehirns hat zudem schon vor Jahren gezeigt, dass Honnold ungewöhnlich auf Angst reagiert: Sein Angstzentrum ist weniger aktiv als bei den meisten Menschen. Furcht lähmt ihn nicht, sondern bleibt ein weitgehend kontrollierbares Signal.
Für ihn, sagt Honnold, spiele es keine Rolle, ob Millionen zuschauen. "Es geht um mein Leben, nicht um die Zuschauer." Erst durch die Partnerschaft mit Netflix erhielt der 40-jährige Familienvater nun die Genehmigung für den Aufstieg als "Teil einer Show".
Honnold ist jedoch nicht der Erste, den es zur Spitze des Taipei 101 zieht. Der französische Kletterer Alain Robert hat den Büroturm bereits 2004 erklommen – allerdings war er dabei mit einem Seil gesichert. Der "Spiderman Frankreichs" ist berühmt für Free-Solo-Begehungen von Gebäuden. In Taiwan aber entschied er sich gegen das Risiko – weil es regnete und die Wände dadurch zu glitschig wurden.
Wenn Millionen von Menschen zusehen, entsteht ein enormer Druck
Robert zeigt in Interviews nun Verständnis für Honnolds Projekt, betont aber zugleich, dass die Kletterei an Gebäuden ganz eigene Risiken mit sich bringe. Wind und Feuchtigkeit etwa könnten die Tour auf einen Schlag unberechenbar machen. Vor allem aber warnt Robert vor der medialen Dimension des Live-Events: Wenn Millionen von Menschen live zusehen und jeder Griff, jede Pause, kommentiert wird, entstehe für den Athleten schnell ein enormer Druck – selbst für einen Ausnahmekönner wie Honnold.
Netflix versichert, Sicherheitsmechanismen eingebaut zu haben. Sollte es zu einem Unfall kommen, würden Bilder nicht ungefiltert ausgestrahlt. Reicht das aus, um der Verantwortung als globaler Berichterstatter gerecht zu werden?
Letztlich wirft Honnolds "Skyscraper Live"-Projekt so vor allem die Frage auf, wie weit Unterhaltung auf dem Gebiet des Extremsports gehen darf – und wann die Zuschauer selbst zu Grenzüberschreitern werden.