REISEZIEL Konstanz - Schatz am See

In Konstanz fängt der Süden an! Der Bodensee sieht schon aus wie das Mittelmeer, und in der lebhaften Altstadt bevölkern Studenten, Kleinkünstler und Besucher Kneipenterrassen und Gassen
Konstanz - Schatz am See

Die Insel Reichenau im Bodensee - von Allensbach aus gesehen, wo auch eine Fähre ablegt

Den "Glöckner von Notre Dame" ließ er vor dem gotischen Münster aufführen, unter anderem mit Hartz-IV-Empfängern als Statisten. Mit einem Stück über den Genozid an den Armeniern ärgerte Christoph Nix den türkischen Generalkonsul. Das Programmheft für die Spielzeit 2014 über die Weltmacht Amerika ziert ein Porträt des Comandante Che Guevara. Bürgerschreck, Rebell, Sponti: So nennen die Feuilletons den Intendanten des Stadttheaters Konstanz – und finden ihn gleichzeitig ganz großartig. Vielleicht weil der 60-Jährige einen wohligen Schuss Unruhe in die zwar liberale, aber auch gern behäbige badische Seestadt bringt? Bei meinem Besuch in seiner Mansarde in der Inselgasse, nur ein paar Meter hinter seiner Bühne, skizziert der Mann mit der sorgfältig verwuschelten weißen Lockenmähne lustvoll seine neuen Ideen: Zum 600-jährigen Jubiläum des Konzils, das einst die Einheit der Kirche wiederherstellen wollte und das Konstanz von diesem Jahr an feiert, war er in Rom, um in einer Generalaudience Papst Franziskus um eine Rehabilitierung des Reformators Jan Hus zu bitten. Der nämlich wurde, nachdem ihm heuchlerisch freies Geleit zugesichert wurde, vom versammelten Klerus verurteilt und später als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt – "eine schwärende Wunde!", donnert Nix. Konstanz rekelt sich wohlig in Geschichte wie in einem Schaumbad. Vor allem in der Altstadt sind vergangene Jahrhunderte auf Schritt und Tritt präsent: Fassaden in Zinnober und Grünspan, gotische Erker, Butzenscheiben, Fachwerk, Türme der alten Stadtmauer, gusseiserne Laternen, Treppengiebel an Patrizierhäusern. Dass die Altstadt auf der linken Rheinseite so gut erhalten ist, verdankt sie der Tatsache, dass alliierte Flieger sie im Zweiten Weltkrieg nicht vom Grenznachbarn Kreuzlingen unterscheiden konnten und mit Bomben verschonten – denn listigerweise missachteten die Konstanzer nachts das Verdunklungsgebot, ließen das Licht an und spielten Schweiz.

Seit 1982 steht der Stadtkern komplett unter Denkmalschutz. Ältestes Viertel ist die Niederburg, eine Handvoll schmaler und verwinkelter Gassen zwischen Münster und Rhein. Lange war das Quartier ein Schmuddelkind, wo die Balken unter der Last der Jahrhunderte krumm und schief geworden waren und auf den Dächern Moos spross. Doch dann wandelte sich das Quartier zum Szeneviertel: Kunsthandwerker siedeln sich an, Dritte-Welt-Läden ziehen ein, Designer entdecken die Lage, etwa die Innenarchitektin Ute Günther, die unter dem Titel "wachgeküsst" in der Konradigasse alte Lampen und Möbel zu Kunstwerken veredelt. Und ein alteingesessener Niederburger wie Andreas Fritz führt in seiner Weinstube mit der Nonchalance eines Mannes, dessen Stammbaum von Küfern und Weinhändlern aufs Jahr 1640 zurückgeht, Alt und Neu zusammen. Im Sommer feiert das Quartier jeweils am ersten Freitag im Monat den "Gassen-Freitag". Dann sind die Straßen voller Menschen, die Antipasti und Wein genießen und begeistert mitgehen, wenn etwa "ZIM und Zucker – die echte Ärzteband", fünf Mediziner, die sich in der Inneren Abteilung des Klinikums gefunden haben, den Münsterplatz rocken. Viel frischen Wind hat ohne Frage die Universität nach Konstanz gebracht, die heute als "Klein-Harvard am Bodensee" gilt. Fast jeder fünfte Einwohner der Stadt hat einen Studentenausweis. Ohne sie gäbe es keine Kulturfabrik K 9, keine Sommerpartys am Rhein, keine Professorennacht in der "Blechnerei", in der unter dem Titel "Mein Prof ist ein DJ" ein Dozent der Wirtschaftsethik beweist, dass er an den Turntables ähnlich fit ist wie am Pult im Hörsaal.

Feste feiern am Ufer

Auch Martina Vogl ist einst zum Studieren in die Stadt gekommen, "Lehramt Russisch". Für die Beamtenlaufbahn erwies sich die laut Eigeneinschätzung "eschwätzige Aktionistin" dann aber als ungeeignet: "Ich bin nur im selbstständigen Zustand zu ertragen." Deshalb führt sie seit 15 Jahren in der Altstadt einen Laden, der extravagante Lampen und Vasen ebenso verkauft wie Sneakers aus Hanf und nachhaltige Mode oder, im angeschlossenen Café, einen exzellenten Rhabarberkuchen aus Dinkelmehl nach Hildegard von Bingen. Abends lädt sie in ihrem "Voglhaus" zu "Feinkunst" mit "Fingerfood fürs Zwerchfell" oder auch mal zu "Opera meets Jazz". 35 Leute beschäftigt die 57-Jährige inzwischen in ihrem Konsumtempelchen, das für die lokale Bohème zum zweiten Wohnzimmer geworden ist. Und niemals weit weg ist der See, den hier, an seinem badischen Ufer, natürlich niemand "Schwäbisches Meer" nennt. Das Trinkwasser der Stadt stammt aus 40 Meter Tiefe. Sogar zu Silvester schwimmen die Konstanzer darin, knapp einen Kilometer durch den Konstanzer Trichter.

Ihre Feste feiern sie an seinen Ufern, wie das Seenachtfest im Sommer, ein Mega-Event mit Riesenfeuerwerk. Manche lassen sogar ihre Kinder von Pfarrern in Talar und Badelatschen in ihm taufen. Dazu kommt die metaphysische Bedeutung, die sein größter Poet, Martin Walser vom Überlinger Ufer, einmal einem Radioreporter kryptisch ins Aufnahmegerät diktiert hat: "Der See ist ein Verstärker – er potenziert den Spätnachmittag, die Nacht und dann wieder den Morgen, die Ruhe, den Sturm, er potenziert das Trübe und das Schöne." Aber wenn ich im Herbst am Hörnle, der Landspitze zwischen Konstanzer Trichter und Überlinger See, beim Spazieren vom Nebel eingehüllt werde; wenn ich im Sommer die Segelboote draußen wie von zittrigen Pinselstrichen gemalt über die Wellen kreuzen sehe, darüber die Schweizer Gipfel wie gewaltige Steinbüsten und den Himmel wie ein Beet voll dunkler Veilchen – dann weiß ich, was Walser meint. Bei meinen Ausflügen in die Konstanzer Umgebung verlasse ich deshalb das Seeufer fast nie – außer auf die Inseln. Auch wenn man die Blumeninsel Mainau an Spitzentagen mit mehr als 10 000 Hobby-Botanikern teilen muss – ich liebe ihre von minimalistischen Gartenmoden unberührte Überschwänglichkeit, etwa wenn zum Frühlingsanfang ein Teppich aus einer Million Tulpen und Narzissen ausgerollt wird.

Konstanz - Schatz am See

Konstanz hat Idyllen zuhauf, wie den Stadtgarten, der direkt am See endet

Per Fahrrad nach Reichenau

Außerdem liefert der Adlige Inselclan immer wieder Stoff für gute Geschichten. Angefangen beim 2004 verstorbenen Lennart Bernadotte, der aus Liebe zu einer Bürgerlichen auf die Thronfolge im Schwedischen Königshaus verzichtete und ins Bodensee-Exil ging. Seine drittgeborene Tochter, Gräfin Diana, war zeitweise mit einem Schornsteinfeger verheiratet, den sie, als Gartenzwerg verkleidet, in der Fasnacht kennengelernt hatte. Die Liebe des neuesten Mitglieds der Familie, Gräfin Sandra, ist durch die Yellow Press gegangen: Sandra Angerer, Tochter eines Textilwirkermeisters, lernte beim Studium der Sozialpädagogik in Rorschach einen Kommilitonen kennen, den sie wegen seiner langen Haare erst für einen Gärtner von der Mainau hielt. Bis Björn Graf Bernadotte, zweiter Sohn des Blumeninsel-Gründers, sie in sein Schloss führte. Zur Hochzeit 2009 in der Marienkirche reisten als Ehrengäste Schwedens Königin Silvia und Kronprinzessin Victoria an. Doch lieber als von Hochzeitsromantik erzählt die 37 Jahre alte Gräfin von ihrem "Baby", dem Herzensprojekt der diplomierten Sozialarbeiterin: Im Café "Vergissmeinnicht" am Schmetterlingshaus gibt sie Jugendlichen mit Lernschwäche oder mit Migrationshintergrund eine Startchance in die Arbeitswelt. "Hier bin ich nicht die Gräfin", sagt sie, "hier bin ich die Sandra."

Zurück von der Mainau, leihe ich mir im "Kultur-Rädle" am Bahnhofsplatz ein Citybike und radle über einen Fahrdamm zur Reichenau, der größten Insel im Bodensee. Der Gemüseinsel. Schon vor 1200 Jahren verfasste hier Walahfrid Strabo, Abt des Benediktinerklosters, damals eines der einflussreichsten Klöster Europas, das wichtigste Gartenbuch des Mittelalters: "Hortulus" – Gärtlein. Mit Gärtlein geben sich die 90 Bauernfamilien heute aber nicht mehr ab: Allein zwei Millionen Salatköpfe und zwölf Millionen Gurken verkaufen die Reichenauer im Jahr aus bis zu drei Ernten im wunderbar milden Inselklima. Der Hauptgrund meiner Reichenau-Runde ist zwar auch kulinarisch – aber anders: Seit mehr als 30 Jahren fährt Fischer Stefan Riebel jeden Tag mit dem Außenborder vor der Dämmerung hinaus auf den See. Wie sein Vater, sein Großvater "und wer weiß, wie viele Generationen", leert er die Reusen im funzelnden Licht der Stirnlampe, zieht die Netze ein, knüpft den Fang heraus, ob bei minus 15 Grad oder im Sommergewitter.

Konstanz - Schatz am See

Die Strandbar "Sandkasten" ist nicht nur bei Studenten beliebt. Sie liegt direkt am Seerhein mit Blick auf die malerische Altstadt

"Viel und Gross" - Der Ruf, mit dem sich Bodenseefischer zu einem guten Fang anspornen - entpuppt sich aber mehr und mehr als Wunschgedanke. Je sauberer der See geworden ist, umso nährstoffärmer wurde er auch. Den Fischen fehlt schlicht das Futter aus Algen und Kleingetier. 2013 verzeichneten die 134 Berufsfischer den schlechtesten Fang seit 60 Jahren: 465 Tonnen. Doch der 55-jährige Riebel hatte eine rettende Geschäftsidee: Statt seine Hechte, Schleien und Felchen an Restaurants zu verkaufen, stellte er bei seiner Fischhandlung am Seeufer Biertische, Sonnenschirme und eine Theke auf – und serviert seinen Fisch mit Kartoffelsalat, Petersilienkartoffeln oder im Brötchen. Inzwischen ist "Bei Riebels" Kult: Bei schönem Wetter trifft sich eine Fangemeinde aus Jung und Alt, Radlern und Seglern, Motorrad- und Cabriofahrern so zahlreich am Seeufer, dass Stefans Sohn Urs wieder eine Perspektive sieht, den Fischerberuf auf der Reichenau um eine Generation zu verlängern. Überhaupt möchte ich ein Vorurteil relativieren: die Ansicht Weitgereister, dem Bodensee fehle es im Vergleich etwa zu den oberitalienischen Seen an Glamour.

Gerade die Region um Konstanz ist eine feine Ecke: In den Jachten, die jährlich zur Bodenseewoche zu Wasser gelassen werden, ist so viel Mahagoni verbaut, dass ein halber Regenwald dafür gefällt worden sein muss. Am Schweizer Ufer zwischen Kreuzlingen und Mannenbach reiht sich ein Schloss ans andere. Teils im Privatbesitz reicher Käuze, wie jenes Immobilienmoguls, zu dessen Sammlung auch der Rolls Royce von Greta Garbo gehört. Teils Museum wie mein Lieblingsschloss: Schloss Arenenberg. Selbst in den Filzlatschen, die Besucher beim Rundgang durch die Salons tragen müssen, spüren sie den Pariser Esprit, mit dem Hortense de Beauharnais in ihrem Exil am Bodensee – nach Waterloo und der endgültigen Verbannung ihres Stiefvaters Napoleon und ihrer Flucht durch halb Europa – wieder Hof gehalten hat. Und ein Hotel wie das "Riva" in der Konstanzer Seestraße würde mit seiner coolen Eleganz auch am, sagen wir, Comer See zu den ersten Adressen zählen. Besitzer des 2008 eröffneten Hauses an der noblen Promenade ist Peter Kolb, ursprünglich ein mittelständischer Unternehmer aus dem Allgäu. Bis ihn vor 20 Jahren die Herstellung von Regeltechnik für Spülmaschinen nicht mehr ausfüllte. Er verkaufte sein Werk und investierte sein Geld in Weingüter und Hotels. Am "Riva" ist unübersehbar alles fünf Sterne: vom istrischen Kalkstein über die handbemalten englischen Tapeten bis zu Peter Kolb selbst, der im blauen Club-Sakko und mit Seglerteint auch in Saint-Tropez eine gute Figur abgäbe. Neulich saß ich auf der "Riva"-Terrasse – einfach, weil man aus den Lounge-Sesseln einen schönen Blick durch die Platanen auf den See hat. Jakobsmuscheln oder Vitello tonnato mit Kapernäpfeln sind allerdings nicht das, was ich mir als Snack vorstelle. Ob er vielleicht etwas aus dem Kochbuch der badischen Hausfrau habe, frage ich den Ober. Und tatsächlich: Das beste Haus in Konstanz war flexibel und lebendig genug, mir eine Flädlesuppe zuzubereiten.

GEO Reise-Newsletter