Internet-Währung Reisen mit Bitcoin

100.000 Menschen nutzen mittlerweile die digitale Währung "Bitcoin". Ein amerikanisches Paar machte den Test und reiste mit dem Geld aus dem Netz um die Welt
Reisen mit Bitcoin

Austin und Beccy Craig schafften es lediglich auf der Basis von Bitcoin einmal um die Welt zu reisen

Die erste virtuelle Währung "Bitcoin" sorgt seit ihrer Einführung immer wieder für Schlagzeilen. Dennoch kennen sie bisher nur wenige. Die Idee hinter Bitcoin ist einfach: eine virtuelle Währung, die Unabhängigkeit von Staaten und Banken verspricht sowie Anonymität durch ein hoch komplexes Verschlüsselungssystem und kostenlose weltweite Transfers.

Seit 2009 ist Bitcoin verfügbar - mit unbeständigem Erfolg: Der Marktwert eines Bitcoins kann extrem schwanken, mal liegt er bei 90 US-Dollar, mal bei 260. Dahinter stecken Handelsmechanismen: Bei langsam wachsendem Angebot erhöht ein Anstieg der Nachfrage den Kurs. Trotzdem: Immer mehr Unternehmen wie Restaurants oder Hotels akzeptieren die Internet-Währung. Für Austin und Beccy Craig aus Utah der Anlass, sich lediglich mit Bitcoins auf die Reise zu machen.

Das frischverheiratete Paar lebte und wirtschaftete zunächst zweieinhalb Monate im eigenen Heim mit Bitcoins. Nachdem das gut funktioniert hat, gingen die beiden auf einen Roadtrip von Utah bis New York. "Wir fuhren über Denver, Kansas City, Chicago, Pittsburg bis nach New York. Unterwegs trafen wir uns immer wieder mit Menschen, die auch mit Bitcoins zahlten. Ohne sie wären wir nicht weit gekommen. Denn die wenigsten Tankstellen waren bereit, sich auch nur auf eine Diskussion über die Bitcoin-Zahlung einzulassen, geschweige denn sie anzunehmen", schildert Austin die Startschwierigkeiten. Wenn es nicht anders ging, nutzten sie einen lokalen Bitcoin-Nutzer als Mittelsmann: Der kaufte zum Beispiel Benzin oder Lebensmittel mit Dollar, und das Paar zahlte den entsprechenden Betrag auf dessen Bitcoin-Konto ein. Das klingt nicht nur umständlich, das war es auch, gibt Austin zu. "Wir haben diese Reise als Experiment gesehen und haben einfach alles daran gesetzt, dass wir ohne normale Zahlungsmittel auskommen, auch wenn es manchmal wirklich schwierig war."

Der Sprung nach Europa

Mithilfe der Reiseagentur Simply Travel, einer der Ersten, bei der eine Zahlung mit der digitalen Währung möglich war, gelang Austin und Beccy der Sprung über den Atlantik. Sie flogen nach Stockholm und Berlin, um sich dort mit den größten und aktivsten Bitcoin-Communities zu treffen und sich über die neusten Entwicklungen auszutauschen. Letzte Station der Reise war Singapur, hier wollten die beiden herausfinden, wie man in einem der Finanzzentren der Welt mit der Internetwährung lebt. "Es war toll, so viele Bitcoin-Nutzer kennenzulernen, sie haben uns ihre Stadt gezeigt und die Orte, an denen Bitcoins als Zahlungsmittel anerkannt sind", berichtet Austin. Da die wenigsten Sehenswürdigkeiten auf ihrer Reise das virtuelle Geld akzeptierten, lernte das Paar jedes Reiseziel von einer ganz besonderen Seite kennen. "Jeder Unterschied, den wir feststellen konnten, wurde für uns zu einer kleinen Sehenswürdigkeit. Wir entdeckten verschiedene Baustile, kostenlose Independent-Museen und haben Dinge ausprobiert, die wir als normale Touristen nie gemacht hätten", erzählt Austin. So hat ihnen etwa ein Berliner Fotograf, der sich auf Tintype-Porträts spezialisiert hat, ein Shooting gegen Bitcoin-Bezahlung angeboten. Sie machten mit und sind begeistert von den Bildern; eine Berlin-Erinnerung, die wohl die wenigsten Touristen mit nach Hause bringen. Während der Reise entstanden alle Verabredungen und Kontakte über diverse Plattformen, wie zum Beispiel bitcointalk.org. Momentan geht man von knapp 100.000 aktiven Bitcoinern weltweit aus, Tendenz steigend.

Bitcoins - Nur Zukunftsmusik?

Um mit der digitalen Währung reisen zu können, ist die Fangemeinde essentiell. Ohne ihre Hilfe, ihre Vorschläge und ihr Wissen wäre Austins und Beccys Reise nicht möglich gewesen, da sind sich beide einig. Nach drei intensiven, aber auch anstrengenden Wochen sind sie froh, wieder zu Hause zu sein. Trotz der vielen Hindernisse unterwegs glauben sie an die Zukunft von Bitcoin. "Ich denke, in ein paar Jahren wird es relativ einfach sein, nur mit Bitcoins zu reisen, die Vorzüge liegen auf der Hand. Wir haben genau den Zeitpunkt erwischt, zu dem es gerade so möglich war. Vor ein, zwei Jahren wäre es sicherlich undenkbar gewesen", erklärt Austin. Die interessantesten Vorteile für Reisende seien, dass man sich unterwegs keine Gedanken um Wechselstuben oder Kreditkartengebühren machen müsse und dass Bitcoin unabhängig von Banken und deren Kursen funktioniere, so Austin und Beccy.

Die Nachteile der Internet-Währung sollte man dabei allerdings nicht ganz außer Acht lassen: Für eine Transaktion braucht man immer eine stabile Internetverbindung, nur wenige touristische Institutionen akzeptieren Bitcoins als Zahlungsmittel, und auch wenn die Online-Währung als ziemlich sicher gilt, sind Sicherheitslücken nie auszuschließen.

Reisen mit Bitcoin

Alle Institutionen, Geschäfte und Restaurants mit diesem Zeichen akzeptieren Bitcoins

Mittlerweile sind die beiden Amerikaner mit ihrem Experiment nicht mehr allein: Ein spanisches Duo bereist momentan Afrika mit dem Motorrad und versucht, lediglich mit dem Eintauschen von Bitcoins auszukommen. Dabei sind die beiden teilweise in Ländern unterwegs, deren digitale Infrastruktur noch in den Kinderschuhen steckt. Thorkil Værge, ein weiterer Bitcoin-Traveller, reist momentan vom Nord- bis zum Südpol und wird finanziell von der Bitcoin-Community unterstützt. Diese Reise-Experimente werden ihren Teil dazu beitragen, dass die Internet-Währung immer bekannter wird. Da ist sich jedenfalls JF Gallas, der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Bitcoin, sicher: "Ich sehe momentan keinen Grund, warum digitale Währungen sich zukünftig nicht verbreiten sollten. Die Frage ist eher: Wird es Bitcoin sein oder vielleicht eine ganz andere Währung und Idee, die sich am Ende durchsetzen wird?"

Fragen zu Bitcoin

Wie funktioniert das System Bitcoin?

Auch für eine Internet-Währung braucht man einen Geldbeutel, allerdings bleibt dieser digital und lässt sich ohne die Angabe von persönlichen Daten generieren. Diverse Möglichkeiten, dieses sogenannte "Wallet" herunterzuladen und freizuschalten, zeigt die Plattform Bitcoin.org auf. Ist man einmal mit der digitalen Geldbörse ausgestattet, kann es losgehen. Zum Wallet gibt es einen public key, den man mit einer Kontonummer gleichsetzen kann, und einen private key, ähnlich einer TAN. An Tauschbörsen wie dem deutschen Anbieter bitcoin.de lassen sich Bitcoins gegen Euro erwerben oder verkaufen. Ist einmal Geld auf dem Bitcoin-Konto, ist eine stabile Internetverbindung von Nöten, um eine Transaktion zu tätigen.

Wo kann ich mit Bitcoins zahlen

Mekka liegt in diesem Fall in Berlin-Kreuzberg. In dem sogenannten Bitcoin-Kiez zwischen Schönlein- und Graefestraße liegen in einem Viertel so viele Geschäfte, Restaurants und Bars nebeneinander, die Bitcoins akzeptieren, wie sonst nirgends auf der Welt. Bitcoin.travel listet weltweit Attraktionen, Hotels und Restaurants, die Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren, btctrip.com sorgt derweil für die Flüge. Das Vermittlungsportal für private Unterkünfte 9flats.com nimmt seit Anfang des Jahres auch Bitcoins an. Bei der britischen Reiseagentur Young Pioneer Travel lässt sich sogar eine komplette Reise mit Bitcoins zahlen, allerdings hat die Agentur recht exotische Destinationen, etwa Nordkorea, im Programm.

Wer steckt hinter Bitcoin?

Der Erfinder von Bitcoin nennt sich Satoshi Nakamoto, mehr ist über seine Identität nicht bekannt. Es wird vermutet, dass sich hinter diesem Pseudonym eine ganze Gruppe von Menschen verbirgt. Die offizielle Webseite von Bitcoin ist: www.bitcoin.org.

Bitcoin-Projekte

Austin und Beccy werden eine Dokumentation über ihr Experiment herausbringen. Alles zu ihrer Reise und dem Film gibt es unter: www.lifeonbitcoin.com.

Elvis und Borja fahren weiterhin mit dem Motorrad durch Afrika, sie bloggen unter: http://localbitcoins.blogspot.de.

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