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  • Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit

Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit

Cenci Goepel und Jens Warnecke reisen um die Welt und machen die Nacht zum Tag. Mit Taschenlampen und Fackeln setzen die Fotokünstler ihre "Lightmarks" in außergewöhnliche Landschaften. So entstehen Bilder aus Bewegung, Licht und Finsternis
Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit
Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit
Über dem Joshua Tree National Park in Kalifornien scheint sich ein Ufo zu materialisieren. Keine Sorge - dieses langzeitbelichtete Foto zeigt Lichtstreifen, die Cenci Goepel und Jens Warnecke mit Leuchten in die Wüste gemalt haben. Im Hintergrund wandern Sterne über den Nachthimmel. Die Fotografen trugen schwarz und sind daher nicht zu erkennen
© Cenci Goepel und Jens Warnecke
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Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit
Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit - Bild 2
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Fotokunst: Die Farben der Dunkelheit - Bild 7
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Wenn sie arbeiten, ist es zappenduster. Ob auf dem Bild überhaupt das zu sehen ist, was sie fotografiert haben, wissen sie erst, wenn es entwickelt ist. Cenci Goepel, 35, und Jens Warnecke, 38, machen Fotos aus Licht und Finsternis. Die Idee dafür entstand vor zehn Jahren an einem zugefrorenen See in Norwegen bei ihrer ersten gemeinsamen Reise:

Lichtspuren in der Dunkelheit

"Wir hockten in unserem VW-Bus, tranken Glühwein und spielten mit Kerzen, Feuerzeugen und langen Belichtungszeiten herum", erinnert sich Cenci. "Dann hatten wir plötzlich Lust, rauszugehen in die Kälte, in diese stillstehende, karge Fjäll- Landschaft. Eine irre Atmosphäre!" Kein Licht, nur der Vollmond; kein Laut, nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Befeuert von Glühwein und Lebensfreude schlittern sie auf dem Eis herum und malen mit ihren Taschenlampen Lichtspuren in die Dunkelheit. Am Ufer steht die Kamera, die Verschlusszeit auf "unendlich".

Drei Fotos gibt es von diesem Ereignis: "Cenci" steht, mit Licht geschrieben, auf dem einen, "Jens" auf dem anderen, auf dem dritten schwebt das Wort "Natur". Dahinter in sattblauem Mondlicht der See und die Berge. "Wir waren uns einig, dass wir damit weiterexperimentieren müssen", sagt Jens. "Es hat dann aber noch über sechs Jahre gedauert, bis wir wirklich damit anfingen. Die Idee hat uns beide nicht losgelassen. Komischerweise haben wir aber nie darüber gesprochen." Vor drei Jahren taten sie es dann doch. Seitdem reisen sie durch die Welt: Spanien, Südfrankreich, Kalifornien, Lappland, drei Monate mit den Rädern durch Patagonien - immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Landschaften, in die sie ihre Lichtgebilde zeichnen können. Aus den guten Freunden ist darüber ein Paar geworden. Und aus den ungelenken Zufallsprodukten von damals eine eigene Kunstform, die sie "Lightmark" nennen. Das Prinzip ist einfach, die Umsetzung aber erfordert Übung, Mühe und vor allem Ausdauer. Tagsüber suchen Cenci und Jens nach geeigneten Motiven: ein Felsvorsprung über einem Fluss, vom Wind gebeugte Bäume, ein Kaktus in der Wüste. Mithilfe eines Computerprogramms errechnen sie, wo und wann der Mond aufgeht. Sie legen den Bildausschnitt fest und markieren den Standpunkt ihrer Kamera. Wenn sie später im Dunkeln für das eigentliche Foto zurückkommen, müssen sie sich auf diese Vorarbeit verlassen können:

Langzeitbelichtung brennt die Form

Im Sucher der Kamera ist es dann schwarz. Mit Taschenlampen, LED-Leuchten, manchmal auch mit Fackeln malt nun einer von ihnen Spuren ins Dunkel, während der andere hinter der Kamera steht. Wer die beiden bei der Arbeit beobachtet, sieht immer nur einen Lichtpunkt - erst die Langzeitbelichtung brennt die Bewegung zur Form: Spiralen, Ovale, konzentrische Kreise, verschlungene Linien, gotische Bögen, filigrane Kugeln. "Wir experimentieren immer wieder mit neuen Formen und Lichtquellen", sagt Jens. Mal führen sie die "Lichtpinsel" per Hand, mal schleudern sie sie an einem Band durch die Luft. Solange die Lampen dabei frontal in die Kamera leuchten, hinterlassen sie zweidimensionale Spuren. Werden sie aber auch nach hinten und zur Seite bewegt, erscheinen auf dem Film mal schwächere, mal hellere Linien, und es entstehen räumlich wirkende Skulpturen. 50 verschiedene Leuchten haben die beiden Künstler in Gebrauch; manche bauen sie eigens um, damit sie so strahlen, wie sie sollen.

"Und jeder von uns hat seine Favoriten", sagt Cenci. "Das ist genau wie bei einem Maler mit seinen Pinseln. Was wirklich funktioniert, merkt man dann erst beim Arbeiten." Der Verschluss der Kamera bleibt bis zu einer halben Stunde lang offen. Erst entsteht in wenigen Minuten die Zeichnung; die restliche Belichtungszeit fängt das Mondlicht ein, sodass die Landschaft erkennbar wird - je nach Dauer silhouettenhaft oder taghell.

Eine feste Arbeitsteilung hat das Paar nicht. Jeder steht mal vor und mal hinter der Kamera, und an der Gestaltung des Bildes sind immer beide beteiligt: "Während Jens zum Beispiel seine Spiralen zeichnet - das kann er nämlich besonders gut -, entscheide ich spontan, wann ich den Sucher verdecke und damit die Bewegung unterbreche", erklärt Cenci. "So sieht man dann auf dem Bild ineinanderliegende Kreise, obwohl es eigentlich eine durchgehende Spiralbewegung war."

Verständigung per Lichtzeichen

Auch um mehrere Skulpturen in die Landschaft zu setzen, muss die Kamera zwischendurch verdeckt werden, bis der andere ein paar Schritte weiter neu ansetzen kann. "Wir sind oft ganz schön am Rumbrüllen, um uns zu verständigen", erzählt Jens. "Manchmal stehen wir so weit auseinander, dass wir uns Lichtzeichen geben müssen." Den anderen können sie meist nur ahnen: Um auf den Fotos unsichtbar zu bleiben, sind beide schwarz gekleidet; oft verdecken Sturmhauben ihre Gesichter.

"Wenn wir so losstapfen mit unserer Montur und den Ausrüstungskoffern, sehen wir ganz schön verwegen aus", sagt Cenci und lacht. "Wie Einbrecher." Über einer Fotosession vergeht meist die ganze Nacht - die Belichtungszeit macht jeden Versuch zur langwierigen Prozedur, und wenn währenddessen Wolken oder Nebel aufziehen, war oft alles umsonst. Wie beim Perito-Moreno- Gletscher in den Anden von Argentinien: Fast zwei Wochen lang schleichen sich die beiden Nacht für Nacht in den Nationalpark und warten in der zerklüfteten Eislandschaft Stunde um Stunde auf besseres Wetter. Vergeblich. Schweren Herzens radeln sie weiter. Beladen mit insgesamt 80 Kilo Gepäck: Proviant, Stativ und Kamera, Computer, Lampen und Kletterausrüstung - nur das Nötigste. Warum die Plackerei, wenn es doch digitale Fotografie und Bildbearbeitung gibt?

"Das wäre nicht dasselbe", sagen beide gleichzeitig. "Das Spannende ist ja gerade dieser unberechenbare Entstehungsprozess", sagt Jens. "Und es gehört einfach dazu, mitten in der Nacht an schwer zugänglichen Orten zu sein", ergänzt Cenci.

Keine Spuren hinterlassen

"Mit der Landschaft zu arbeiten, aber keine Spuren zu hinterlassen. Etwas zu schaffen, und trotzdem bleibt alles unberührt - am nächsten Morgen ist es so, als wären wir niemals dagewesen." Es macht Spaß, den beiden zuzuhören. Alles wirkt echt und uneitel. Kein Kunstbetriebs- Chichi, keine Wichtigtuerei. Einfach nur Freude am Tun. Auch aus ihrer Technik machen sie kein Geheimnis. Wer’s nachmachen will - bitte sehr, ist doch schön, wenn jeder kreativ sein kann! Dass sie das lukrative Angebot einer Werbeagentur abgelehnt haben, kommt einem da nur natürlich vor.

"Die wollten eins unserer Bilder mit Schauspielern im Studio nachfotografieren", sagt Jens. "Wir haben lange überlegt - es ging um viel Geld. Aber wir fanden dann, dass es zu weit weg ist von unserer Idee." Nicht kommerziell sein zu müssen - für diese Freiheit arbeiten beide nebenbei als selbstständige Grafikerin und als Filmemacher. Seit zwei Jahren leben sie mit Freunden auf einem alten Hof in Mecklenburg- Vorpommern. Ein idealer Ausgangspunkt für ihre Arbeit. Als sie noch in Hamburg wohnten, mussten sie oft lange fahren, um der Helligkeit des Hafens zu entkommen. "Jetzt können wir jederzeit üben, haben den Sternenhimmel und dunkle Wälder gleich vor der Tür", sagt Jens. "Einige unserer schönsten Bilder sind hier entstanden. Für spektakuläre Naturereignisse muss man natürlich weiter fahren. Aber wir sind ohnehin beide reisesüchtig." Und dann schwärmen sie von den Polarlichtnächten in Finnland, vom gruseligen Knacken norwegischer Gletscher, dem schmalen Streifen Mondlicht über der Salzsenke von Death Valley, Kalifornien. Als Nächstes soll es nach Grönland gehen, dann vielleicht nach Namibia. Und überhaupt: Vulkane, Geysire, alles, was fließt und dampft, könnte spannend sein. "Wir haben ständig neue Ideen, die wir am liebsten sofort umsetzen würden", seufzt Cenci. "Wir kommen gar nicht hinterher!" Die "Lightmarks", da sind sich die beiden Fotografen einig, haben ihren Blick verändert. "Wir haben gelernt, wie Farben im Dunkeln aussehen", sagt Jens, und Cenci nickt. "Für uns ist die Dunkelheit nicht mehr dunkel. Es ist nur eine Frage der Belichtungszeit, bis es wieder hell ist."

Info

Mehr zu Cenci Goepel, Jens Warnecke und dem Projekt "Lightmark" findet man im Internet unter www.lightmark.de. Für alle, die sich selbst an den Lichtspielen versuchen möchten, geben die beiden Tipps zur Kamera- und Ortswahl. Bei letzterer hilft auch die Seite www.lichtverschmutzung.de, die über naturbelassene, weil lichtferne Orte informiert

27. Februar 2021,00:15
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