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Ausflugstipp Norddeutschland: Das Alte Land kann mehr als Äpfel und Kirschen

Das Alte Land ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas
Das Alte Land ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas
© mauritius images/ Westend61
Altes Land - wird da nicht ganz viel Obst angebaut? Aber klar. Doch die wenigsten verbinden mit der Region feine Sandstrände und eine ausgeprägten Möbeltradition. Es lohnt sich, danach zu suchen

Wer durch das Museum Altes Land in Jork schlendert, findet in der Abteilung für Möbel und Trachten ein Ausstellungsstück mit Namen Tittengevstohl. Was aussieht wie ein Kinderstuhl, ist schlicht eine praktische Erfindung.

"Ein Stillstuhl eben", erklärt Museumsführer Kurt Kühl. Die geringe Sitzhöhe ist optimal fürs Stillen. "Da brauchte Frau kein Extrakissen. Die Knie waren automatisch nah an der Brust." Plattdeutsch ist eben sehr direkt. Auch das trägt zum Charme des Alten Landes in Hamburg und Niedersachsen bei.

Die Region ist das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas - hat aber noch deutlich mehr zu bieten.

Kurt Kühl präsentiert einen weiteren hölzernen Schatz, den das kleine Museum unter seinem Reetdach parat hält: einen Hamburger Schapp aus der Zeit um 1720. "Solche barocken Dielenschränke findet man auf den großen Höfen des Alten Landes", weiß der Museumsführer. Stellte man das Prunkstück früher in die Diele, um seinen Wohlstand zu zeigen, schlummert mancher Schapp heutzutage in Kellern oder auf Dachböden.

"Bei uns steht auch ein Schapp im Keller", bestätigt Annegret Beckmann vom Altländer Obsthof in Hollern-Twielenfleth unweit von Jork. "Er ist einfach zu groß. Aber wer weiß, vielleicht kann ihn die nächste Generation eines Tages doch wieder gebrauchen."

So ein Schapp wurde nicht in der Region gefertigt, sondern stammt aus Hamburg. "Wer Geld hatte, ließ sich einen solchen Schrank fertigen. Er wurde dann in Einzelteilen auf den Hof gebracht und dort zusammengesetzt", sagt Kurt Kühl.

Diese Stühle gehen richtig ins Geld

Die Möbel der Altländer Bauern hatten einen ganz eigenen Charakter, der die soziale Stellung und den Wohlstand der Hofbesitzer präsentierte. Truhen und Stühle trugen die Namen ihrer Eigentümer.

Wer heute Altländer Wohntraditionen bewahren möchte, sollte auch nicht unvermögend oder zumindest gut im Sparen sein.

Auf dem Altländer Obsthof, der seit 1756 in Familienbesitz ist, wurden zuletzt 2004 traditionelle Hochzeitsstühle für den Besitzer Ulrich Beckmann und seine Frau Esther Phillips handgefertigt. Im Stil der zahlreichen Generationen vorher, mit Herzen, Tulpen, Enten, fein geschnitzt. Dazu die Namen von Braut und Bräutigam.

Insgesamt 14 Stühle säumen die zu besichtigende, lange Tafel im Esszimmer des Hofes. Die Kosten pro Stuhl: rund 700 Euro.

"Man bekam traditionell einen Stuhl zur Geburt, zur Konfirmation oder zur Hochzeit", sagt Kühl über die vierbeinigen Schnitzkunstwerke. Annegret Beckmann ergänzt: "Keiner hatte alle drei Stühle, denn die sind ja teuer, es gab sie ohnehin nur auf vermögenden Höfen. Wer sich so einen Stuhl leisten konnte, saß dann auch sein Leben lang darauf."

Und manchmal, berichtet Kühl, bekam man besondere Stühle auch als Anerkennung oder eben zum Stillen. "Stühle spielten eine wichtige Rolle in der Wohnkultur."

Was es mit den Brauttüren auf sich hat

Die sogenannten Brauttüren waren ein ebenso wichtiges Element der alten Höfe: Reich geschnitzte, bemalte Türen, die nur geöffnet wurden, wenn die neue Hausherrin einzog, ein Leichnam hinausgetragen wurde oder eine Katastrophe geschah. "Man ging früher nie vorne oder hinten ins Haus, sondern immer an der Seite, durch die Küche, da war immer jemand", erzählt Kurt Kühl.

Eine verzierte Brauttür am Heimatmuseum in Buxtehude. Diese sogenannten Brauttüren wurden nur geöffnet, wenn die neue Hausherrin einzog, ein Leichnam hinausgetragen wurde oder eine Katastrophe geschah
Eine verzierte Brauttür am Heimatmuseum in Buxtehude. Diese sogenannten Brauttüren wurden nur geöffnet, wenn die neue Hausherrin einzog, ein Leichnam hinausgetragen wurde oder eine Katastrophe geschah
© mauritius images/ Werner Otto / Alamy

Etliche schöne Fachwerkhöfe, manche mit fein gestalteten Brauttüren, finden sich entlang der Straße Bergfried in Guderhandviertel.

"Eine Klinke oder einen Griff haben die Brauttüren übrigens nur auf der Innenseite der Bauernhäuser", sagt der Museumsführer. Unmittelbar dahinter standen in der sogenannten Kofferkammer die Aussteuertruhen mit allen Werten und Papieren: Abschließbare, mit kräftigen Klappgriffen versehene Deckelkisten, die bei Überflutungen oder Bränden schnell ins Freie geschafft werden konnten.

Noch eine Besonderheit des Alten Landes sind die weißen Hochzeitsbänke. An den Rückenlehnen prangen grüne Schilder mit den Namen von Braut und Bräutigam. Die erste dieser Bänke wurde für den Dichter Gotthold Ephraim Lessing und Eva König 1776 aufgestellt. Sie steht vor dem Gräfenhof, dem Rathaus in Jork.

Abschluss am Strand - fast wie am Meer

Nach Altländer Lebens- und Wohnkultur wartet eine Auszeit am Strand von Bassenfleth mit seinem feinen weißen Sand. Dazu ein einzigartiger Blick zur anderen Elbseite, Bäume, Wiesen - und Wellen, die von riesigen Schiffen hinter dem Deich verursacht werden. Kinder spielen im Schlick, Erwachsene baden in der Sonne: Urlaubsgefühle. Allein das Baden ist wegen der Strömung durch den Elbbetrieb nicht zu empfehlen.

Auch am Elbstrand bei Lühe lassen sich entspannt Schiffe beobachten 
Auch am Elbstrand bei Lühe lassen sich entspannt Schiffe beobachten 
© mauritius images/ Christian Bäck

Wer es etwas schicker mag - mit Pier und ohne Blick auf ein Atomkraftwerk - findet ein Stückchen an Stade vorbei gleich das nächste Highlight: die Elbinsel Krautsand mit vier Kilometern Sandstrand, Leuchttürmen und nordischer Idylle. Die wäre natürlich nicht perfekt ohne einen Happen Fisch.

Fangfrische Ware bekommt man beim letzten Altländer Elbfischer. Das kleine Geschäft der Familie Buckow mit angrenzendem Bistro bietet je nach Saison (fast) alles von Scholle bis Stint.

Adressen: Museum Altes Land, Westerjork 49, 21635 Jork (Tel.: 04162/57 15, E-Mail: museum@jork.de), Eintritt kostenlos. Altländer Obsthof, Hollernstraße 97, 21723 Hollern-Twielenfleth (Tel.: 04141/72 20, E-Mail: info@altlaenderobsthof.de, www.altlaenderobsthof.de).

Informationen: Tourismusverband Landkreis Stade/Elbe, Kirchensteig 30, 21720 Grünendeich (Tel.: 04142 813838, E-Mail: info@tourismusverband-stade.de, www.urlaubsregion-altesland.de).

Larissa Loges, dpa

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