Überlebenstraining Gretel allein im Wald: Mein Survival-Abenteuer im Harz

Gut, unsere Autorin heißt Katja. Aber genau wie ihre märchenhafte Kollegin entpuppte sie sich unter dem dunklen Dach der Bäume als Überlebenskünstlerin – bei einem Survivaltraining
Survivaltraining im Harz

In der Heimat der Hexen: Autorin Katja Trippel übt im Harz von dem zu leben, was der Fichtenwald hergibt

Manchmal fragt man sich als Autorin schon, wie die Redaktion entscheidet, auf welche Reise sie einen schickt. »Lust auf einen Survivaltrip?« stand im Betreff der E-Mail. Gespannt klickte ich sie an. In Alaska? Oder Thailand? Fehlanzeige. Da stand: Im Harz. Im Herbst.

Habe ich jemanden geärgert? Oder gelte ich als tougher Cookie, der sich, wie Reese Witherspoon im Film »Wild«, den Traum von einer Odyssee in der Wildnis erfüllen will? Klar, ich bin gern in der Natur, auch über Nacht. Aber bitte gemütlich, mit Zelt, Kocher und Unmengen Leckereien! Hier hingegen verspricht das Programm, das nebenbei klarstellt, dass das förmliche Sie zu Hause im Warmen bleiben muss: »Unter professioneller Anleitung findest du essbare Pflanzen und baust deine Notunterkunft für die Nacht.«

Das kann ja heiter werden. Und heiter macht mich neugierig.

Die Sonne scheint, als der Fotograf Christoph Neumann und ich am frühen Morgen die Hügel des Westharzes hinaufsteigen zum Treffpunkt der Überlebensgruppe, einem Parkplatz auf der Oberharzer Hochebene bei Clausthal-Zellerfeld, auf 600 Metern. Wir passieren Dörfer mit schiefen Fachwerkhäuschen, die wie zur Einstimmung »Wildemann« oder »Wolfshagen« heißen. Weiter östlich zeigt die Karte Ortsnamen wie »Sorge« und »Elend«, was mich die Versorgungslage überdenken lässt. Vielleicht sollten wir noch ein paar Brötchen kaufen, bevor die Wildnis beginnt, zur Sicherheit? Denn mein meist freundliches Wesen wandelt sich bei Unterzuckerung schnell zu einem grantigen – das will ich den mir noch unbekannten Mitüberlebenskünstlern nicht zumuten.

Statt einer Bäckerei sehen wir jedoch nur noch Bäume. »Hart« hieß der Harz bis zum Mittelalter, was damals für »Bergwald« stand, und obwohl der 1141 Meter hohe, kahle Brocken – der höchste Gipfel Norddeutschlands – kaum aus dem Wäldermeer herausguckt, verstehe ich, warum: Es geht rauf und run­-ter, über rauschende Bäche und durch dunkle, feuchte Täler, die jenseits der Straße in felsigen Schluchten enden und dem Mittelgebirge einen rauen, fast alpinen Look verleihen.

Überlebenstrainer Jens Habich

Überlebenstrainer in Waidmannskluft: Jens Habich

Je höher wir kommen, umso mehr verdrängen dunkle Fichten die hell­- grünen, freundlichen Buchenwälder. An unserem Treffpunkt steht der Nadelforst dicht und hoch. Und als wäre so ein Hänsel-und-Gretel-Setting nicht einschüchternd genug, macht unser Survivalguide Jens Habich – ein Bär von einem Mann mit Vollbart, Baseballmütze und wachsamen Augen hinter der Brille – zur Begrüßung klar: »Hier geht es nicht um hippen Outdoor-Kram wie Bushcraft oder Grillrezepte, sondern um Überlebenstechniken in Notsitua­tio-nen. Ich hoffe, ihr seid bereit?«

Reicher Poser oder Bergprofi? Ich habe zwei Tage, um es herauszufinden.

Zehn Männer und drei Frauen zwischen 30 und 60 Jahren nicken. Ein paar entschlossen, die meisten grinsend. »Wird schon!«, rede ich mir gut zu, während wir querfeldein losmarschieren. Schließlich bin ich – abgesehen vom Proviant, der sich auf ein Päckchen Nüsse reduziert – gut präpariert: In meinem Ruck­- sack stecken eine Daunenjacke, Fleecepullis, Mützen, zwei Paar Handschuhe, ein scharfes Messer, eine Tasse, Schnüre, Regensachen, ein Schlafsack und – man weiß ja nicht, was das wird mit dem »Notlager« – mein Zelt.

Deutlich mehr schultert Sebastian, ein Potsdamer im Tarnfarben-Look, der, wie er nebenbei verlauten lässt, schon die Nacht zuvor im Wald verbracht hat und außerdem Regenplanen für Maike und Alexandra im Gepäck hat, zwei »Harzer Mädels«, wie sie selbst sagen, die »ihre Heimat mal auf andere Weise kennenlernen wollen«. Den kleinsten Rucksack trägt Thomas aus Hildesheim, ein drahtiger Typ, bei dem mir nicht entgeht, dass er vom Schuh bis zur Mütze nur die Ferraris unter den Outdoor-Marken trägt, ultraleichte, sündhaft teure Hightechklamotten, die sich megaklein verstauen lassen. Reicher Poser oder Bergprofi? Ich habe zwei Tage, um es herauszufinden.

Im Camp, einer Lichtung mit Grillhütte mitten im Wald, rund zwei Kilo­meter vom nördlichsten Zipfel Clausthal-Zellerfelds entfernt, geht es aber erst einmal um Wichtigeres, um das Notquartier. »Stellt euch vor, ihr habt euch verirrt und müsst eine kalte Nacht überleben«, skizziert Jens die Situation. »Wie baut ihr euer Shelter?« Martin, ein 32-jähriger Hobbyjäger, weiß Bescheid: »Mit Reisig und einer Trapper-Matratze!« »Auch Jägerbett genannt«, brummt Sebastian zustimmend. Aha? Wovon bitte sprechen die Herren?

Survivaltraining im Harz

Unterrichtseinheiten der Wie-überlebe-ich-im-Wald-Schule: Sinne schärfen

Zur Anschauung führt uns Jens zu einer alten Fichte in den Forst, der wie viele Flächen der alten Bergbauregion rund um Clausthal-Zellerfeld im 19. Jahrhundert als Monokultur gepflanzt wurde. An ihrem Stamm lehnt auf etwa 80 Zentimeter Höhe ein dicker, langer Ast. Wie ein schiefer Dachfirst ist er beidseitig bis zum Boden mit Reisig bedeckt. Darunter sollen wir also schlafen? Jens nickt. »Je enger, umso wärmer.« Skeptisch stecke ich meinen Kopf in den Unterschlupf. Er ist eng, dunkel, duftet nach feuchter Erde und Nadelbaum. Und wie ich da so knie und schnüffle und eine Ameise mit dem Finger durch einen Spalt der Reisigwand ins Freie schubse, kommen Erinnerungen hoch an die Verstecke, die ich als Kind mit meiner Bande gebaut habe – und auf einmal bin ich Feuer und Flamme: Wie cool, ein eigenes Shelter! Da schlafe ich doch nicht im Zelt! Wo ist mein Stamm? Wo ist mein Ast?

Ich muss mehr als 150 Meter weg vom Camp, bis ich am Ufer eines Bäch­- leins das ideale Plätzchen entdecke: eine Fichte ohne Buschwerk drum herum, eine ebene, trockene Liegefläche ohne Sichtkontakt zum Nachbarn. Wenn schon Abenteuer, dann richtig! Mein erster Dachbalkenast ist morsch und kracht zusammen. Der zweite ist verdammt schwer, ich schaffe es trotzdem, ihn hochzuwuchten und zu stabilisieren. Tschakka! Mit dem Messer hacke ich die Zweige weg, die mir die Augen auspiksen könnten, dann gehe ich sammeln: Blätter und kleinere Zweige für die Matratze, Reisigäste fürs Dach.

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Aus Ästen und einer Plane wird ein Notzelt gebaut

Dass es zu tröpfeln begonnen hat, merke ich vor lauter Bauwut erst, als Thomas in bunter Regenmontur vor mir steht. »Wirf doch deine Zeltplane über den Balken«, schlägt er vor. »Sie ist regendicht, und so kannst du das Reisig für die Matratze verwenden. 20 Zentimeter sollte sie schon dick sein, um gegen die Bodenkälte zu isolieren.« Der Mann scheint sich auszukennen. Ich beschließe: besser schummeln, als später in ein nasses Bett zu steigen.

Unsere zweite Survivallektion lautet: Feuer machen. »Feuer funktioniert wie die Liebe«, erklärt Jens und hebt warnend den Zeigefinger. »Es beginnt mit einem Funken, dann wird’s heiß, und am Ende verbrennt man sich die Finger.« »Ha!«, ruft Alexandra, »damit kenn ich mich aus!« Lautes Gelächter, die Stimmung in unserer Grillhütte hat etwas von Schulausflug. Erst recht, als unser Meister ein seltsames Sammelsurium auf dem Holztisch ausbreitet: Steine, ein Stück Totholzpilz, einen Rohrkolben, Birkenrinde sowie Tampons. »Damit kriegen wir unser Feuer in Gang«, erklärt er. »Der Feuerstein für den ersten Funken. Mithilfe der anderen Dinge, die ihr in der Natur oder einem Damenrucksack findet, wächst daraus eine Flamme.«

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Rohrkolben sind idealer Zunder in trockenem Zustand genauso entzündlich wie die ölhaltige Rinde von Birken

Wir lernen: Der sogenannte Zunderpilz – das Streichholz des Mittelalters – gedeiht nur an kranken oder bereits toten Laubbäumen wie Buchen, nicht aber an Nadelstämmen. Und Rohrkolben wächst in feuchten Gebieten wie dem Harz mit seinen großen Moorgebieten und insbesondere hier, im UNESCO- Weltkulturerbe Oberharzer Wasserregal, wo mehr als 100 historische Teiche und Gräben von der Harzer Bergbautradition zeugen.

Rohrkolben, deren Name ihr Aussehen recht genau beschreibt, sind idealer Zunder, in trockenem Zustand genauso entzündlich wie die ölhaltige Rinde von Birken, die in tieferen Gefilden stehen, oder wie die aufgefächerte Watte eines Tampons.

Tatsächlich bekomme ich eine wild lodernde Flamme hin. Doch statt ein Feuer anzuheizen, verglimmt sie, weil ich nicht genügend Brennmaterial vorbereitet habe. Mist! »Im Ernstfall darf das nicht passieren«, warnt Jens, »Stichwort: Gefahr durch Unterkühlung. Wer weiß, wie man den Unterschied zwischen kalt und unterkühlt merkt?« Der Jäger drückt fachkundig Daumen und Mittelfinger seiner Hand aufeinander. »Treffen die beiden sich nicht mehr, hat sich das Blut bereits aus den Extremitäten in die wichtigen Organe zurückgezogen. Spätestens dann wird es Zeit, ein Lagerfeuer in Gang zu kriegen.«

Survivaltraining im Harz

Rauchzeichen: Ein Survival­­trainee facht eine Flamme an. Er pustet in ein Strohnest, in dem ein glimmender Zunderpilz steckt, ein Schwamm, der an Bäumen wächst

»Apropos«, frage ich in die Runde, »was ist eigentlich fürs Abendessen geplant?« Unser Survivalprofi verzieht keine Miene: »Wenn du denkst, du hast Hunger, täuschst du dich. Du hast, wenn überhaupt, einen leeren Magen. Trink Wasser, das hilft. Menschen überleben locker zehn Tage ohne Essen. Jetzt lernen wir erst mal, richtig zu kommunizieren. Danach gibt’s zur Belohnung ein paar Insekten.« Meint er das ernst? Auch Christoph scheint not amused. Schnell stecke ich uns ein paar Nüsse zu, trotzdem meldet sich ein kleiner Hungertrotz: Kommunizieren lernen? Hab ich nicht nötig, ist schließlich mein Job!

Tatsächlich fällt mir die Übung vergleichsweise leicht. Es geht darum, mich mit verbundenen Augen allein durch Fragen und Zuhören durch den Wald lotsen zu lassen, ohne zu stolpern. Andere Teilnehmer straucheln, fallen und geraten in Stress. Erst recht, als wir uns nach Einbruch der Dunkelheit – und hier oben wird es stockfinster – allein auf einen fernen Lichtpunkt zubewegen müssen. »Bleibt ruhig, lauscht in die Nacht, tastet und hört einander zu«, empfiehlt uns Jens. »Das gilt vor allem für die Männer. Wache Sinne sind in Notsituationen das beste Equipment.«

Sebastian hat vorgesorgt für den Tag X und Survivalmaterial in einem Waldstück

Vor dem Trip habe ich einige Berichte über Leiter von Survivalkursen gelesen. Die meisten, so schien es mir, sind ehemalige Berufssoldaten, die nun abenteuerfreudige Zivilisten mit einer Mischung aus großen Sprüchen und militärischer Härte durch die Pampa jagen. Jens ist anders. Zwar hat auch er bis zum Kosovokrieg als Fernspäher bei der Bundeswehr gedient, be­herrscht diverse Nahkampftechniken und hat im kleinen Finger vermutlich mehr Muckis als ich in beiden Armen. Aber im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten auf dem Survivalmarkt hat er sich über die Jahre hinweg zum Wildnisführer ausbilden lassen. Er setzt generell mehr auf Köpfchen und Spaß als auf Machogehabe und Drill. Rein aus Spaß, wie er erzählte, habe er mehrere Monate als Trapper in Alaska verbracht und dabei gelernt, Forellen mit der Hand zu fangen und Huskys als Schlittenhunde zu trainieren. Er ist ein beeindruckender Typ, obwohl er zum Abendessen wirklich nur Heuschrecken und Mehlwürmer auftischt.

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 Auch Kräuterkunde gehört zum Überlebenstraining

»Sehr eiweißhaltig«, versucht er, uns die Tierchen schmackhaft zu machen. »Aber ich gebe zu, nicht mein Ding. Zur Not würde ich sie in einer Suppe ko­chen, mit Löwenzahn und Brennnesselblättern, das senkt den Ekelfaktor.« Hier ist sie, meine Chance, ihn auch ein wenig zu beeindrucken: Während er auf die Vorspeise verzichtet, greife ich eine Heuschrecke, werfe sie auf den Grill, drehe ihr, als sie knusprig ist, den Kopf ab und schlucke sie, ohne zu zucken, hinunter. Der starke Mann schüttelt sich. »Und?« fragt er, »Lecker?« »Wie gegrillte Shrimps«, resümiere ich das Geschmackserlebnis, durchaus ehrlich. »Fehlt nur etwas Salz.«

Etwas später hängt Martin, der Jäger, zur allgemeinen Freude den Frisch­ling übers Feuer, den er vor dem Training wenig entfernt geschossen hat. Während das Schweinchen brutzelt, schnitzen einige der Jungs Spieße aus Knochen (praktisch für Fallgruben), die anderen zeigen uns Frauen ihre neusten Spielzeuge: federleichte Messer, Titantassen, doppelwandige Espressomaschinen, die man aufs Feuer stellen kann. Alles praktisch, keine Frage. Aber wofür braucht man ein Scharfschützenzelt der niederländischen Armee, sturmsicher und so beschichtet, dass Wärmekameras es nicht erfassen?

»Man weiß nie, wer einen überwacht«, raunt der stolze Besitzer. »Aber ich wandere eh bald aus nach Paraguay. Dort bin ich sicher, wenn Europa zusammenbricht.« Auch Sebastian hat vorgesorgt für den Tag X, wie ich er­fahre, und wasserdichte Tonnen voller Lebensmittel und Survivalmaterial in einem Brandenburger Waldstück vergraben. Was genau sie fürchten – Bankenkrise? Stromausfall? Bürgerkrieg? –, verraten mir die beiden nicht.

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Die Campteilnehmer lernen, in der Natur Essbares von Ungenießbarem zu unterscheiden

Jens seufzt, als ich bei ihm nachfrage, wer seine Kunden seien. »Früher hatte ich immer ein paar Esoteriker in meinen Kursen, mittlerweile kommen gern sogenannte Prepper mit mehr oder weniger abstrusen Verschwörungs­theorien im Gepäck. Ich versuche erst gar nicht zu diskutieren, das versaut nur die Stimmung. Ich warne sie lieber: »Fallt nicht auf Geschäftemacher rein, die bewusst Ängste schüren, um euch für unnützes Equipment euer Geld aus der Tasche zu ziehen.«

Ich gucke Thomas an, den Mann mit den teuren Hightechklamotten. Er arbeitet als Pfleger in der Psychiatrie, ist also eher kein reicher Poser. Aber vielleicht ein Prepper? »Hilfe, nein!«, antwortet er. »Ich bin jahrelang Expeditionsrennen gelaufen, Hunderte Kilometer durch menschenleere Berge, und wurde dafür von Sponsoren ausgestattet.«

Es wird ein klassischer Lagerfeuerabend: Das knusprige Grill- schwein schmeckt, Wein und Rum machen die Runde, Thomas und Maike unterhalten sich über ihre Hunde, der Fotograf Christoph und Alexandra über Kameras. Der Aus­wanderer erzählt von Paraguay, der Jäger von seiner Scheidung und Jens von einer Tour in Sibirien, als bei minus 56 Grad die Kiefernstämme vor Kälte explodierten. Das ist mein Stichwort: ab ins Reisigbettchen, bevor es zu kalt wird!

Survivaltraining im Harz

Vor der kalten Nacht im Reisigbett heißt es: Aufwärmen am Lagerfeuer

Blöd nur, dass ich es im finsteren Wald nicht finde. Bin ich in die falsche Richtung gelaufen? Ich drehe um, doch auch vom Feuer keine Spur mehr. Ohne Anlaufpunkt verliere ich komplett die Orientierung. Wo bin ich? Im Schein der Taschenlampe sieht alles fremd aus, die flache Hochebene bietet nicht einmal ein Relief, an das ich mich erinnern könnte. Was für eine Schnapsidee, mein Notquartier so weit weg vom Camp zu bauen!

Was riet uns Jens, wenn wir uns bei Nacht verirren? »Bleibt ruhig, lauscht, tastet – und hört einander zu.« Da ist nur leider niemand, dem ich zuhören kann. Alle anderen hocken noch am Feuer, das wer weiß wo brennt. Keine Autogeräusche oder irgendwas, das auf menschliche Zivilisation hinweist. Selbst der Wald ist mucksmäuschenstill, verdammt! Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergeht, doch irgendwann vernehme ich ein leises Plätschern. Das muss mein Bächlein sein! Langsam bewege ich mich darauf zu, finde das Ufer, folge seinem Lauf – und stehe plötzlich vor meinem Unterschlupf. Ich bin so erleichtert, dass mich nicht einmal der Weberknecht schreckt, der auf meinem Schlafsack sitzt. Dankbar kuschele ich mich in die warmen Daunen, verdränge den Gedanken, wie kalt es hier drinnen wohl in einer echten Notsituation wäre. Höre noch ein Käuzchen rufen, und schon bin ich eingeschlafen.

Touren

Das GEO-Team hat den zweitägigen Kurs »Survival-Know-how« bei Adrenalintours gebucht. Jens Habich bietet auch Schlittenhund­erlebnisse, Lager­feuer-küche und pädagogische Programme an.

Als ich aufwache, ist es hell. Ich ziehe die Zeltplane weg, über mir scheint die Sonne durch neblige Baumkronen: was für eine wunderschöne Perspektive! Allein dafür hat sich das Überleben gelohnt. Nur eines wundert mich: Warum ist dieser Wald so still? »In der Nähe finden Forstarbeiten statt«, erklärt Jens beim Kaffee. »Die Tiere sind vor dem Lärm geflüchtet. Zehn Kilometer weiter östlich, im Nationalpark, wäre deine Nacht sicher unruhiger geworden. Da streifen nicht nur Eichhörnchen und Wildschweine, sondern auch Rotwild und Luchse durch die Gegend.«

Tatsächlich wurde die kleine Raubkatze mit den Puschelohren im Nationalpark Harz – er dehnt sich über fast 250 Quadratkilometer vom Süden Niedersachsens bis weit in den Westen Sachsen-Anhalts aus – ab dem Jahr 2000 er­folgreich wieder ausgewildert, nachdem Jäger die Art im frühen 19. Jahrhundert ausgerottet hatten. Auch seine Cousine, die Wildkatze, sowie andere bedrohte Arten wie Mufflons und Auerhühner haben in den Wildnisgebieten wieder eine Heimat gefunden. Doch um sie zu sehen, müsste ich mich noch deutlich tiefer in den Wald hinein verirren als gestern Nacht.

Survivaltraining im Harz

Harzer Herbstidyll: Blick vom Bruchberg bei Altenau

Der Rest des Tages vergeht mit Wald- und Pflanzenkunde, was mir gut zupasskommt, weil meine Nüsse alle sind und ich so selbst für mein Mittagessen sorgen kann. Erste Frage: Woran erkennt man die Rückseite eines Baumes? Antwort: An den fleckigen Taschentüchern am Boden. Haha. Zweite Frage: Wie überwindet man Durst? Antwort: Man kratze ein Kügelchen Fichtenharz vom Stamm und lege es auf die Zunge. »Schmeckt, wie ein Erkältungsbad riecht«, verspricht Jens, »aber es regt den Speichelfluss an.« Was er nicht sagt: Man wird den Geschmack über Stunden nicht los!

Wir sammeln Sauerklee, Löwenzahn und Sauerampfer, lernen, Kleines Springkraut (gelb und giftig) von Indischem Springkraut (rosa und in Teilen essbar) zu unterscheiden, lösen Samenkapseln von Brennnesseln und Spitz­wegerich, um sie auf dem Feuer zu rösten. Fehlt nur noch sauberes Wasser für eine Pflanzensuppe. Ich eile zu meinem Bächlein, während die anderen mit drei Ästen eine Pyramide mit drei Filteretagen aufbauen: In der Stufe nahe der Spitze rinnt das Wasser durch eine mit Sand gefüllte Socke, die grobe Stücke zurückhält. Es folgt die zweite Socke mit Kohlestückchen, die Bakterien dezi­- mieren. Der dritte Filter besteht aus T-Shirt-Stoff, der die Kohle herausfiltert. Das Wasser kommt nun mit unseren Blättern und Blüten und ein paar Kar­­- toffeln und Karotten, die Jens netterweise mitgebracht hat, in eine Konservendose – Müll liegt überall herum – und wird auf dem Feuer aufgekocht, was Viren tötet. Fertig ist die Survivalsuppe!

Horizonterweiternd, so nennt Christoph den Geschmack. Und so gilt für die Suppe wie für das andere Survival-Know-how: Ich habe viel gelernt. Ich hatte großen Spaß. Und ich hoffe inständig, meine neuen Fähigkeiten im echten Leben nie wirklich zu brauchen.

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Mehr Tipps für den Harz und ganz Deutschland finden Sie in GEO Special "Naturwunder in Deutschland"

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