VG-Wort Pixel

Gutachter Maximilian Pick "Mich überrascht im Pferdesport nur noch wenig" – Tierarzt berichtet, was auf Reitplätzen schiefläuft

Neue Vorwürfe: Trainiert Olympiasieger Ludger Beerbaum mit tierschutzwidrigen Methoden?
Neue Vorwürfe: Trainiert Olympiasieger Ludger Beerbaum mit tierschutzwidrigen Methoden?
© mauritius images / TT News Agency / Alamy / Alamy Stock Photos
Der erfolgreichste deutsche Springreiter, Ludger Beerbaum, soll im Training eine unerlaubte, tierquälerische Methode angewendet haben. Wir sprachen mit dem Fachtierarzt für Tierschutz und Pferde-Gutachter Maximilian Pick über die Rechtslage und den Umgang mit Pferden im Reitsport

GEO.de: Herr Pick, seit 1990 ist es verboten, Pferden beim Sprung über ein Hindernis mit Stangen gegen die empfindlichen Vorderbeine zu schlagen, damit sie die Beine besser anziehen. Hat es Sie überrascht, dass RTL nun genau das bei Ludger Beerbaum aufgedeckt hat?

Maximilian Pick: Es überrascht mich im Pferdesport nur noch wenig. Der Ehrgeiz der Menschen oder das Gewinnstreben führen dazu, dass das Tierschutzgesetz häufig übertreten wird. Auch wenn das Barren vor dem Skandal um den Springreiter Paul Schockemöhle im Jahr 1990 wohl wesentlich häufiger praktiziert wurde.

Ludger Beerbaum beruft sich auf die Regularien der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), nach denen das Barren mit einer Stange erlaubt ist, die nicht länger als drei Meter und nicht schwerer als zwei Kilogramm ist. Die FN nennt das Touchieren. Ist eine solche Unterscheidung aus Tierschutzsicht überhaupt sinnvoll?

Touchieren heißt "sanft berühren". Dagegen wäre nichts einzuwenden. Nur ist es nicht machbar, ein Pferd im Sprung mit einer Stange nur zu touchieren.

Die FN berät seit Januar 2021 über das von ihr so genannte Touchieren. Man brauche aber wegen der "Komplexität des Themas" noch Zeit. Verstehen Sie das?

[Lacht] Die wissen nicht so recht, was sie machen sollen. Das Einfachste wäre, jede Art des Barrens zu verbieten.

Nach den "Leitlinien" des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) zum Tierschutz im Pferdesport sind "alle Methoden des Barrens" tierschutzwidrig ...

Damit ist alles gesagt. Und es ist wieder mal ein Beweis dafür, dass sich die FN nicht an die Leitlinien des BMEL hält. Nicht nur in Bezug auf das Barren, sondern zum Beispiel auch in Bezug auf das Doping im Pferdesport.

Und was gilt denn nun?

Zunächst gilt das Tierschutzgesetz, und das besagt, dass mit "erheblichen Schmerzen, Leiden oder Schäden" verbundene Maßnahmen verboten sind. Die Leitlinien haben zwar keinen Gesetzescharakter, aber wenn es zu einem Rechtsstreit kommt, wird normalerweise das Gericht die Leitlinien heranziehen und sich daran orientieren.  Daneben gibt es die ethischen Grundsätze der FN, die aber etwas schwammig sind und auf das Barren keinen besonderen Bezug nehmen.

Warum lässt die FN Methoden zu, die nach Auffassung des zuständigen Bundesministeriums verboten sind?

Das müssen Sie die FN fragen. Das ist eigentlich ein Skandal, dass ein Pferdesportverband sich nicht an die Leitlinien des BMEL hält.

Dr. med. vet. Maximilian Pick ist Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Tierschutz
Dr. med. vet. Maximilian Pick ist Fachtierarzt für Pferde und Fachtierarzt für Tierschutz
© CAVALLO / Rädlein

Es gibt immer wieder Tierschutz-Skandale im Spitzensport mit Pferden. Die Tierrechtsorganisation Peta forderte schon im vergangenen Jahr, Pferde komplett von den olympischen Disziplinen zu streichen. Gehen Sie da mit?

Nein. Wenn der Sport gemäß dem Tierschutzgesetz und den Leitlinien des Bundesministeriums durchgeführt wird, dann halte ich es für zulässig, dass man auch im Rahmen der Olympiade Pferdesport betreibt.

Unterschätzen Sie da nicht die Versuchung, unerlaubte Methoden anzuwenden, sobald es um Spitzenleistungen geht?

Man muss versuchen, das zu verhindern. Und das gilt nicht nur für Olympia, sondern im Pferdesport generell. Ich nenne keine Namen, aber wenn eine Spitzenreiterin bei der Dressur auf dem Abreiteplatz nicht tierschutzgerecht reitet, dann sollten die Stewards einschreiten ...

… die bei Turnieren dafür sorgen sollen, dass der Tierschutz gewährleistet ist …

… Was sie in meinen Augen viel zu wenig machen. Sie haben nicht genug Courage, um gegen namhafte Reiter und Reiterinnen vorzugehen. Sie werden vom Veranstalter eingeladen, und wenn der sich eine reibungslose Veranstaltung wünscht, dann werden sie, wenn sie einschreiten, das nächste Mal nicht mehr eingeladen. So einfach ist das.

 In den BMEL-Leitlinien werden tierschutzwidrige Methoden aufgelistet, darunter Stromschläge, Manipulationen an der Haut oder anderen Körperteilen, schmerzhafte Beschläge oder Gewichte an den Beinen. Gibt es in der Pferdeausbildung eigentlich ein generelles Tierschutz-Problem?

In allen Pferde-Sportarten gibt es tierschutzrelevante Ereignisse, die zum Teil sanktioniert werden, zum Teil nicht. Im Rennsport werden Pferde geschlagen, und das noch nicht einmal heimlich. Trotzdem schreitet niemand ein. Das ist etwas, was ich nie nachvollziehen konnte. Und es ist auch kein spezielles Reitsport-Problem. Die Rücksicht auf das Tier ist in unserer Kultur generell nicht sehr groß.

Viele Menschen, die mit Pferden umgehen, sind noch jung, und Sachkunde wird zwar gefordert, ist aber nicht vorgeschrieben. Brauchen wir so etwas wie einen Pferde-Führerschein?

Das wäre nicht schlecht. Ich würde das noch ausweiten auf einen Tier-Führerschein. Das betrifft ja zum Beispiel auch Hundebesitzerinnen und -besitzer und Landwirte. Im Pferdesport ist es so, dass die Tiere in beide Richtungen falsch gehalten und genutzt werden: Sie werden einerseits zu üppig gehalten, es wird zu viel gefüttert. Die Pferde stehen nur in der Box und kommen nicht auf die Koppel, oft aus Angst, sie könnten sich verletzen oder erkälten. Auf der anderen Seite werden sie auch misshandelt. Das ist schwer in den Griff zu bekommen, weil jeder glaubt, das Richtige zu tun. Darum wäre es auch wichtig, dass Stallbesitzer und Vereine ein Auge auf die Leute haben und aufklären, wenn sie Fehler machen.

Nicht alle Tierärzt*innen treten so entschieden für das Wohl des Tieres ein wie Sie. Wurden Sie für Ihre kritische Haltung auch angefeindet?

Angefeindet werde ich ständig. Wenn die Leute gemerkt haben, dass ich von ihrer Reitweise nicht begeistert war, haben sie schon mal einen anderen Tierarzt genommen. Die ablehnende Haltung vieler Pferdebesitzer hinsichtlich eines vernünftigen Tierschutzes hat mich schon beeindruckt.

Sie haben selbst auf der Rennbahn gearbeitet. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Etwas ambivalent. Ich habe zwei, meine Frau hat 30 Rennen geritten. Wir hatten selbst Rennpferde, und ich bin ein großer Freund dieses Sports. Aber ich bin nicht einverstanden mit dem Regelwerk, dem dieser Sport unterliegt. Pferde werden auf der Rennbahn zum Teil schwer misshandelt und schlecht gehalten. Ich habe das immer heftig kritisiert und mir damit keine Freunde gemacht. Und auch ich habe Fehler gemacht, auch im Umgang mit den Tieren. Das tut mir heute Leid. Ich versuche, es wiedergutzumachen. Wir haben heute einen Reiterhof mit 35 Pferden, denen es allen sehr gut geht, die kommen täglich raus. Und wenn ein Pferd nicht vernünftig behandelt wird, mische ich mich ein.


Mehr zum Thema