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Satellitendaten ausgewertet Tote Rentiere und Karibus: Forscher lösen Rätsel um Massensterben

Im Griff von Schnee und Eis: die Prinz Charles-Insel im Juni 2016
Im Griff von Schnee und Eis: die Prinz Charles-Insel im Juni 2016
© Joshua Stevens / U.S. Geological Survey / NASA Earth Observatory
Lange rätselten Forscher über die Ursache von zwei, ein halbes Jahrhundert auseinander liegenden Massensterben. Satellitendaten brachten nun die Lösung

Ein Expeditionsteam machte im Sommer 2016 in Kanada eine grausige Entdeckung: Verstreut über die Tundra der Prinz Charles-Insel stießen sie auf Dutzende tote Karibus. Der Zustand der Kadaver ließ darauf schließen, dass die Tiere nur wenige Wochen zuvor gestorben sein mussten. Einige von ihnen schienen liegend verendet zu sein, andere mussten geradezu tot umgefallen sein. Eine Todesursache fanden die Forscher*innen zunächst nicht. Der Fall erinnerte jedoch an eine ähnliche Entdeckung, ein halbes Jahrhundert zuvor.

Rund 6800 Kilometer westlich, auf der St. Matthew-Insel in der Beringsee, hatten Forscher*innen Anfang der 1960er-Jahre ebenfalls Kadaver von Rentieren – die mit den Karibus zur selben Spezies gehören – gefunden. Von ehemals rund 6000 Tieren waren nur 42 noch am Leben.

Schnee und Eis zur Unzeit

Jetzt brachte eine Analyse von Satellitenbildern den entscheidenden Hinweis: Auf der Prinz Charles-Insel hatte es demnach noch im April 2016 ungewöhnlich starke Stürme und Schneefall gegeben. Daten des militärischen Wettersatellitenprogramms DMSP (Defense Meteorological Satellite Program) zeigten außerdem, dass die Schneedecke in diesem Frühjahr besonders fest und vereist war. Für die Karibus, die am Ende des langen Winters auf ausreichend Gras, Moose und Flechten angewiesen sind, um die aufgezehrten Fettspeicher aufzufüllen, bedeutete der späte Wintereinbruch das Todesurteil. Selbst mit ihren scharfen Hufen gelang es ihnen nicht, die Eis- und Schneedecke aufzukratzen, um an Nahrung zu gelangen. Sie verhungerten.

Ähnlich waren die Bedingungen fünfzig Jahre zuvor in der Beringsee. Der Winter 1963/64 war auf den dortigen Inseln einer der härtesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Rentiere hatten bei Hurrikan-ähnlichen Stürmen und Temperaturen von weniger als minus 57 Grad Celsius keine Chance.

Auch wenn damals 42 Tiere überlebten: Die extremen Bedingungen auf der St. Matthew-Insel bedeuteten das Ende der einstmals 6000 Individuen starken Rentier-Herde – einer Population übrigens, die erst 1944 mit der Einführung von 29 Tieren durch die US-Küstenwache ihren Anfang genommen hatte.


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