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Südspanien Erneuter Vorfall: 30 Orcas bedrängen Segeljacht – was steckt hinter dem Verhalten?

Die unheimliche Begegnung einer Sportboot-Besatzung mit Schwertwalen ist nur die jüngste einer Serie, die im vergangenen Jahr begann
Die unheimliche Begegnung einer Sportboot-Besatzung mit Schwertwalen ist nur die jüngste einer Serie, die im vergangenen Jahr begann
© IMAGO / agefotostock
Zwei Stunden lang versetzten 30 Orcas eine dreiköpfige Segel-Crew in Angst und Schrecken. Die Motive der Schwertwale liegen weiter im Unklaren. Möglicherweise handelt es sich bei den Rempeleien nur um ein "Freizeitvergnügen"

Es waren zwei Stunden voller Angst, die Segler auf einer Fahrt bei Gibraltar erlebten. Wie sie der britischen "Sun" berichteten, tauchten unvermittelt etwa 30 Orcas auf und bedrängten die Yacht. Zwei Stunden lang schwammen sie neben und unter dem Bootsrumpf, an Deck waren demnach Schläge gegen den Rumpf und das Ruder zu spüren. Ein Orca biss schließlich einen Teil des Ruders ab – und verschwand damit. Zwischenzeitlich habe die Besatzung geglaubt, die Tiere brächten das Boot zum Sinken. Ein Video des Vorfalls können Sie bei den Kollegen von STERN.de sehen.

Es habe sich angefühlt, als seien die Tiere wütend und hätten einen Plan, sagte Martin Evans, eines der drei Besatzungsmitglieder. "Wäre das Boot gesunken, hätten wir uns in einem Rettungsfloß wiedergefunden, umzingelt von Killerwalen", sagte Mitsegler Nathan Jones. So weit kam es nicht. Nach 120 Minuten verschwanden die Tiere; das Boot liegt nun zur Reparatur in einer Werft.

Die unheimliche Begegnung einer Sportboot-Besatzung mit Schwertwalen ist nur die jüngste einer Serie, die im vergangenen Jahr begann. Dutzende solcher Vorfälle wurden mittlerweile dokumentiert, die meisten von ihnen an der nordspanischen Küste und im Golf von Biskaya. Aber auch bei Gibraltar kam es schon mehrfach zu Zusammenstößen.

Die Suche nach dem Motiv der Wale

Und nach wie vor rätseln Experten, was hinter den vermeintlichen Angriffen stecken könnte. Die Erklärungsansätze reichen von Rachefeldzügen für getötete Artgenossen, Konkurrenz um Fisch mit den örtlichen Fischern, bis hin zu Stressreaktionen wegen des zunehmenden Schiffsverkehrs.

Motive, die Fabian Ritter von der Whale and Dolphin Conservation (WDC) allesamt für unplausibel hält. "Aggression", sagt der Meeresbiologe, "ist offenbar nicht im Spiel". Denn wenn die bis zu neun Meter langen Tiere es darauf anlegten, könnten sie eine leichte Segelyacht ohne weiteres schwer beschädigen oder versenken. Tatsächlich sind in den meisten der dokumentierten Fälle aber nur leichte Beschädigungen festgestellt worden – meist am Ruder.

Ein Freizeit-Vergnügen pubertierender Jünglinge?

Die bislang plausibelste Hypothese ist laut Fabian Ritter, dass es sich um eine Art Freizeit-Hype pubertierender Jugendlicher handelt.

Orcas sind sehr soziale Tiere, die innerhalb ihrer Gruppe bestimmte Verhaltensweisen und Techniken tradieren, etwa bei der Jagd. Auffällig ist allemal, dass an den meisten der dokumentierten Begegnungen mindestens drei inzwischen namentlich bekannte Tiere beteiligt waren. Auch die zeitliche Abfolge der Begegnungen entlang der Küste könnte darauf hindeuten, dass es sich um immer dieselbe Gruppe handelt, die an der Ruder-Rempelei Spaß gefunden hat. Auch der jüngste Vorfall passt ins Bild: Im Juli versammeln sich in der Straße von Gibraltar die Thunfische, um zu laichen, und ziehen dann der Küste entlang nach Norden.

"Das eigentliche Rätsel", sagt Fabian Ritter, "ist eher, warum die Jäger, die ansonsten bis zum Wal alles fressen, was für sie erreichbar ist, ausgerechnet den Menschen verschonen." Er könne zwar die Angst der betroffenen Crewmitglieder gut verstehen. Aber das Risiko, von einem Orca angegriffen oder gar gefressen zu werden, sei "gleich null".


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