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Tierschutz Neues Gutachten: Schimpansenhaltung in Krefeld ist tierschutzwidrig

Die Überlebenden der Brandkatastrophe im Krefelder Zoo, Bally (links) und Limbo
Die Überlebenden der Brandkatastrophe im Krefelder Zoo, Bally (links) und Limbo
© Great Ape Project
Seit zweieinhalb Jahren leben Bally und Limbo, die Überlebenden der Brandkatastrophe im Krefelder Zoo, in einem Provisorium. Nun erheben Primatolog*innen in einem wissenschaftlichen Gutachten schwere Vorwürfe

Für Bally und Limbo war die Silvesternacht 2019/2020 ein Alptraum: Sie wurden Zeuge, wie acht Artgenossen und weitere Menschenaffen verbrannten. Eine Silvesterlaterne hatte das Affenhaus des Krefelder Zoos in Brand gesetzt. Insgesamt etwa 50 Zootiere starben.

War nun wenigstens für die Überlebenden der Katastrophe gesorgt? Nein, sagen Tierschützer. Denn der Zoo schickte die beiden Schimpansen in eine "provisorische" Unterkunft im sogenannten Gorillagarten. Viel zu klein sei die, und ein Außengehege gebe es auch nicht. Es hagelte fünf Strafanzeigen gegen den Zoo und die Stadt als Eigentümerin.

Ein vom Zoo in Auftrag gegebenes Gutachten und die Expertise des zuständigen Veterinäramtes sollten die Vorwürfe entkräften. Das Ergebnis: keine nennenswerten Verhaltensauffälligkeiten. Bally und Limbo gehe es gut.

Dem widersprechen nun sieben internationale Primatolog*innen, darunter der ehemalige Direktor der Abteilung für Primatologie am renommierten Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Videomaterial dokumentiert Verhaltensauffälligkeiten

Für ihr Gutachten werteten die Expert*innen mehr als 13 Stunden Videomaterial aus, gefilmt von der – inzwischen demontieren – Besucherkamera. Und beobachteten gleich mehrere auffällige Verhaltensstörungen, darunter das Essen von eigenem Kot und wiegende Bewegungen. Als Grund dafür sehen die Gutachter*innen die unzureichende Unterbringung der beiden 49 und 29 Jahre alten Menschenaffen. Sie seien auf zu kleinem Raum untergebracht. Zudem fehle den ausgesprochen sozialen Tieren der Kontakt zu weiteren Artgenossen.

Schimpansen müssen in Gefangenschaft laut den Vorgaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums mindestens 200 Quadratmeter Innenraum und 200 Quadratmeter Außengehege zur Verfügung stehen. Im für Besucher unzugänglichen "Provisorium" in Krefeld sind es dagegen nach Angaben der Gutachter*innen nur 27,5 Quadratmeter – zuzüglich zweier, je sieben Quadratmeter großer Schlafboxen.

"Die nun seit über zweieinhalb Jahren andauernde Haltung der beiden durch das Feuer traumatisierten Schimpansen steht in Widerspruch zu den Vorgaben des bundesministeriellen Säugetiergutachtens … und stellt zudem einen klaren Verstoß gegen das geltende Tierschutzrecht dar", heißt es in dem Gutachten.

Der Protest gegen den Umgang mit den beiden Schimpansen hält schon länger an. Weit mehr als 40.000 Menschen haben bislang eine Petition gegen die Unterbringung von Bally und Limbo unterzeichnet, und die Krefelder Staatsanwaltschaft hatte immerhin schon vor einem Jahr festgestellt, dass die derzeit genutzten Räumlichkeiten "nicht dem national vorgegebenen Standard entsprechen und im Rahmen einer dauerhaften Haltung nicht genutzt werden dürften". Bislang ohne Konsequenzen.

Angekündigte Bauarbeiten ziehen sich hin

Der Zoo seinerseits hatte zwar schon im Dezember 2021 angekündigt, ein provisorisches Außengehege zu bauen. Geplante Fertigstellung: erste Jahreshälfte 2022. Ende Mai 2022 haben die Bauarbeiten nun begonnen, doch wann der Auslauf zur Verfügung steht, ist ungewiss. Ohnehin wird er nur rund 150 Quadratmeter Platz bieten. Also zu wenig.

Gestützt auf das neue Gutachten, erstattete nun eine Rechtsanwaltskanzlei aus Münster erneut Strafanzeige.

Von Seiten des Zoos heißt es auf Nachfrage von GEO.de: Die Anzeige liege noch nicht vor. Auch zu dem aktuellen wissenschaftlichen Gutachten will man offenbar lieber nicht Stellung nehmen. Im Namen des Direktors, Wolfgang Dreßen, teilt eine Mitarbeiterin lediglich mit: "Der Zoo selbst hat in 2021 zwei Gutachten in Auftrag gegeben, die den Behörden vorliegen und an deren Vorgaben er sich strikt hält."

Und nun? Tierschützer*innen befürchten, dass die Schimpansen noch Jahre leiden müssen. Denn letztendlich sollen Bally und Limbo in ein "Artenschutzzentrum Affenpark" umziehen. Geplante Fertigstellung: 2029.

Für den Krefelder Zoo geht es unterdessen nicht nur um die früheren und vielleicht zukünftigen Publikumsmagneten Bally und Limbo. Denn die Diskussion, ob Menschenaffen, unsere nächsten Verwandten, überhaupt zur Schau gestellt werden sollten, ist in vollem Gange. Und sie betrifft potenziell 34 deutsche Zoos. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Great Ape Projects befürworten nur 28 Prozent der Deutschen die Haltung von Menschenaffen in Zoos. Mehr als die Hälfte – 52 Prozent – lehnen sie ab.

Rückenwind erhalten die Kritiker*innen von den Unterzeichner*innen des aktuellen wissenschaftlichen Gutachtens. Die gehen "aufgrund einer Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse" davon aus, "dass sie [Schimpansen, d. Red.] ähnliche Bedürfnisse für ihre Freiheit und ihr Sozialleben haben, wie wir Menschen. Eine Lebensweise, die in keiner Weise artgerecht in Gefangenschaft umzusetzen ist."


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