Zugvögel Warum in die Ferne schweifen?

Weil sich das Klima in Europa erwärmt, überwintern immer mehr Mönchsgrasmücken in England. Wie dieses Verhalten zur Entstehung einer neuen Vogel-Spezies führen kann, zeigte der Biologe Martin Schaefer - und erhielt dafür den Hans-Löhrl-Preis der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft

GEO.de: Herr Schaefer, wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, dass Mönchsgrasmücken aus Deutschland nicht in Südwesteuropa, sondern in England überwintern?

Martin Schaefer: Das haben Vogelbeobachter in England herausgefunden. Sie hatten seit Anfang der 60er Jahre im Winter Mönchsgrasmücken gesichtet, obwohl die englischen, genau wie die mittel- und nordeuropäischen, eigentlich im Herbst nach Spanien oder Marokko ziehen. Zuerst glaubten sie, es handle sich um englische Tiere. In den 70er Jahren konnten sie anhand der Beringung nachweisen, dass es Tiere aus Mitteleuropa waren. Genauer, aus Süddeutschland und dem westlichen Österreich.

Wie könnten die ersten Mönchsgrasmücken nach England gekommen sein?

Die Vögel, die in Süddeutschland und im westlichen Österreich brüten, ziehen im Herbst erst ein Stück nach Westen, am Nordrand der Alpen entlang, weil sie das Hochgebirge nicht direkt überqueren wollen. Erst später knickt ihre Route nach Südwesten ab. Einzelne Exemplare könnten von der anfänglichen Route weiter nach Norden abgewichen und so nach England gelangt sein.

Warum in die Ferne schweifen?

Zu Martin Schaefers Forschungsschwerpunkten gehören die Populationsgenetik von Vögeln und die visuelle Kommunikation zwischen Pflanzen und Tieren

Warum in die Ferne schweifen?

Überwintert die Mönchsgrasmücke (Sylvia atricapilla) bald in Deutschland?

Welche Vorteile bietet die Nordsee-Insel gegenüber Südspanien?

Singvögel werden von den vogelvernarrten Engländern gut gefüttert. Wir wissen, dass in jedem dritten englischen Garten, in dem Vogelfutter ausgebracht wird, auch Mönchsgrasmücken sind. Außerdem sparen sie sich etwa 600 Kilometer, also rund ein Drittel der eigentlichen Zugstrecke. Und sie kommen im Frühjahr früher in den Brutgebieten an. So können sie die besseren Territorien besetzen.

Und was ist mit den norddeutschen Mönchsgrasmücken?

Die fliegen weiterhin nach Südwesten.

Warum das?

Vermutlich, weil die Änderung der Zugrichtung für einen norddeutschen Vogel größer ist als für einen süddeutschen. Die norddeutschen starten ja im Herbst direkt in südwestliche Richtung.

Gibt es Unterschiede zwischen den Südspanien- und den England-Überwinterern?

Sie unterscheiden sich genetisch, aber auch in ihrer Gestalt. Das betrifft die Flügel- und die Schnabelform und die Gefiederfärbung. Der wichtigste Unterschied ist wohl die Flügelform. Die Vögel, die in England überwintern, haben rundere Flügel. Das kommt der Manövrierfähigkeit auf kurzen Strecken zugute. Für den Langstreckenflug sind sie dagegen nicht besonders gut geeignet.

Können sich innerhalb von wenigen Jahrzehnten durch Selektion sichtbare Unterschiede zwischen Individuen einer Spezies herausbilden?

Früher dachte man, evolutionäre Prozesse könne man nur anhand von Fossilien nachvollziehen. Heute wissen wir, dass es Merkmale gibt, die sich relativ schnell entwickeln können. Was nicht bedeutet, dass sie sich in derselben Geschwindigkeit immer weiter entwickeln. Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Prozess, den wir jetzt beobachten, nicht fortsetzte, wenn die Engländer aufhörten, Vögel zu füttern.

Angenommen, die Briten füttern weiter: Erleben wir die Entstehung einer neuen Art? Wir können die ersten Schritte dieses Prozesses sozusagen live mitverfolgen. Das war bisher nicht möglich. Ich glaube allerdings nicht, dass die beiden Ökotypen, wie ich sie nenne, sich immer stärker und weiter differenzieren. Denn wir sehen heute einen generellen Trend hin zu immer kürzeren Zugstrecken. Inzwischen versuchen die ersten Mönchsgrasmücken sogar, in Deutschland zu überwintern.

Wie kommen Zugvögel allgemein mit der Klimaerwärmung zurecht?

Generell gilt, dass der Klimawandel schlecht ist für Zugvögel, weil sie darauf angewiesen sind, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ausreichend Nahrung vorhanden ist - entweder in ihrem Brutgebiet, in ihrem Überwinterungsgebiet oder in den Rastgebieten dazwischen. Dieses Timing ist wegen der klimatisch bedingten Veränderungen in den Ökosystemen in Gefahr. Darum sind die Zugvögel diejenige Vogelgruppe mit den am stärksten abnehmenden Beständen. Die Mönchsgrasmücke bildet allerdings eine Ausnahme - weil sie besonders flexibel ist. Ihre Bestände wachsen überall. Sie zeigt uns: Es gibt auch Arten, die sich in einer erstaunlichen Geschwindigkeit anpassen können.

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