Interview "Wir müssen langfristig denken"

Die Einrichtung der weltgrößten Meeresschutzgebiete in der Antarktis ist gescheitert. Wie es dazu kam und was das für den Schutz der Ozeane an sich bedeutet erläutert Greenpeace-Meeresbiologin Dr. Iris Menn im Interview

Dr. Iris Menn, 42, ist Meeresbiologin. Sie forschte an der Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-
Instituts auf Sylt, bevor sie bei Greenpeace anheuerte. Bei der Antarktis-Konferenz in Bremerhaven saß sie als Beobachterin im Plenum.

"Wir müssen langfristig denken"

Greenpeace-Meeresbiologin Dr. Iris Menn bei der Arbeit auf hoher See

GEO.de: Die Einrichtung der größten Meeresschutzgebiete der Welt ist gescheitert. Kam das für Sie überraschend?

Greenpeace-Meeresbiologin Dr. Iris Menn: Letztes Jahr im November war klar, dass Russland und die Ukraine keine Freunde von Schutzgebieten sind. Dennoch hatten sie diese Sondersitzung einberufen. Dass sie dann so destruktiv verhandeln, war schon überraschend.

Der Vorschlag zur Einrichtung einer Schutzzone kommt ja vor allem aus westlichen Staaten wie den USA oder Neuseeland. China, Japan, die Ukraine, Norwegen und vor allem Russland haben dagegen große wirtschaftliche Interessen in der Region und wenig Interesse an einer Schutzzone. Kann Meeresschutz in dieser Größenordnung nach dieser Niederlage noch gelingen?

Ich denke schon. Es gibt genügend Staaten, die sich für den Meeresschutz einsetzen. Und es gibt natürlich auch internationale Verpflichtungen. Die Staaten haben sich ja international verpflichtet, bis 2020 ein großes weltweites Netzwerk von Meeresschutzgebieten einzurichten.

2009 hatte Russland der Einrichtung eines Schutzgebiets rund um Südgeorgien bereits zugestimmt. Jetzt meldet das Land juristische Bedenken an, ob die Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresschätze in der Antarktis überhaupt das Recht habe, Schutz

Das war ein ganz plötzliches anderes Thema während der Verhandlungen, das die eigentlichen Verhandlungen gestoppt hat. Die Kompetenz der Kommission infrage zu stellen oder die Definition von Schutzgebieten erörtern zu wollen, das sind einfach Schachzüge, um nicht über das eigentliche Thema zu diskutieren. Das ist extrem destruktiv für so eine Verhandlung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Russland um diese Sondersitzung gebeten hat. Da reisen über 120 Delegierte an aus 24 Ländern. Das kostet richtig viel Geld. So eine Veranstaltung dann in so einer Art und Weise platzen zu lassen, finde ich schon ein starkes Stück.

Warum wäre die Einrichtung in der Antarktis so wichtig für den Meeresschutz insgesamt gewesen?

Die Antarktis ist eine der letzten unberührten Meeresregionen. Die meisten anderen sind stark überfischt oder verschmutzt. Zunächst geht es natürlich darum, den einzigartigen und sehr sensiblen Lebensraum der Antarktis zu schützen. Daneben wären die Schutzgebiete in der Antarktis eine gute Referenzfläche für die Wissenschaft, um zum Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels zu untersuchen.

Mit welchen Folgen für die antarktischen Meeresgebiete rechnen Sie jetzt?

Je länger dieses Gebiet nicht geschützt ist und man dort beispielsweise noch fischen kann, desto länger ist es menschlichen Einflüssen ausgesetzt. Das ist fern von ideal und fern davon, Lebensräume und Artenvielfalt zu schützen. Umso mehr hoffen wir, dass wir im Oktober auf der Sitzung in Hobart zu einer Einigung kommen werden.

"Wir müssen langfristig denken"

Die Antarktis ist eine der letzten unberührten Meeresregionen. Doch die Einrichtung der weltgrößten Schutzzone ist nun gescheitert

Halten Sie das für realistisch?

Ich würde nicht für eine Umweltschutzorganisation arbeiten, wenn ich nicht immer wieder die Hoffnung hätte, dass wir tatsächlich was bewegen können im Meeresschutz und Staaten davon überzeugen können, dass Schutz und eine nachhaltige Nutzung zusammen möglich sind. Wir müssen langfristig denken, wenn wir die Meere erhalten und trotzdem weiterhin Fisch auf unseren Tellern haben wollen.

Ist das international vereinbarte Ziel, bis 2020 zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen jetzt noch realistisch?

Das ist insgesamt sehr ambitioniert. Man hätte schon viel früher damit anfangen müssen, das umzusetzen. Innerhalb von sieben Jahren jetzt noch zwanzig Prozent unter Schutz zu stellen, wenn man sich überlegt, dass wir jetzt weniger als zwei haben. Wir führen diese Verhandlungen außerdem auf internationaler Ebene, also mit 193 Staaten. Das ist ein sehr langfristiger Prozess. Trotzdem würde ich an dem Ziel festhalten. Umso wichtiger wäre jetzt diese Entscheidung gewesen, weil es ein klares Signal auch an die internationale Staatengemeinschaft gewesen wäre.