Interview Warum Naturschützer den Abschuss von Wölfen erlauben wollen

Der Naturschutzverband NABU will der Tötung von streng geschützten Wölfen zustimmen. Warum, erläutert Ralf Schulte, Wildtierökologe und Fachbereichsleiter Naturschutz und Umweltpolitik im GEO.de-Interview
Wolf mit Beute

Zum Nahrungsspektrum des Wolfs gehören nicht nur junge Wildschweine - sondern auch Schafe und Ziegen

GEO.de: Wer einen Wolf tötet, kann mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden. Jetzt wollen Sie einem Gesetz zustimmen, das Abschüsse ermöglicht. Woher der Gesinnungswandel Ihres Verbandes?

Ralf Schulte: Ich sehe da keinen Gesinnungswandel. Wir als Nabu haben der Tötung eines Wolfs schon immer dann zugestimmt, wenn es sich um auffällige Tiere handelte, die das Potenzial hatten, aufgrund ihres Verhaltens für Menschen zu einer Gefahr zu werden. Wir haben uns auch bereiterklärt, dass ein Abschuss auch dann möglich sein soll, wenn Tiere wiederholt Herdenschutzmaßnahmen überwunden haben. An diesem Punkt sind wir jetzt bei der Initiative der Umweltministerin Svenja Schulze.

... die soeben einen Vorschlag für eine „Lex Wolf“ vorgelegt hat.

Ihr Entwurf sieht die leichtere "Entnahme" von Wölfen vor, die mehrfach geschützte Schafe und Ziegen getötet haben. Dazu soll es einen Zusatz zum Paragrafen 45 des Bundesnaturschutzgesetzes geben, dass nämlich eine Tötung nur dann möglich sein soll, wenn die von den Experten vorgesehenen und staatlich zu 100 Prozent geförderten Herdenschutzmaßnahmen angewandt – und vom Wolf mehrfach überwunden wurden. Das Primat des Herdenschutzes ist uns sehr wichtig.

Ist es nicht wahrscheinlich, dass immer mehr Wölfe diese Fähigkeit erlangen werden?

Das wäre der worst case. Darum sind wir an der Stelle, schweren Herzens und eine fette Kröte schluckend, auf der Seite der Ministerin – indem wir sagen, diese Lernerfahrung, dass der Gang zur Schaf- oder Ziegenherde wie der Gang zum Schnellimbiss ist, diese Lernerfahrung dürfen wir den Wölfen nicht gönnen. Wer sie gemacht hat und nachhaltig das neu Gelernte anwendet, der muss getötet werden. Denn Wölfe sind sehr soziale Tiere, und das Erlernte würde schnell innerhalb des Familienverbandes weitergegeben.

Das heißt aber immer noch: Eine streng geschützte Art soll zukünftig bejagt werden dürfen?

Ralf Schulte

Ralf Schulte ist Wildtierökologe und Fachbereichsleiter Naturschutz und Umweltpolitik beim NABU

Nein. Die Jäger, aber auch die Landwirte des Deutschen Bauernverbandes etwa, wollen die Wölfe ins Jagdrecht aufnehmen. Und damit eine Schutzjagd einführen. Das würde bedeuten: Wo ein Wolf eine geschützte Herde angegriffen hat, wird Halali geblasen, und keine Behörde muss mehr gefragt werden. Es werden so lange Wölfe geschossen, bis das Problem nicht mehr auftritt. Genau das wollen wir nicht. Wir wollen keine Jagd auf Wölfe, sondern allenfalls die Möglichkeit, nach Natur- und Artenschutzrecht in sehr gut begründeten Ausnahmefällen Wölfe zu töten.

Es könnte der Eindruck entstehen, dass Artenschutz schön und gut ist – aber nur so lange der soziale Friede oder andere Belange nicht gefährdet sind ...

Natur- und Artenschutz sind immer auch Gegenstand eines sozialen Aushandlungsprozesses. Gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung kann man keinen Nationalpark errichten. Bei Arten wie der Gelbbauchunke kann man relativ entspannt rangehen, denn die braucht im Wesentlichen nur ihren Tümpel. Aber bei Wolf, Bär, Wisent oder Elch brauchen wir die gesellschaftliche Akzeptanz. Die Bevölkerung muss mehrheitlich dahinterstehen und sagen: Wir finden das gut.

Wie wollen Sie verhindern, dass auch andere kontrovers diskutierte Tierarten zukünftig unter „Jagddruck“ geraten?

Wenn der Paragraf 45 geändert wird, dann muss diese Regelung explizit für den Wolf gelten. Es darf keine allgemeine Öffnung für andere Arten geben. Es geht also nicht um eine "Lex Problemtier", sondern um eine Lex Wolf. Da nehmen wir die Ministerin Schulze beim Wort.

Glauben Sie, dass ein harmonisches Miteinander von Mensch, Wolf und Schaf in Deutschland dauerhaft möglich ist?

Ich glaube, dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Es ist aber wichtig, dass wir Menschen ein Stück weit Gelassenheit im Umgang mit den Wildtieren an den Tag legen und nicht jeden Besuch eines Wolfs am Dorfrand zum Problem machen. Und auch wir Naturschützer müssen bereit sein, Menschen, die tatsächlich wirtschaftlichen Schaden erleiden, verlässliche und ehrliche Lösungen anzubieten.

Und die Schafe?

Schafe können in umzäunten Bereichen bei einem Wolfsangriff nicht flüchten. Wir können es schon aus Tierschutzgesichtspunkten nicht hinnehmen, dass Wölfe einfach mal so Dutzende Schafe reißen. Der Wolf hat zwar das Recht, sich zu ernähren, aber es gibt auch das Recht des Schafs auf Unversehrtheit, zumal, wenn es eingesperrt lebt. Dieses Dilemma muss gelöst werden. Wir sind da im Dialog mit den Berufsschäfern - und auf einem guten Weg.