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Biodiversität Wie sinnvoller Artenschutz tatsächlich aussehen müsste

Großtrappe
Mehr als 7000 Tierarten sind hierzulande stark gefährdet - so auch die Großtrappe
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Die Biodiversität zu bewahren, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit. Doch worum es dabei vor allem geht, ist vielen nicht bewusst. Ein Kommentar von Peter Wohlleben

Wenn es um das Thema Naturschutz geht, taucht irgendwann unweigerlich auch der Begriff „Artenvielfalt“ auf. Dieser Begriff ist das eigentliche Kernstück des modernen Naturschutzes, und deshalb drehen sich alle Maßnahmen letztlich um die Erhaltung der Biodiversität, wie das Ganze korrekt genannt wird.

Es geht also um den Erhalt möglichst vieler Arten, und das an allen Orten. Das halte ich für völlig verkehrt, obwohl ich schon seit etlichen Jahren für den Schutz der Umwelt eintrete.

Die Bewahrung der globalen Artenvielfalt ist auf jeden Fall erstrebenswert, nicht jedoch die Förderung möglichst vieler Arten in jeder einzelnen Region, schlicht und ergreifend, weil es nicht funktioniert.

Aus Sicht der Artenvielfalt sind Naturschutzgebiete wie Zoos - künstlich gestaltet

Lassen Sie mich das an einem einfachen Beispiel erklären. Die Orte mit der höchsten Artenvielfalt größerer Tiere werden gemeinhin in tropischen Regenwäldern vermutet. Das ist falsch! Die höchste Dichte verschiedener Arten finden Sie in den städtischen Zoos. Von Insekten über Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere sind hier Tausende Arten aller Klimazonen vertreten.

Nun kann man sagen, dass Zoos nicht zur Natur gehören und als künstliches Gebilde nicht zu den schützenswerten Landschaften der Erde zählen. Das gilt allerdings auch für Naturschutzgebiete, die künstlich gestaltet sind. Auch hier werden parkähnliche Verhältnisse geschaffen, um Tiere zu schützen, die dort ursprünglich nicht zu Hause waren, wie etwa die Heidelerche. Denn vor allem menschlichen Wirken stand anstelle von Wacholderbüschen, Heidekraut und Blaubeersträuchern einst ein Buchenurwald, der schon vor Jahrhunderten der Säge zum Opfer fiel.

Ist diese ursprüngliche Wildnis verloren gegangen, dann macht es nur in Ausnahmesituationen Sinn, in die Landschaft „pflegend“ einzugreifen, anstatt das ursprüngliche Ökosystem mit all seinen Arten zurückkehren zu lassen. Diese Ausnahmesituation ergibt sich, wenn ein Tier oder eine Pflanze global gefährdet ist, hier aber ein Refugium gefunden hat, wie zum Beispiel die Großtrappe. Der bis zu 16 Kilogramm schwere Vogel ist ein Steppenbewohner, der auch in der Kultursteppe überleben kann, beispielsweise in Brandenburg.

Intensive Landwirtschaft mit Maisanbau hat zu dramatischen Rückgängen geführt, und nur Fördermaßnahmen wie Blühstreifen und Extensivierung konnten die Zahlen wieder leicht ansteigen lassen. Auch auf diesen Schutzflächen stand dereinst Wald, doch in solchen Fällen kann der Schutz einzelner Arten Priorität haben.

Der große Nachteil gegenüber natürlichen Ökosystemen ist aber, dass in solchen Schutzgebieten ständig gepflegt werden muss, um den Zustand (hier Steppe) zu erhalten. Zudem kommen die Maßnahmen immer nur wenigen Spe­zies zugute und benachteiligen andere, oft diejenigen, welche hier ursprünglich gelebt hatten.

Kleine Arten bilden die Vielfalt

Besser wäre es, in großem Umfang die natürlichen Ökosysteme zu erhalten, die sich völlig ohne unser Zutun in einem stabilen Zustand einpendeln. Dadurch würden auch all die kleinen Spezies geschützt, die die eigentliche Vielfalt bilden.

Wissenschaftler schätzen, dass mindestens 85 Prozent von diesen Winzlingen noch gar nicht entdeckt sind, die meisten davon wahrscheinlich Bakterien und Pilze. Wie wichtig sie für den Naturkreislauf sind, können wir uns aktuell besser vorstellen denn je.

Dieser Artikel stammt aus Wohllebens Welt Nr. 9 "Wie der Garten zum Paradies wird". Das Magazin können Sie bequem in unserem Online-Shop bestellen.


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