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Plastikverschmutzung Bakterien in Seen fressen Mikroplastik – sogar lieber als organisches Material

Süßwasser-Seen – hier der Lovatnet-See in Norwegen – könnten einer Studie zufolge zu Hotspots der Verschmutzung duch Mikroplastik werden
Süßwasser-Seen – hier der Lovatnet-See in Norwegen – könnten einer Studie zufolge zu Hotspots der Verschmutzung duch Mikroplastik werden
© pierrick / Adobe Stock
Einzeller in abgelegenen skandinavischen Seen mögen Plastik. Doch ein Grund zum Jubeln ist das nicht

Mikroplastik ist überall – auch scheinbar unberührte skandinavische Seen bleiben von der Verschmutzung durch Plastik nicht verschont. Das ist problematisch, weil Kunststoffe zum Teil giftige Inhaltsstoffe enthalten und wahrscheinlich Jahrhunderte in der Umwelt überdauern können. Mit unbekannten Folgen.

Nun machte ein Team um die Forscherin Eleanor Sheridan von der University of Cambridge in Großbritannien eine erstaunliche Entdeckung: Offenbar können einige der in der Natur vorkommenden Bakterien Plastik fressen und verdauen. Noch erstaunlicher: Sie scheinen sogar eine Vorliebe für die künstliche Nahrung zu haben.

Für ihre im Fachblatt "Nature communications" erschienene Studie untersuchten die Forschenden das Wasser von insgesamt 29 nach Lage, Dimensionen und Nährstoffgehalt sehr unterschiedlichen skandinavischen Seen. Sie befüllten Flaschen mit zerschnittenen Plastiktüten aus dem Supermarkt und destilliertem Wasser und setzten das Gemisch dem Licht einer UV-Lampe aus – um die Wirkung des Sonnenlichts zu simulieren. Nach Ablauf einer Woche versetzten sie Proben aus allen Seen mit einer kleinen Menge des "Plastikwassers". "Unbehandelte" Seewasser-Proben dienten dem späteren Vergleich.

Bakterien ziehen Kunststoffe offenbar organischen Materialien vor

Das Ergebnis: Die Biomasse der Bakterien erhöhte sich nach der Zugabe von "Plastikwasser" um das 2,29-Fache. Die Analyse ergab außerdem: Inhaltsstoffe von Plastikabfällen stellen für die Einzeller offenbar eine willkommene Bereicherung des Speiseplans dar: "Es ist fast so, als ob die Plastikverschmutzung den Appetit der Bakterien anregt", sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte Andrew Tanentzap in einer Pressemitteilung. Die Kunst-Speise ist für Bakterien offenbar leichter zu verstoffwechseln als natürliche organische Substanz, zum Beispiel abgestorbenes Pflanzenmaterial.

Bakterien zersetzen Mikroplastik – ein Grund zum Jubeln? Ist das Plastikproblem der Menschheit damit vielleicht gelöst? "Das wäre großartig, aber ich fürchte, es ist nicht so einfach", erklärt Eleanor Sheridan gegenüber GEO.de. Plastik steigere zwar das Bakterienwachstum, aber bislang sei unbekannt, welche Bestandteile genau sie verstoffwechseln.

Andrew Tanentzap weist zudem darauf hin, dass Plastikverschmutzung weit reichende Folgen für das ganze Ökosystem haben könne, da sie das Nahrungsnetz in Seen stimuliere: "Mehr Bakterien", so Tanentzap, "bedeuten mehr Nahrung für größere Organismen wie Enten oder Fische".

Auch wenn sich die Hoffnung auf effektive, Kunststoff fressende Einzeller nicht erfüllen sollte, gibt sich Eleanor Sheridan zuversichtlich: "Auf jeden Fall hoffen wir, dass Bakterien bei der Reinigung unserer Gewässer von Plastikabfällen nützlich sein könnten – möglicherweise in zukünftigen Wasseraufbereitungsanlagen."


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