VG-Wort Pixel

Ökologisch Wohnen Wozu Bio-Möbel?


Bei Elektrogeräten achten wir auf den Stromverbrauch. Lebensmittel sollten pestizidfrei sein. Nur mit Möbeln nehmen wir es nicht so genau. Dabei lohnt sich hier ein genauer Blick auf die Inhaltsstoffe

Inhaltsverzeichnis

Auf FSC-zertifiziertes Holz achten

Für viele Menschen gehört es inzwischen zum Alltag, sich vor dem Kauf die Öko-Bilanz von Konsumartikeln anzusehen. Beim Kühlschrank achten wir auf die Energie-Effizienzklasse A+++, auf dem Gemüse sollte das EU-Bio-Siegel kleben. Bei Möbeln sind die meisten weniger kritisch. Warum eigentlich? Schließlich wirft fast jedes Möbelstück zwei wichtige Fragen auf: Woher stammt das Holz, aus dem es angefertigt wurde? Und: Ist das fertige Möbelstück gesundheitlich unbedenklich?

Zunächst zum Holz: Es ist der wohl vielseitigste und schönste aller Werkstoffe. Und darum auch einer der begehrtesten. Doch illegaler Raubbau am tropischen Regenwald gefährdet das Weltklima: Beim Abholzen des Regenwaldes wird CO2 freigesetzt, das zuvor in seiner Biomasse gebunden war. Rund ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen, schätzen die Experten des IPCC-Klimareports von 2007, geht auf die Vernichtung von Wäldern zurück. Zudem bietet der Regenwald zahllosen Tieren und Pflanzen einen einzigartigen Lebensraum.

Ökologisch Wohnen: Die Werkzeuge sind in einer konventionellen und in einer Bio-Tischlerei die gleichen. Entscheidend ist die Wahl des Holzes und der Oberflächenbehandlung
Die Werkzeuge sind in einer konventionellen und in einer Bio-Tischlerei die gleichen. Entscheidend ist die Wahl des Holzes und der Oberflächenbehandlung
© Anders Rising/ Nordic Photos/Getty Images

Kritisch: Tropenholz

Die hessischen "UmweltTischler", eine Initiative mit heute 30 Mitgliedern, haben sich darum schon in den 90er-Jahren auf die Fahnen geschrieben, weitgehend auf Tropenhölzer zu verzichten. Wenn sie doch einmal Tropenholz verarbeiten, dann nur aus zertifizierter Holzwirtschaft. Das Siegel des Forest Stewardship Council (FSC) garantiert, dass das Holz von nachhaltig bewirtschafteten Plantagen stammt. "Unser Thema ist der sinnvolle Umgang mit natürlichen Ressourcen", sagt Ralf Stuckardt, Tischlermeister und Sprecher der Initiative. "Für viele Zwecke sind ebenso heimische Hölzer geeignet." Die stammen nicht nur aus kontrollierter Forstwirtschaft, sondern haben auch eine bessere CO2-Bilanz - weil der Transportweg kürzer ist.

Allerdings: Massivholzmöbel können zwar mit ihrer Langlebigkeit punkten - sie sind stabil und schadhafte Stellen lassen sich problemlos ausbessern -, doch Punktabzüge gibt es beim Gewicht und Ressourcenverbrauch. Darauf weist Martin Stosch hin, Professor für Möbelbau im Studiengang Holztechnik an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Er glaubt, dass durch die erhöhte Nachfrage nach Biomasse für die Energieerzeugung schon im Jahr 2018 EU-weit der Verbrauch von Holz das verfügbare Angebot übersteigen wird. In Deutschland sogar schon im Jahr 2015. Es sei also höchste Zeit, leichte Alternativen zu entwickeln, die nicht nur die Holz-Ressourcen schonen, sondern auch die Transportkosten und die CO2-Emissionen senken. Besser als Massivholz und herkömmlichen Pressholzplatten sind etwa leichte Sandwich-Werkstoffe.

Neue Werkstoffe

So entwickelten Wissenschaftler der Universität Göttingen einen Plattenwerkstoff aus schnell nachwachsenden Rohstoffen. Er besteht aus Holzspänen und einer Mittelschicht aus Popcorngranulat. Die neuartigen Spanplatten sollen bis zu 35 Prozent leichter und preiswerter sein als gewöhnliche Pressholzplatten.

Um die durch den Materialverbrauch, die Produktion und den Transport anfallenden Emissionen auch für den Kunden transparent zumachen, haben die UmweltTischler einen CO2-Rechner entwickelt. Der Kunde erhält einen ausführlichen CO2-Report vom Tischler und kann selbst entscheiden, ob er für einen geringen Aufschlag ein klimaneutrales Möbelstück erwerben möchte. Als Kompensationsmaßnahme kann der Kunde Bäume pflanzen lassen. Darüber erhält er vom Landesforstbetrieb Hessen-Forst ein Zertifikat. "So etwas funktioniert bei Flugreisen und beim Briefversand. Warum soll es nicht auch im Bereich der Möbel gehen?", sagt der Geschäftsführer des Fachverbandes hessenTischler , Hermann Hubing. Der Rechner wird seit Ende 2010 in einem Pilotprojekt mit fünf Tischlereien in Hessen getestet.

Unübersichtliche Vielfalt von Inhaltsstoffen

Kaum ein Möbelstück besteht ausschließlich aus Holz. Fast alle enthalten außer Holz auch Stoffe wie Textilien, Kunststoffe, Leim und Lack. Die können nicht nur unangenehm riechen, sondern auch gesundheitsschädlich sein. Darum gehört zu den Grundsätzen der UmweltTischler auch ein sparsamer Umgang mit "Chemie". Spanplatten etwa können Formaldehyd enthalten, ein Umweltgift, das aus den verbauten Platten ausdünsten kann. Selbst das beliebte Ikea-Regal "Billy" geriet vor 19 Jahren wegen zu hoher Formaldehyd-Werte in die Kritik, erzählt Rolf Buschmann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Eine von der Zeitschrift "Stern" angestoßene Untersuchung hatte ergeben, dass acht von 18 Regalbrettern den zulässigen Höchstwert bis um das Vierfache überschritten. Ikea reagierte allerdings schnell und behob das Problem.

"Je natürlicher die Materialien sind, je weniger aufbereitet, desto weniger wahrscheinlich ist die Möglichkeit, dass Schadstoffe austreten," sagt der Verbraucherschützer. Er empfiehlt, unbehandelte Massivholzmöbel zu kaufen und sie selbst mit schadstoffarmen Ölen oder Wachsen zu behandeln. Solche Produkte sind oft mit Gütesiegeln wie dem Blauen Engel erhältlich. Wer dagegen einen Schrank im Discount-Möbelhaus holt, kauft dagegen die Katze im Sack. "Denn die Verkäufer dort wissen gar nicht, was in ihren Möbeln steckt", sagt Buschmann.

Ökologische Oberflächen

Um Oberflächen zu veredeln, dürfen die UmweltTischler für Flächen in Innenräumen keine Nitro-Celluloselacke verwenden, erklärt Ralf Stuckardt. Zum Einsatz kommen stattdessen lösemittelfreie Lacke auf Wasserbasis, natürliche Öle und Wachse. Das ist auch einer der Gründe, warum auch die Verbraucherzentrale Hessen das Projekt unterstützt. "Das Qualitätssiegel ist eine Orientierungshilfe hinsichtlich der Wohngesundheit", sagt Klaus Fey von der Verbraucherzentrale Hessen. "Denn das, was an Schadstoffen nicht eingesetzt wird, hat der Kunde später auch nicht in seiner Wohnung stehen."

Noch mangele es an Orientierungshilfen, moniert Feys Kollege Buschmann. Zwar gebe es Gütesiegel - das "Goldene M" der Gütegemeinschaft Möbel und das "ÖkoControl"-Label der Gesellschaft für Qualitätsstandards ökologischer Einrichtungshäuser. Allerdings sind die beiden Siegel fast unbekannt. Der "Blaue Engel" habe unter den Umweltzeichen zwar das beste Renommee, werde aber im Möbelbereich praktisch nicht verwendet, sagt Buschmann. "Ein Sofa besteht aus vielen unterschiedlichen Materialien. Da ist die Prüfung schwierig - und kostspielig." Wer die höheren Kosten nicht scheut, sollte also zum Bio-Tischler oder zum nächstgelegenen Bio-Einrichtungshaus gehen, empfiehlt Buschmann.

Um sicherzugehen, dass keiner der eingesetzten Werkstoffe und Oberflächen empfindliche Nasen stört oder die Gesundheit beeinträchtigt, kommen die UmweltTischler mit Holz- und Oberflächenproben zum Kunden und lassen sie mehrere Tage lang schnuppern - eine Vorsichtsmaßnahme, die besonders für Kinder und Allergiker wichtig ist. "Wir versuchen, der Problemlöser für den Kunden zu sein", sagt Stuckardt. Und tatsächlich könnte in dieser umfassenden Kundenorientierung die Zukunft liegen. Langfristig sieht Stuckardt sich mit seiner Umwelttischlerei jedenfalls auf dem richtigen Weg. Seine Auftragsbücher geben ihm Recht.

Mehr zum Thema

Die Homepage der hessischen "UmweltTischler"

Informationen des Baden-Württembergischen Umweltministeriums zum Thema Formaldehyd

Liste aller Bio-Einrichtungshäuser von "ÖkoControl"

Sie suchen Biomöbel für Ihr Zuhause? Lassen Sie sich bei der Einrichtungs-Community roomido inspirieren!


Neu in Natur