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UN-Weltwetterorganisation Rekordwert bei Treibhausgas: Welche Rolle spielen CO2-Senken?

Smog
Verkehrsstau in Peking: Die CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre steigt
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Keine Woche mehr bis zur Weltklimakonferenz in Glasgow und eine weitere ernüchternde Bilanz: die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre steigt unaufhörlich. Gleichzeitig erlahmt die Fähigkeit von Wäldern und Ozeanen, CO2 aufzunehmen

Das Wirtschaftsleben stand im ersten Corona-Jahr zwar vielerorts wochenlang still, aber den Trend immer dramatischerer Klimaveränderungen hat das nicht aufgehalten. Die Konzentration des wichtigsten Treibhausgases in der Atmosphäre, Kohlendioxid (CO2), erreichte 2020 einen Rekordwert, wie die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf berichtete. Und nicht nur das: der Anstieg war demnach stärker als im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2020.

Nur neue CO2-Emissionen zurückgegangen

"Die Verlangsamung der Wirtschaftsaktivitäten durch Covid-19 hatte keine erkennbaren Auswirkungen auf die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre oder auf deren Wachstumsraten", berichtete die WMO in der Pressemitteilung zu ihrem jährlichen Treibhausgas-Bulletin. Lediglich die neuen CO2-Emissionen seien vorübergehend zurückgegangen, um 5,6 Prozent im Coronajahr 2020. "Solange es Emissionen gibt, steigt die globale Temperatur weiter an." Das produzierte CO2 kann Jahrhunderte in der Atmosphäre bleiben. Es entsteht etwa durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, die Zementproduktion und andere Industrieprozesse sowie im Zuge von Waldzerstörung.

Der neue Höchstwert des Treibhausgases lag bei 413,2 ppm (Teilchen pro Million Teilchen). Das entspricht 149 Prozent des vorindustriellen Niveaus. Im Jahr davor waren es 410,7 ppm. Diesen Wert passte die WMO nach neuen Analysen von ursprünglich 410,5 ppm an. Die WMO datiert den Beginn der Industrialisierung für diese Berechnungen auf 1750. Die Marke von 400 ppm war erst 2015 durchbrochen worden. CO2 ist nach Angaben der WMO für etwa 66 Prozent des Erwärmungseffekts verantwortlich. Alle Treibhausgase zusammen haben schon zu einer durchschnittlichen weltweiten Erwärmung von 1,1 Grad geführt, in Deutschland beträgt sie 1,6 Grad.

Die WMO hat auch schon CO2-Messungen aus diesem Jahr, die nichts Gutes verheißen: an der Station Mauna Loa auf Hawaii in den USA lag die Konzentration im Juli dieses Jahres bei 416,96 ppm, nach 414,62 ppm im vergangenen Jahr. Die WMO bildet für das Jahresniveau immer einen Mittelwert aus den Messungen mehrerer Stationen.

Natürliche CO2-Senken verlieren ihre Aufnahmekapazität

Und noch etwas bereitet den Forscherinnen und Forschern Sorge: Während die Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre weiter ansteigt, scheinen wichtige CO2-Senken zu schwächeln. Als natürliche Senken bezeichnen Wissenschaftler*innen Ökosysteme, die Kohlendioxid binden und dadurch der Atmosphäre entziehen. Dazu zählen etwa Moore, Wälder und die Ozeane. Schätzungen zufolge wird etwa die Hälfte des vom Menschen ausgestoßenen Klimagases von diesen natürlichen Senken absorbiert.

Nach neueren Beobachtungen hat eine der wichtigsten CO2-Senken, der Amazonas-Regenwald, nicht nur seine Aufnahmekapazität eingebüßt. Der Amazonas ist unter dem Strich sogar zu einer Kohlendioxid-Quelle geworden. Grund dafür sind höhere Durchschnittstemperaturen, häufigere Dürren, Waldbrände und intensive Rodungen während der vergangenen vier Jahrzehnte.

Auch die Ozeane der Welt könnten in Zukunft weniger CO2 aufnehmen als bislang angenommen. Ursache dafür ist die höhere Oberflächentemperatur und eine durch schmelzendes Meereis abgeschwächte Zirkulation. In ihrem Bericht warnt die WMO, die natürlichen Senken reagierten empfindlich auf die Erderwärmung und Landnutzungsänderungen. Ihre verringerte Aufnahmekapazität müsse bei der Berechnung der Reduktionspfade mitberücksichtigt werden.

Ohne Maßnahmen Pariser Ziele nicht erreichbar

Wenn nicht deutlich schärfere Klimaschutzmaßnahmen als heute umgesetzt werden, würde die Welt die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht einhalten, die Erwärmung auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen, sagte WMO-Chef Petteri Taalas. Das letzte Mal, dass die Erde solche CO2-Konzentrationen erlebte wie heute, sei drei bis fünf Millionen Jahre her. Damals sei die Temperatur zwei bis drei Grad höher gewesen und der Meeresspiegel 10 bis 20 Meter höher. Auf den Zustand vor so langer Zeit können Forschende durch Eisbohrungen in uralte Luftblasen und Analysen von Fossilien schließen.

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsste die Welt in der Zeit von 2050 bis 2070 klimaneutral werden. Taalas rief die Länder der Welt auf, bei der Klimakonferenz ab Sonntag in Glasgow (COP26) neue, noch schärfere Klimaschutzmaßnahmen anzukündigen. "Wir haben keine Zeit zu verlieren", sagte er.

mit dpa

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