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Lützerath Kohle aus Kolumbien: Eine schmutzige Alternative

Blick auf einen Zug mit Kohle beladen von oben
Über mehr als 300 Schienenkilometer muss die kolumbianische Kohle aus dem Abbau in Cesar bis sie verschifft werden kann, dabei verteilt sie giftigen Staub
© Oliver Ristau
Dass die ehemalige Siedlung Lützerath der Kohle weichen soll, erhitzt die Gemüter. Doch auf Importe etwa aus Kolumbien auszuweichen, hat seinen Preis. Bauern mit Staublungen, tote Gewerkschafter und bedrohte Journalisten stehen mit auf der Rechnung
Oliver Ristau

Für den deutschen Verein der Kohlenimporteure ist es eine Freude: die baldige Aussicht auf neue Kohle aus Kolumbien. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz jubelt darüber, dass künftig kolumbianische Importkohle solche aus Russland ersetzen soll. 2021 lieferte sie rund sechs Prozent der hier verbrauchten Menge. Die Bedeutung würde noch zunehmen, wenn Deutschland selbst aus der Förderung der Braunkohle aussteigen würde – wie im rheinischen Revier, wo die ehemalige Siedlung Lützerath den Baggern von Braunkohlekonzern RWE weichen soll, wogegen sich Tausende Aktivist*innen zur Wehr gesetzt haben. 

Doch Kohle aus Kolumbien hat ihren besonderen Preis: schon seit vielen Jahrzehnten ist sie mit Blut befleckt. Dagegen ist das rheinische Lützerath die reinste Idylle. Beispiel Alejandro Arias: als ich mich vor einigen Jahren mit dem Journalisten in der Hafenstadt Santa Marta traf, stand er unter Polizeischutz. Seine Familie und er erhielten Todesdrohungen, nachdem er Beweise für die Verklappung von Kohle ins karibische Meer durch den US-Kohlekonzern Drummond veröffentlicht hatte.  Deutschen Stromerzeugern ist das egal. Sie sehen keinen Anlass, den Bezug der Kohle zu überdenken. Und dass, obwohl das Unternehmen wegen der Finanzierung paramilitärischer Terrorgruppen mittlerweile in Kolumbien vor Gericht steht. "Die Situation hat sich nicht geändert", sagt Sebastian Rötters von der NGO Urgwald. "Die Stromerzeuger EnBW und Uniper beziehen nach wie vor Kohle von Drummond."

Der Preis: Armut, Gewalt und Kohlestaub

Um die kolumbianische Kohle aus dem Hinterland der Region Cesar zum Karibikhafen zu verschiffen, rattert sie über mehr als 300 Schienenkilometer und verteilt den Staub ringsum. Sie ist in den Eisenbahnwaggons nicht abgedeckt, weil sie sich sonst unter der heißen Sonne entzünden könnte. Die Folge: Kohlestaub auf Mango- und Bananenplantagen und in den Lungen von einfachen Bauern, die nicht viel mehr als ein Wellblechdach über dem Kopf haben. Entschädigungen gibt es dafür keine, erzählte mir der damals 66jährige Ciro Ortiz aus Cienaga, der mir auch seine Röntgenaufnahmen mit den Flecken in seiner Lunge zeigte. Während meines Besuchs donnerten die Kohlezüge mehrmals an seiner kleinen Parzelle vorbei - Kommunikation unmöglich.

Blick auf die größte offene Kohlemine der Welt
Mit rund 70.000 Hektar ist Cerrejon so groß wie der Stadtstaat Hamburg und die größte offene Kohlemine der Welt
© Oliver Ristau

Auch das ist 2023 immer noch Realität.  Der größte Teil der Kohle für Deutschland stammt aus der offenen Tagebaumine Cerrejon, unweit der Grenze zu Venezuela. Mit rund 70.000 Hektar ist sie so groß wie der Stadtstaat Hamburg und die größte offene Kohlemine der Welt. Wer sich in der Region umschaut, wird kaum an blühende Landschaften denken. Armselige Dörfer, in denen halbnackte Männer auf Schemeln geschmuggeltes Benzin aus Venezuela verkaufen, Straßen, über die nachts selbst Einheimische aus Angst vor Überfällen nicht fahren wollen.

Und dann ist da das indigene Volk der Wayuu, denen Cerrejon den angestammten Lebensraum nimmt. Immer wieder berichten Besucher von Wassermangel in der ohnehin ariden Region – Wasser, das die Mine den Menschen wegnimmt, ohne dass Entschädigungen durch den Eigentümer – den Schweizer Konzern Glencore – flössen. Nicht zu vergessen die zig ungeklärten Morde an Gewerkschaftern aus der Vergangenheit, die sich für bessere Arbeitsbedingungen stark gemacht haben. Auch wenn sich die Bedingungen künftig ändern können: Kohle aus Kolumbien dürfte ein Konfliktmaterial bleiben, dessen Import Deutschland begrenzen muss. 

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