Studie Pestizide in Deutschland: Umweltexperten weisen selbst auf Brocken-Gipfel Pflanzengifte nach

Eine neue Studie zeigt: Glyphosat und Co. sind in Städten, Naturschutzgebieten und auf Bio-Äckern nachweisbar. Darunter auch Pestizide ohne Zulassung
Brocken

Sogar auf dem Gipfel des Brocken, mitten im Nationalpark Harz, konnten Experten zwölf verschiedene Pestizide nachweisen

Pflanzenvernichtungsmittel wie Glyphosat sind nicht nur auf gespritzten Äckern nachweisbar – sondern verbreiten sich im weiten Umkreis, bis in Städte und Naturschutzgebiete hinein. Das hat nun eine Studie im Auftrag des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München ergeben.

Demnach wurden an drei Viertel von insgesamt 163 Standorten in Deutschland zwischen fünf und 34 verschiedene Pestizidwirkstoffe oder deren Abbauprodukte gefunden. Und das auch weit von landwirtschaftlichen Nutzflächen entfernt. Sogar auf dem 1141 Meter hohen Gipfel des Brocken, mitten im Nationalpark Harz, konnten die Experten zwölf Pestizide nachweisen.

Pestizide in der Stadt und in Naturschutzgebieten

Die Proben fanden zwischen März und November 2019 statt. Gemessen wurde im Umkreis von bis zu einem Kilometer Entfernung von potenziellen Pestizid-Quellen – in Städten ebenso wie auf dem Land, in Schutzgebieten und in konventionellen ebenso wie in biologisch bewirtschafteten Landschaften. Zum Einsatz kamen neu entwickelte Passivsammler, Filter aus Lüftungsanlagen und Proben aus Bienenstöcken. Ebenfalls einbezogen wurden Proben von Baumrinden, die zwischen 2014 und 2019 gesammelt wurden.

Im Labor fanden die Experten insgesamt 138 verschiedene Substanzen, die auf Ackergifte zurückgehen. Fast ein Drittel davon war zum Zeitpunkt der Messung nicht mehr oder noch nicht zugelassen.

„Pestizide landen in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft“, sagt Agrarexperte Karl Bär vom Umweltinstitut München in einer Presseerklärung. Und fordert: „Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssen sofort verboten werden.“

Neben den bislang kaum untersuchten Umwelt- und Gesundheitsrisiken kritisieren Öko-Bauern seit langem das wirtschaftliche Risiko durch die konventionelle Landwirtschaft. Denn wenn Agrargifte auf Bio-Äcker gelangen und nachgewiesen werden, ist die Ernte verloren.

Biobranche fordert einen Schadensausgleich-Fonds

„Bislang trägt die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst“, sagt Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft. Er fordert darum einen Schadensausgleichs-Fonds, der aus einem Teil der Umsatzerlöse der Pestizid-Hersteller gespeist wird.

Bär und Frank fordern zudem einen europaweiten Ausstieg aus chemisch-synthetischen Pestiziden bis 2035 – und begrüßen ein bundesweites Monitoring, das das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit angekündigt hat.