Corona-Pandemie Naturforscher über COVID-19: "Alles, was wir Menschen tun, kommt zu uns zurück"

Im Interview mit GEO.de erläutert Johannes Vogel, Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums, was unser Billigkonsum mit der aktuellen Corona-Pandemie zu tun hat
Pangolin

Pangoline (Schuppentiere) werden in Ostasien und Afrika als Delikatesse und für zweifelhafte medizinische Zwecke gejagt und gehandelt - bis an den Rand der Ausrottung

GEO.de: Es gibt Forscher, die die aktuelle Pandemie als "menschengemacht" bezeichnen. Wie ist das zu verstehen?

Johannes Vogel: Seit wir uns die Erde „untertan“ gemacht haben und Tiere domestiziert haben, leben wir mit neuen Krankheiten. die von Tieren auf uns übergehen. Wir haben viele der so genannten Zoonosen, die früher von Schafen, Ziegen, Kühen, Pferden und anderen Tieren auf uns übertragen wurden, überlebt und reagieren darauf heute nicht mehr. Aber je breiter wir uns nahrungsmäßig in der Natur umtun, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass neue, krank machende Erreger entstehen. Und dadurch, dass wir als Menschheit so eng mit einander verknüpft sind, begünstigen wir natürlich die Ausbreitung jedes neuen Schadvirus. 

Bislang wird vermutet, dass das Virus auf einem Wildtiermarkt in China entstand ...

Es gibt in China eine Kultur, eine Tradition, nach der bestimmte Organismen Harmonie, Gesundheit oder Schönheit in unser Leben bringen. Da nimmt man es mit der Taxonomie nach westlichen Vorbild nicht so genau. Auf Banketten wird Fleisch von Tieren angeboten, die man als Gast aus dem Westen nicht kennt. Für die Chinesen sind das besondere Delikatessen. Gleichzeitig ist es eben so, dass dieser Handel, der zu einem großen Teil illegal abläuft, dazu beitragen kann, dass Tiere mit unbekannten Krankheitserregern auf kürzestem Wege in den Menschen gelangen. Das ist ein riesiges Experiment, das 1,4 Milliarden Menschen tagtäglich durchführen. Es war nur eine Frage der Zeit, dass es zu einer weiteren Infektion kam. 

Ist das Problem gelöst, falls die chinesische Regierung Wildtiermärkte nun zeitlich unbeschränkt verbietet?

Das würde zwar verhindern, dass in China weitere Erreger – wir haben nun innerhalb von 20 Jahren das zweite SARS-Virus – entstehen. Aber wie sieht es in Indonesien aus oder in Vietnam, in Laos oder in Afrika? Auch hier gibt es Wildtiermärkte, leben Menschen von dem, was der Wald hergibt. Wir können uns nicht weiter darauf verlassen, dass Menschen ihre tierische Nahrung, ihr tierisches Protein aus Ressourcen beziehen, die nicht nachhaltig sind und zu Zoonosen führen können. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist doch: Wie wollen wir darauf reagieren? Macht es uns betroffen oder nicht? Können wir nach COVID-19 weitermachen wie bisher – bis ein neuer Supererreger kommt?

Sie haben in einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“ geschrieben: „Wir alle stecken unter einer Decke“. Wie meinen Sie das? Was müssen wir Europäer in unserem Denken und Verhalten ändern?

So schlimm das jetzt klingt: Vielleicht nutzen wir die Gelegenheit, um uns abzugewöhnen, unsere Freizeit in der Shoppingmeile zu verbringen?

Was hat das mit COVID-19 zu tun?

Die Pandemie ist für mich nur ein spürbarer Ausdruck dafür, dass alles, was wir Menschen tun, zu uns zurückkommt. Zum Beispiel, wenn wir in unserer Freizeit Nippes und Billigklamotten kaufen. Für meine Großeltern war Kleidung noch etwas Kostbares. Kleider, Hemden, Hosen wurden von einer Generation zur nächsten weitergegeben, wurden geflickt, genäht, dann bei der Arbeit auf dem Acker getragen, bis sie verschlissen waren. Heute kostet Baumwolle nichts mehr. Aber ihr Anbau ist aber ein riesiger Faktor für die Versteppung und Versalzung großer Landstriche, weil der Anbau sehr wasserintensiv ist. Außerdem werden rund 25 Prozent aller Pestizide weltweit auf Baumwollplantagen eingesetzt. Unser billiges Einkaufen von Wegwerf-T-Shirts mit dummen Sprüchen verursacht Krankheiten beim Menschen, fördert die Zerstörung von fruchtbaren Böden und schädigt Insekten und Vögel. Wir müssen verstehen, dass der billige Konsum woanders zu einem Elend und einer Zerstörung führt, die am Ende zu uns und unseren Kindern zurückkommen. Nichts in der Welt ist kostenlos. Der Billigkonsum ist ein Beispiel dafür, dass der Mensch, der sich in den Shoppingmeilen außerhalb der Natur sieht, nicht außerhalb der Natur steht.

Prof. Johannes Vogel

Prof. Johannes Vogel ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin - Leibniz Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung und Professor für Biodiversität und Wissenschaftsdialog an der Humboldt-Universität zu Berlin

Um die weltweite Artenvielfalt zu schützen, treffen sich die UN-Mitgliedsstaaten im Oktober im chinesischen Kunming. Was erwarten Sie von der Konferenz?

Nichts, so wie die Politik derzeit aufgestellt ist. Solche Konferenzen werden mit großem Aufwand vorbereitet, und am Ende muss keiner etwas abgeben oder verändern. Aber alle sind glücklich, dass sie sich getroffen haben. Die einzige Chance, dass sich etwas verändert, ist dass wir alle etwas für die Vielfalt tun und fordern, dass die Zerstörung der Vielfalt vor unserer Haustür – und auf der ganzen Welt - aufhört!

Sie schreiben: „Das Wirtschafts- und Wertesystem, das auf der Ausbeutung der Natur, ihrer nicht-nachhaltigen Nutzung beruht, wird scheitern.“ Sehen Sie Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert?

Ich bin Optimist. Es ist doch ganz einfach: Wenn heute China, die USA und Europa beschließen würden, dass es nur noch biobasierten, leicht abbaubaren und nachhaltig produzierten Kunststoff gäbe, dann würde es einen gewaltigen Innovationsschub geben. Das Plastikproblem wäre gelöst. Ich glaube an die Kraft der Politik und des Staates – und dass eine dynamische Wirtschaft sich auf solche Vorgaben einstellen würde. Wir haben uns als Spezies selber einen Namen gegeben: Homo sapiens. Das heißt so viel wie „verstehender“ oder „weiser“ Mensch. Lasst uns diesem Namen mal gerecht werden!