Lebensmittelverschwendung Lebensmittelabfälle doppelt so hoch wie angenommen?

Weltweit werden möglicherweise doppelt so viele Lebensmittel weggeworfen wie gedacht. Darauf deuten neue Berechnungen hin
Lebensmittelverschwendung

Verdorbenes Obst, schrumpelige Kartoffeln, schimmeliger Käse: Die Deutschen werfen jedes Jahr 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weg – das sind pro Person zwei vollgefüllte Einkaufswagen im Wert von 234 Euro schätzt das Umweltbundesamt. Hinzu kommen Verluste auf dem Acker, beim Transport, in der Gastronomie und im Einzelhandel.

Weltweit, so schätzt die FAO, geht rund ein Drittel der landwirtschaftlichen Erzeugnisse verloren – während gleichzeitig mehr als 800 Millionen Menschen hungern.

Jetzt sorgt eine Studie aus den Niederlanden für Aufsehen. Die Verluste, so die Autoren der Wageningen-Universität in Den Haag, werden dramatisch unterschätzt. Sie könnten sogar mehr als doppelt so hoch sein, wie die FAO annimmt. Demnach würde nicht nur auf 15, sondern sogar auf 30 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche Nahrungsmittel angebaut, die auf niemandes Teller landen – mit den entsprechenden Belastungen für Umwelt und Klima.

Zu ihren alarmierenden Zahlen kommen die Forscher durch eine neue Berechnungsmethode. Sie erstellten nämlich keine Massenbilanzen oder werteten Abfalldaten aus – sondern legten den Kalorienbedarf der jeweiligen Bevölkerung zugrunde. Den glich das Team um die Lebensmittelökonomin Monika Verma mit offiziellen Länderangaben über die Menge der zur Verfügung stehenden Kalorien ab.

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Mehr Wohlstand, mehr Lebensmittelverschwendung

Die Analysen der Forscher bestätigen einen Verdacht: dass nämlich in vergleichsweise wohlhabenden Ländern besonders viel weggeworfen wird. Allerdings steigt die Kurve nicht gleichmäßig an. Etwa ab täglichen Ausgaben von umgerechnet 6,15 Euro pro Kopf steigt die Menge der weggeworfenen Lebensmittel stark an. Die Forscher präsentieren mit ihrer Studie gleichzeitig einen neuen Ansatz, um im Rahmen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG 12) international vergleichbare Daten zu Lebensmittelverlusten bereitzustellen.

Erziehung, Einstellungen und kulturelle Ernährungsgewohnheiten, so die Autoren, spielen zwar bei der Lebensmittelverschwendung auch eine wichtige Rolle. Allerdings sind Daten dazu weitaus schwieriger zu erhalten und international zu vergleichen.

Fachkollegen geben sich zurückhaltend: "Ich vermute, die neue Studie überschätzt das Ausmaß der Lebensmittelverluste", sagte der Göttinger Agrarökonom Achim Spiller gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Andererseits setze die Bundesregierung zu niedrige Werte an.

Einigkeit gibt es allerdings darüber, dass hohe Nahrungsmittelverluste vor allem ein Problem der wohlhabenden Länder sind.

24.000 Menschen sterben nach Angaben von Brot für die Welt jeden Tag an Mangel- und Unterernährung – überwiegend in Entwicklungsländern. Das größte Problem ist allerdings nicht die Nahrungsmittelverschwendung – sondern der ungleiche Zugang zu Lebensmitteln. Den meisten Hungernden fehlt es schlicht an Geld.