Singvögel als Delikatesse Dürfen wir uns über die kulinarische Tierquälerei anderer Länder aufregen?

Trotz strenger Verbote schlemmen Franzosen und Italiener Gartenammern: zu Tode gequälte, in Deutschland seltene Singvögel. Dürfen wir uns darüber aufregen?
Gartenammer wird in Armagnac ertränkt

Höhepunkt einer zweiwöchigen Tierquälerei: Eine Gartenammer wird in Weinbrand ertränkt

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Die Gartenammer ist ein Singvogel, der in Afrika überwintert und Tausende Kilometer fliegt, um bei uns zu brüten. Kennen Sie nicht? Nie gesehen? Kein Wunder: Der etwas mehr als spatzengroße Vogel mit der gelben Kehle, auch Ortolan genannt, war bei uns nie häufig – und wird immer seltener.

Ein Grund dafür ist seine Flugroute. Auf ihrem anstrengenden Zug um das Mittelmeer herum müssen die Tiere in Südfrankreich zwischenlanden, um sich zu erholen. Das wird Tausenden von ihnen zum Verhängnis. Denn die Franzosen lieben Gartenammern. Nicht weil sie schön anzusehen sind oder bezaubernd singen. Sondern weil sie schmecken. Die Tiere landen als kostbare Spezialität in den Gaumen zahlungskräftiger Gourmets.

Die Zubereitung: ein Beispiel exquisiter Tierquälerei. Die gefangenen Vögel werden zwei Wochen lang im Dunkeln gehalten und gemästet, um dann in Armagnac ertränkt zu werden. Sie werden gebraten und von Feinschmeckern mit Haut und Knochen als Ganzes in den Mund genommen und zerkaut. Ob zum Schutz vor den Blicken von Tierschützern oder um den Duft der Speise nicht entweichen zu lassen: Echte Gourmets legen sich beim Kauen noch eine Stoffserviette über den Kopf.

Sich über solche bizarre Tierquälerei aufzuregen, ist etwas ziemlich Naheliegendes. Zumindest, wenn man kein französischer Gourmet oder Gastronom ist. Denn die „Fettammer“, wie das in ein Gericht verwandelte Tier auch genannt wird, hat in Frankreich eine lange Tradition. Bevor wir aber die Franzosen für ihre tierquälerischen Extravaganzen geißeln, sollten wir kurz innehalten.

Die Dimensionen von Tier- und Artenschutz

Die Tradition hat zwei Aspekte, den Artenschutz und den Tierschutz. Was den Artenschutz betrifft: Die Zahl der Gartenammern nimmt in ihrem westlichen Verbreitungsgebiet (dazu gehört Deutschland) drastisch ab, in der Schweiz gilt sie schon als ausgestorben. Die – schon seit 1979 illegale – Vogelfängerei trägt, das zeigt eine neue Studie, maßgeblich zum Verschwinden der Art in Deutschland bei.

Zum anderen ist da das zweiwöchige Martyrium der Tiere, das mit dem Tod durch Ertrinken endet – alles für einen wenige Momente dauernden Genuss.

Wer jetzt mit dem Finger auf herzlose, der Biodiversität gegenüber gleichgültige Franzosen zeigt, muss sich zwei Hinweise gefallen lassen:

Singvögel gehören zwar nicht auf den Speiseplan der Deutschen. Doch durch die Zerstörung von Streuobstwiesen und anderen Lebensräumen, durch intensive Landwirtschaft und Pestizideinsatz nehmen wir auch den durchgekommenen Vögeln noch Existenzmöglichkeiten. Und genau das ist laut IUCN sogar der Hauptgrund für das Verschwinden der Ortolane in Europa. Wir töten die Vögel nicht, nehmen ihnen aber die Möglichkeit, bei uns zu leben. Und schaden damit der Art insgesamt  wohl nachhaltiger als illegale Jäger mit ihren Leimruten und Netzen.

Wiegt die Tierquälerei beim Haushuhn nicht sogar noch schwerer?

Und die Tierquälerei? Singvögel füttern wir Deutschen im Winter, wir erfreuen uns im Frühjahr an ihrem Gesang. Fotos von Grasmücken und Blaukehlchen in Netzen und Fallen finden wir schockierend. Hier zeigt sich, dass wir beim Thema Tierschutz mindestens mit zweierlei Maß messen. Wir lieben Singvögel (und hätscheln unsere Hunde und Katzen), finden es aber tolerierbar, dass jedes Jahr 600 Millionen Vögel wenige Wochen lang gemästet werden, um schließlich unter der Last ihres eigenen Gewichts zusammenzubrechen und kopfüber hängend im Strombad zu enden. Dass jedes Jahr 45 Millionen männliche Küken nach dem Schlüpfen geschreddert werden. Und das alles unter dem Schutz von Gesetzen und Verordnungen.

Wo ist aus Tierschutz-Sicht der Unterschied zwischen Emberiza hortulana und Gallus gallus domesticus? Hühner sind soziale, intelligente und sogar empathische Tiere. Wiegt bei ihnen die systematische Tierquälerei nicht sogar noch schwerer als bei der Gartenammer? Man könnte sogar argumentieren, dass die Zugvögel bis zu ihrer Gefangenschaft immerhin noch ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen konnten.

Das soll kein Plädoyer für eine überkommene, grausame Tradition sein. Es ist zweifellos richtig, dass französische Behörden das europäische und nationale Verbot der Gartenammer-Jagd nun endlich durchsetzen wollen. Wir sollten aber unseren Zeigefinger-Reflex kontrollieren.

Denn beides ist Kultur: die gastronomische Tierquälerei ebenso wie die auf Effizienz getrimmte Massenproduktion. Von außen betrachtet, ist das eine wie das andere moralisch angreifbar.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen