Urbanes Gärtnern Warum Schrebergärten ein Gewinn für alle sind

Eine Gartenparzelle zu bewirtschaften, liegt im Trend. Und das ist gut so. Denn davon profitiert der Mensch ebenso wie die Natur
Schrebergarten

Mini-Paradies: Kleingärten bieten nicht nur ihren zweibeinigen Pächtern, sondern auch zahllosen Tieren und Pflanzen eine Zuflucht

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Städte sind laut, voll, hektisch, mit einem Wort: anstrengend. Schon um 1850 flüchtete der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau aus einer lärmenden Industriestadt an einen einsamen Waldsee. Zwei Jahre verbrachte er in seiner Einsiedelei, baute sich eine Hütte, bestellte einen kleinen Garten und sann über das nervige Stadtleben nach, dem er entkommen war. Seine Erinnerungen und Gedanken, zusammengefasst in "Walden" (so hieß der See), könnte man auch einfach mit "Zurück zur Natur" überschreiben. Sie sind nicht nur das Zeugnis einer Selbstfindung, sondern stellen so etwas wie die Gründungsakte der Naturschutzbewegung dar. Thoreaus radikal antimoderner Selbstversuch zeigte vor allem eines: Wir brauchen den lebendigen Kontakt mit unserer natürlichen Umgebung wie Wasser und Brot.

Unsere Sehnsucht nach Natur wächst

Regenwolken zu beobachten oder in der Erde zu wühlen, verbindet uns mit dem, was wir essen – was uns also das Leben erst ermöglicht. Es ist wohl auch diese neu entdeckte Lust am Draußen-Sein, am Gemüseanbauen und am Selbermachen, die nicht nur das gleichnamige Magazin "Walden"*, sondern auch zahllose Land- und Gartenmagazine hervorgebracht hat.

Wer in einer Etagenwohnung ohne Balkon lebt, weiß, warum. Und nimmt gerne mit ein paar gepachteten Quadratmetern Vorlieb. Es ist darum auch kein Wunder, dass zumal in den großen Ballungsräumen die Nachfrage nach Schrebergärten explodiert. In Berlin warten derzeit rund 12.000 Menschen auf ein paar Quadratmeter, die begrünt werden wollen. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt drei bis fünf Jahre.

Und längst sind auch Forscher auf das Phänomen aufmerksam geworden. Denn die Kleingärten sind nicht nur Erholungsräume für Zweibeiner. Sondern auch Rückzugsgebiete für zahllose Tier- und Pflanzenarten, die in den Beton- und Asphalt- oder den Agrarwüsten drumherum keine Heimat mehr finden.

Kleingärten sind Horte der Artenvielfalt – und Orte der Begegnung

Jüngst haben Schweizer Forscher die Gärten ihrer Landeshauptstadt unter die Becherlupe genommen – und fanden rund 1100 Tierarten und 1000 Pflanzenarten. Ein durchschnittlicher Zürcher Garten bietet demnach mehr lebendige Vielfalt als jeder Acker: 119 Pflanzen- und 142 Tierarten, darunter auch acht Insektenarten, die in der Schweiz noch nie nachgewiesen wurden. Ein Grund dafür ist der Strukturreichtum der kleinen Grünzellen, mit ihren Hecken, Reisig- und Komposthaufen, dem bunten Flickenteppich aus Beeten mit blühenden Gemüse- oder Zierpflanzen.

Hinzu kommt die soziale Funktion des Gärtchens: Wo ganze Stadtviertel nachverdichtet werden, sind Kleingärten grüne Ausgleichs- und Begegnungsflächen. Auch das konnten die Schweizer Forscher mit einer Umfrage nachweisen: Kleingärtner bekommen oft Besuch in ihrem Refugium, und sie sind entspannter, wenn sie im Garten waren. Was sie am meisten genießen: die Schönheit der Natur, an der frischen Luft zu sein und – die Ruhe.

All das eben, was Henry David Thoreau schon Mitte des 19. Jahrhunderts suchte. Und fand.

 

* "Walden" erscheint im Verlag von Gruner + Jahr.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen
Zur Startseite