PET-Flaschen 100 Prozent Recycling: Klingt gut - oder?

Das Berliner Start-up Share bietet Mineralwasser in Flaschen aus 100 Prozent Recyclingmaterial an: ein Alleinstellungsmerkmal. Warum eigentlich? Und ist das wirklich nachhaltig?
Share-Mineralwasser im dm-Markt

In Rewe- und dm-Märkten erhältlich: Share-Mineralwasser aus 100-prozentigen Recycling-PET-Flaschen

Es gibt sie bei Rewe und in dm-Märkten: Mineralwasserflaschen des Berliner Start-ups Share. Das Besondere an ihnen ist nicht so sehr der Inhalt aus dem Allgäu. Sondern, dass ein Teil des Verkaufserlöses an soziale Projekte geht. Und dass die Flasche zu 100 Prozent aus recyceltem PET besteht. Auf dem deutschen Mineralwassermarkt ist die Flasche nach Unternehmensangaben einzigartig.

Doch warum sind 100 Prozent Recycling im Land der Mülltrennungsweltmeister nicht die Regel, sondern die Ausnahme? Und wie nachhaltig ist die Flasche wirklich? Um das zu verstehen, muss man sich die Wertstoffsammlung und den Recyclingprozess ansehen.

Richtig ist: In Deutschland werden dank der Mülltrennung Wertstoffe vorbildlich eingesammelt. Doch nur rund die Hälfte davon wird tatsächlich recycelt – aber nicht als Lebensmittelverpackungen, denn das ist aus hygienischen Gründen gesetzlich verboten. Die andere Hälfte wird thermisch verwertet, also in Heizkraftwerken verbrannt. Für das Flaschen-Recycling kommen nur diejenigen Pfandflaschen in Frage, die an Automaten oder anderen Stellen abgegeben werden.

Neue PET-Flaschen bestehen nur zu knapp einem Drittel aus Recycling-Material

Allerdings wird auch von diesem sortenrein gesammelten Kunststoff nur ein Teil in der Produktion eingesetzt: Eine PET-Einwegpfandflasche besteht heute durchschnittlich nur zu 30 Prozent aus Alt-Plastik. Der Grund dafür liegt in der Ästhetik. „Wenn mehr als 30 Prozent Recycling-Material eingesetzt werden, bekommt man insbesondere bei klarem PET hässliche Grau- oder Gelbverfärbungen oder milchige Trübungen des Materials“, sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). „Nach Aussagen der Abfüller akzeptieren Kunden so etwas nicht.“ Und es gibt noch einen weiteren Grund: Flaschen aus reinem Recycling-PET sind teurer – weil Rohöl so billig ist.

„Man muss bereit sein, die Mehrkosten für den aufwändigen Recyclingprozess zu tragen“, sagt Sebastian Stricker, Gründer und Geschäftsführer von Share. Zwei Cent pro Flasche lässt sich Share den hundertprozentigen Recycling-Anteil kosten.

EU: Mindestens ein Viertel Recycling-Anteil bis 2025

Das klingt nach wenig, macht aber im Preiswettkampf des Handels einen gewaltigen Unterschied. Für Sebastian Stricker sind die scheinbar geringen Mehrkosten ein Grund, warum sein Unternehmen das bislang einzige ist, das für seine Flaschen ausschließlich auf Recyclingmaterial zurückgreift. Der Druck auf die Industrie, so Stricker, sei einfach noch nicht groß genug.

Die großen Mitbewerber haben sich bislang lediglich hehre Ziele gesetzt. Immerhin will die Danone-Marke Evian bis 2025 auf 100 Prozent Recyclingmaterial umsteigen, und Coca-Cola hat sich vorgenommen, bis 2025 durchschnittlich 50 Prozent recyceltes PET verwenden. Das ist immerhin noch deutlich ambitionierter als die EU-Vorgabe. Die will den Recycling-Anteil von allen PET-Flaschen bis 2025 auf „mindestens ein Viertel“ erhöhen.

Ist Einweg nachhaltiger?

Und warum setzt Share auf Einweg, nicht auf das ressourcenschonende Mehrwegsystem? Sebastian Stricker nennt zwei Gründe: „Mit unserer 100-prozentigen Recycling-PET-Flasche fokussieren wir uns auf die mit Abstand beliebteste Verpackungsart: PET-Einweg mit rund 71 Prozent Marktanteil.“ Für Stricker ist es aber nicht nur aus marktstrategischen Gründen sinnvoller,  Einwegflaschen anzubieten: „Sobald ein Mineralwasser national vertrieben werden soll,“ sagt der Share-Gründer, „hat Einwegplastik nach unserem Verständnis eine mindestens ebenbürtige Ökobilanz.“ Grund dafür ist laut Stricker die aufwändige Logistik der Mehrweg-Pfandflaschen.

Thomas Fischer von der DUH hält dagegen: „Wenn die Einwegbranche bei ihren Einwegplastikflaschen das Recycling als Innovation feiert, dann muss man ganz klar sagen: Man kann auch Mehrwegflaschen hervorragend recyceln. Die werden allerdings vorher noch umweltschonend wiederbefüllt – bis zu 25 Mal. Recycling ist gut – Abfallvermeidung ist besser.“ Auch weite Transportwege sind laut Fischer kein Problem – etwa mit den Mehrweg-Pfandflaschen der Genossenschaft deutscher Brunnen. Die müssen nicht zum Abfüller zurückbefördert werden, sondern gehen nach Gebrauch und Reinigung einfach an den nächstgelegenen Abfüller.

Unter Umweltgesichtspunkten ist für Thomas Fischer Mineralwasser in der Mehrwegflasche aus der Region die bessere Wahl. Und am nachhaltigsten, das gibt auch Sebastian Stricker zu, ist: Wasser aus der Leitung.

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