Inuit-Jäger, die über brüchige Eisschollen balancieren. Ein Schlittenhund, der sich jaulend mit weißem, vereisten Fell gegen Sturmböen stemmt. Ein Mädchen vom Volk der sibirischen Nenzen, gedankenverloren auf dem Schneeboden in der Weite der Tundra zusammengekauert.
Seit mehr als 40 Jahren hält Ragnar Axelsson solche Augenblicke der Arktis mit seiner Kamera fest. Seine elegischen Bilder erzählen von der Urkraft des Eises, von dem extremen, oft rauen Alltag der Menschen im hohen Norden und von den Bedrohungen, denen sie mit dem Klimawandel immer mehr ausgesetzt sind: vom Leben inmitten schmelzender Riesen und tauender Eisschollen. Allein in Grönland verlieren die Gletscher 30 Millionen Tonnen Eis – pro Stunde. Auf dem Meer brechen Jagdrouten weg, Siedlungen werden aufgegeben. Die Luft- und Meeresströme verschieben sich, mit verheerenden Folgen auch für uns, in Europa.
Mit seinen Bildern gibt Axelsson der bedrohten, brüchigen Welt aus Eis eine Stimme: So ist der isländische Fotograf zu einem der wichtigsten Botschafter und Chronisten der Arktis geworden. Das Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar zeigt in der Ausstellung "Where the World is Melting" nun eine Auswahl aus seinen eindrucksvollsten Schwarz-Weiß-Aufnahmen: mahnende Bilder aus einer Welt, die verloren zu gehen droht.
In arktischer Weite den Menschen ganz nah
Axelsson, 1958 geboren, sucht stets die Nähe der Menschen darin: Oft lebt er über Wochen mit Inuit-Familien zusammen und begleitet die Jäger in Schneestürmen auf ihren Touren über das Meereis – so lange, so still, bis sie ihn kaum noch wahrnehmen. Er scheut keine Mühen, keine Gefahren, wird ein Teil ihres Alltags, verdient sich ihren Respekt. Und so findet er die Momente für seine emotionalen Bilder, die den Alltag der Menschen nicht bloß zur Schau stellen, sondern ernst nehmen: als Begegnungen voller Anteilnahme.
Auch die Urkraft der Gletscher und Eisschollen auf dem Meer zeigt Axelsson oft aus weitwinkliger Perspektive: Die Menschen scheinen sich darin zu verlieren, das Eis selbst wird lebendig, wie ein gigantischer, kunstvoller Organismus.
Bilder, die mahnen: Der Wandel der Arktis betrifft uns alle
Begonnen hat Axelsson mit der Fotografie schon als Zehnjähriger. Sein Vater, selbst ein begeisterter Amateurfotograf, lieh ihm eine Kamera, in der Dunkelkammer zu Hause entwickelten sie gemeinsam die ersten Aufnahmen. Als Fotoreporter der Zeitung "Morgunblaðið" in Reykjavík begleitete Axelsson später dann über Jahre Fischer und Schafhirten. Und in Grönland traf er, vor rund 30 Jahren, in Qanaaq, einer der nördlichsten Siedlungen des Planeten, auf einen alten Jäger, der ihm erklärte: "Irgendetwas stimmt nicht, dem großen Eis geht es schlecht."
Seither hat der Fotokünstler es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der Welt den dramatischen Wandel der Arktis nahezubringen. Am liebsten fotografiert er dabei in Schwarz-Weiß: "So lässt man Raum für die Vorstellung", sagt er, "und vielleicht ist ja auch mein Herz schwarz-weiß."
Die Ausstellung "Where the World is Melting" ist noch bis zum 29. Mai 2026 im Ernst-Leitz-Museum in Wetzlar zu sehen.