Essbare Pflanzen All you can eat

Kursteilnehmer wühlen im Waldboden nach Wurzeln, zupfen Blätter von Sträuchern und Stauden - um sie zu essen. Woher kommt der neue Appetit auf natürliche Nahrung? Wir sprachen mit der Kräuterpädagogin Viola Nehrbaß

Seit einigen Jahren finden die Menschen immer mehr Geschmack an Wildpflanzen. Warum eigentlich?

Es gibt offenbar eine große Sehnsucht nach dem Kontakt mit der ursprünglichen Natur. Back to the roots, sozusagen. Und es stimmt ja auch: Wir kennen uns selbst nicht mehr, wenn wir keine Verbindung mit der Natur haben. Die Teilnehmer in meinen Seminaren wollen Pflanzen ernten, verarbeiten, sie wollen sie erschmecken, erfühlen, also wirklich mit den Sinnen wahrnehmen. Außerdem leben wir in einer hoch technisierten Welt, in der alles immer schneller geht. Die Beschäftigung mit Wildpflanzen erfordert aber sehr viel Zeit und Muße. Die Menschen brauchen diese Langsamkeit offenbar als Gegengewicht.

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Einen Handstrauß - mehr nicht: Viola Nehrbaß bringt ihren Kursteilnehmern auch einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur bei

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Sammlerglück in Feld und Wald: Wer sich auskennt und es draufanlegt, kann von wilden Pflanzen satt werden - rund ums's Jahr

Warum ist das Wissen um essbare Wildpflanzen verloren gegangen?

Viele ältere Menschen verbinden zum Beispiel Brennnesselsuppe mit der Zeit des Hungers und der Armut nach dem Krieg. Sie mussten Wildpflanzen essen, um zu überleben. Dann kam das Wirtschaftswunder, die Industrialisierung der Landwirtschaft, und man fand die neuen Lebensmittel, die damals auf den Markt kamen, toll. Jedenfalls erst einmal. Man wusste ja noch nicht, wo das hinführen würde.

Bekommen Sie Anregungen von älteren Kursteilnehmern?

Ja, sehr oft. Ich habe mir darum auch vorgenommen, öfter in Seniorenheime zu gehen. Viele ältere Menschen haben ihr Interesse an dem Thema wiederentdeckt und reden gerne darüber. Dazu haben sie ja meist nur sehr wenig Gelegenheit.

Für essbare Wildpflanzen interessieren sich zunehmend auch jüngere Menschen. Man liest gelegentlich von Leuten, die sich mit Pflanzenwissen für die Zeit nach dem globalen Finanzcrash wappnen...

Ich halte solche Szenarios für nur bedingt realistisch. Aber wenn es dazu führt, dass die Menschen sich wieder für die Natur interessieren - das ist doch toll!

Angenommen, die Schwarzseher haben recht: Kann man sich ausschließlich von Wildpflanzen ernähren?

Ja, das geht. Ich habe das mal zwei Wochen am Stück probiert. Allerdings ist man dann sehr beschäftigt mit Suchen, Sammeln und Graben. Und unsere Verdauung ist nicht an so ballaststoffreiche Nahrung gewöhnt. Man hat in den ersten Tagen ein ziemliches Magen- und Darmgrummeln.

Und das funktioniert auch im Winter?

Ja. Es gibt viele essbare Wurzeln und Knospen. Viele Wildpflanzen sind auch unter der Schneedecke grün.

Immer wieder vergiften sich Menschen, etwa, weil sie Maiglöckchen mit Bärlauch verwechseln. Kann man dem Laien überhaupt zum Selbersammeln raten?

Das oberste Prinzip heißt: Ernte nur das, was du mit hundertprozentiger Sicherheit bestimmen kannst. Man sollte also vorher den einen oder anderen Kurs gemacht haben. Ich weise meine Kursteilnehmer in dieser Jahreszeit gerne auf das hin, was unter dem Bärlauch wächst. Da kommen nämlich jetzt auch Pflanzen, die man besser nicht miterntet, etwa die besagten Maiglöckchen oder der Aronstab.

Worauf muss man beim Wildkräutersammeln sonst noch achten?

Allgemein gilt: nicht am Straßenrand oder auf frisch gedüngten Wiesen ernten! Und generell sollte man nie mehr als einen Handstrauß mitnehmen. Tütenweise Pflanzen aus dem Wald zu schleppen, ist verboten. Das Risiko, sich mit dem Fuchsbandwurm zu infizieren, ist zwar gering. Wer aber trotzdem auf Nummer sicher gehen will, der sollte nur Pflanzenteile sammeln, die höher als kniehoch wachsen. Dann sollte man alles waschen, was man essen möchte, oder noch besser, erhitzen. Ab 70 Grad Celsius sterben die Bandwurm-Sporen. Zecken sind besonders im Süden Deutschlands mit Borreliose infiziert. Also ist es wichtig, sich nach jedem Spaziergang abzusuchen.

Ihr Lieblings-Wildpflanzengericht?

Schlicht und ergreifend - Brennnesselschnitzel. Wenn die Brennnessel nicht brennen würde, wäre sie wahrscheinlich schon ausgerottet, denn sie hat viele wertvolle Inhaltsstoffe, Mineralstoffe und Vitamine. Außerdem ist sie leicht zu erkennen: Wenn man sie ernten kann, ohne dass es brennt, dann ist es keine.

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Buchtipp

Fleischhauer, Guthmann, Spiegelberger

Essbare Wildpflanzen

200 Arten bestimmen und verwenden

AT-Verlag 2007

Badener Brennnesselschnitzel

Zutaten für 4 Personen:

200 g junge Brennnessel (obere Triebspitzen sammeln)

3 Roggenbrötchen vom Vortrag

6 Esslöffel Milch

30 g Butter

1 Zwiebel

4 Esslöffel Vollkornhaferflocken

Würzhefeflocken

Salz, Pfeffer, Muskat, Öl

1-2 Eier

- Junge Brennnessel oder die oberen 4-6 Blätter älterer Pflanzen waschen, mit heißem Wasser überbrühen, abtropfen lassen u. fein hacken.

- Kleingeschnittene Zwiebel in Butter goldgelb anrösten.

- Roggenbrötchen in Würfel schneiden, in leicht erwärmter Milch einweichen und, wenn nötig, anschließend ausdrücken.

- Anschließend Brennnessel mit allen anderen Zutaten zu einer Masse verkneten und nach Belieben würzen.

- Damit die Schnitzel gut formbar sind, je nach Konsistenz 1-2 Eier mit der Masse verkneten.

- Kleine Schnitzel formen, in Würzhefeflocken wenden und in Rapsöl ausbacken.

Tipp: Dazu passt hervorragend eine Joghurt-Pfefferminzsoße: Einfach eine Hand voll frische Pfefferminzblätter sehr fein hacken, mit 1 Becher Naturjoghurt mischen und mit Pfeffer und Salz abschmecken.

Die Homepage von Viola Nehrbaß