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Ernährung Wie unser Geschmack schon vor der Geburt beeinflusst wird

Was wir mögen oder nicht, bestimmen die Ernährungsgewohnheiten der schwangeren Mutter. Ein Interview mit dem Geschmacksforscher Per Møller
Schwangere Frau, Kekse

Kekse mögen wohl die meisten Kinder. Möchte man den Nachwuchs jedoch an Sellerie und Brokkoli gewöhnen, sollte die Mutter das Gemüse in der Schwangerschaft essen

GEO: Für den GEO-Beitrag „Ihr täglich Brot“ (Ausgabe 02/2018) haben wir haben Kinder in aller Welt gefragt, was bei ihnen auf den Teller kommt. Das Kind aus den USA isst rohen Sellerie und Brokkoli – ein Gemüse, das deutsche Kinder oft verschmähen. Wie schaffen es kalifornische Eltern, ihren Nachwuchs dafür zu begeistern?​

Per Møller: Vielleicht hat die Mutter während der Schwangerschaft selbst Brokkoli gegessen und das Kind an den Geschmack gewöhnt.

Das funktioniert schon vor der Geburt?

Ja. Das Fruchtwasser nimmt Aromen aus der Nahrung der Mutter auf, und der Embryo trinkt es. Die Geschmacksknospen bilden sich bereits zu Beginn der zwanzigsten Schwangerschaftswoche aus. Französische Forscher haben Schwangere viel Anis essen lassen. Deren Kinder zeigten nach der Geburt weniger Abneigung gegen das Gewürz als Kinder einer Vergleichsgruppe, deren Mütter kein Anis aßen.

Wie können Eltern auch noch nach der Geburt Einfluss auf den Geschmack ihrer Kinder nehmen?

Am besten klappt das im ersten Lebensjahr. Zuerst nimmt das Kind Aromen indirekt auf, über die Muttermilch. Hier gibt es ähnliche Tests wie das Anis-Experiment. Kinder, deren Mütter nach der Geburt Karotten oder Knoblauch aßen, mochten diese Speisen später lieber als solche, deren Mütter darauf verzichteten. Um das Kind an viele Geschmäcke zu gewöhnen, sollte die Mutter also sehr abwechslungsreich essen – und dem Kind Verschiedenes anbieten, wenn es mit fester Nahrung beginnt.

GEO Magazin Nr. 02/2018

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Dieser Beitrag stammt aus dem GEO Magazin 02/2018

Und wenn all diese Momente verpasst sind? Die Kinder in unserer Geschichte sind mindestens sieben, viele haben kaum Salat auf den Tellern. Wie kann man es schaffen, sie jetzt noch dafür zu begeistern?

Bei den meisten Menschen ist es nie zu spät, etwas mögen zu lernen, es wird nur aufwendiger. Wir haben in Experimenten gezeigt: Sie müssen etwas nur oft genug essen, dann fangen Sie an, es zu mögen.

Das glaube ich nicht. Ich hasse Sellerie, schon mein Leben lang.

Wie oft haben Sie ihn denn gegessen?

Nicht oft, aber ich bin mir sicher, dass ich ihn nicht mag.

Ich würde jedem, der etwas mögen lernen möchte, raten, das Gericht mindestens achtmal in einer normal großen Portion zu essen. Sicherlich gibt es Menschen, die auch darauf nicht reagieren, wir nennen sie Non-Responder. Und manche Abneigungen sind sogar angeboren, gezeigt wurde das etwa für Koriander – für manche schmeckt er immer wie Seife, egal wie oft sie ihn probieren. Doch für die meisten gilt: Essen Sie etwas oft genug, werden Sie die Abneigung irgendwann verlieren.

Kinder werden bei solchen Versuchen nicht mitmachen.

Der Trick ist, das Unliebsame zusammen mit etwas auf den Teller zu legen, das das Kind mag. Erst nur ein bisschen, alle paar Tage, schließlich immer häufiger. Wir haben es sogar geschafft, dass Kleinkinder Artischockenpüree oder Winterrettich aßen. Es ist das Prinzip der Pawlow’schen Konditionierung: Das Gehirn schüttet Glückshormone aus, wenn Sie etwas auf den Teller legen, das das Kind gern isst, Schnitzel etwa. Legen Sie etwas Unbekanntes dazu, schüttet das Hirn dennoch diese Hormone aus – auch dann, wenn das Neue irgendwann ohne Schnitzel daliegt.

Funktioniert das auch umgekehrt? Die Kinder haben teils viel Süßigkeiten und Fertigessen auf ihrem Speiseplan. Kann man ihnen diese Vorliebe wieder abtrainieren?

Das ist schwieriger. Es ist, wie wenn Sie eine Fremdsprache erlernt haben: Egal was Sie tun, Sie werden sie nie wieder komplett verlernen. Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder keine zu große Vorliebe für Ungesundes entwickeln.

Wäre es also am besten, ihnen sämtliche süßen Snacks zu verbieten?

Das ist unrealistisch, obwohl es das Beste wäre. Wichtig ist es stattdessen, auch im Schulalter weiterhin Abwechslung im Speiseplan zu schaffen, damit das Kind viele Geschmackskombinationen kennenlernt. Und: niemals ein Kind mit Süßigkeiten belohnen, wenn es etwas anderes aufgegessen hat! Es prägt sich sonst ein, dass das Unliebsame der Feind ist, den man besiegen muss, ehe es das Leckere zu essen gibt. Jedes Lebensmittel sollte den gleichen Wert haben.

Das klingt schön und gut. Aber heißt doch auch: Wer als Kind ungesund aß, kommt kaum noch heraus aus schlechten Vorlieben.

Da kann ich Sie trösten. Sie haben ja trotzdem einen eigenen Willen. Aber ja, wenn Sie sich zum Beispiel Schokolade ganz verbieten, werden Sie das zwar durch Disziplin schaffen – doch in Wahrheit mögen Sie sie weiterhin. Sie essen sie bloß nicht. Da greifen ähnliche Hirnmechanismen wie bei ehemaligen Rauchern. Die meisten werden nie mehr Nichtraucher. Sondern bleiben Raucher, die nicht rauchen.

Was raten Sie also?

Mal angenommen, Sie wollen sich abgewöhnen, Schokolade zu essen. Dann sollten Sie die Dosis langsam reduzieren, wie bei einem Drogenabhängigen. Greifen Sie auf Produkte zurück, die weniger süß sind, etwa auf dunkle Sorten. Sie können nicht mehr ändern, was Sie als Kind gegessen haben. Jeder Mensch hat seine Essensgeschichte, die ihn prägt. Also blicken Sie nach vorn. Besuchen Sie Kochkurse, essen Sie, was Sie noch nie probiert haben. Benutzen Sie Gewürze, um Ihren Geschmackssinn zu trainieren, und sprechen Sie mit Freunden über Rezepte. Und wenn Sie Kinder haben: Kochen Sie zusammen! Essen Sie gemeinsam. Machen Sie Ernährung zu dem, was sie sein soll: ein wertvolles Miteinander, das Spaß macht!

 

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