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Lebensmittelproduktion "Den Anblick eines Schlachthauses finden wir eklig, aber die Klopse schmecken uns"

"Ich bin kein Anwalt für Vegetarier oder Veganer. Aber die Leute sollen wissen, woher ihre Nahrung kommt. Das ist mein Ziel", sagt George Steinmetz. Der Fotograf hat den Gigantismus der Lebensmittelindustrie auf der ganzen Welt fotografiert - und uns ein spannendes Interview dazu gegeben
Staudensellerie-Ernte, Greenfield

Feldarbeiter ernten unter sengender Sonne Staudensellerie, der auf einem riesigen Acker in Greenfield wächst, einem Anbaugebiet im Westen Kaliforniens

Wo wächst unser Gemüse? Wo kommt das Hühnerbein auf dem Teller her? „Feeding 9 Billion“ nennt der US-amerikanische Fotograf George Steinmetz, 60, sein Projekt über die globale Lebensmittelproduktion. Mehrere Monate ist er um die Welt gereist, seine Bilder entstanden in 14 Ländern, auf drei Kontinenten.

Sie haben in China das größte Schweineschlachthaus der Welt besucht. Ihr Kommentar dazu: Fleischklößchen schmecken am besten mit scharfer Soße ...

George Steinmetz: Ich habe kein Problem damit, in ein Schlachthaus zu gehen und hinterher Fleisch zu essen. Der Kommentar war ironisch gemeint. Denn viele Leute blenden beim Essen aus, wo die Lebensmittel herkommen: Den Anblick eines Schlachthauses finden wir eklig, aber die Klopse schmecken uns.

Sind Ihre Bilder eine Anklage?

Nein. Ich bin kein Anwalt für Vegetarier oder Veganer. Jeden Tag müssen wir Entscheidungen treffen: Welche Lebensmittel kaufe ich? Ich kann niemandem sagen, was die bessere Wahl ist. Aber die Leute sollen wissen, woher ihre Nahrung kommt. Das ist mein Ziel.

Woher kam die Idee für Ihr Projekt?

Ich bin mit meinem Paraglider über einen der größten Futterplätze der USA geflogen, um zu fotografieren. Zehntausende Rinder stehen auf einer riesigen Fläche! Als ich landete, wartete schon ein Polizist und nahm mich unter dem Vorwurf des unerlaubten Betretens des Geländes fest. Ich wies mich aus, zeigte ihm meine Fotos. Trotzdem legte er mir Handschellen an. Ich musste für einige Stunden ins Gefängnis. Ich war schon überall auf der Welt unterwegs, im Iran und im Jemen, aber verhaftet wurde ich bis dahin noch nie. Das hat mein Interesse geweckt: Gab es etwas zu verbergen?

Und: Gab es etwas zu verbergen?

Die meisten Nutztierzüchter und Schlachter wissen, dass ihre Arbeit auf Fotos nicht gut aussieht. In den USA hat mich kein einziger Großbetrieb hereingelassen. Dasselbe in der EU. Deshalb hat mich China überrascht, das Land ist ja nicht gerade bekannt für eine freie Presse. Im größten Schweineschlachthaus der Welt durfte ich mich frei bewegen und fotografieren.

Wie sah das Schlachthaus aus?

Die Schweine wurden in drei Produktionslinien getötet und halbiert. Sie baumelten mit dem Kopf nach unten an einer Kette, die um einen ihrer Hinterläufe geschlungen war. Das Blut rann aus den Körpern und bildete einen Fluss auf dem Boden, wenn die Tiere durch die Anlage transportiert wurden. Ich war eine Stunde da, als ein Schwein zu Boden fiel. Blut spritzte, ich sprang herum, um verschiedene Motive einzufangen. Sie haben mich rausgeworfen. Natürlich sind solche Bilder nicht schön. Aber ich bin Reporter, es ist meine Aufgabe, so etwas zu dokumentieren.

Schweine, Zuchtfarm Brasilien

In ihren Boxen sind die Tiere exakt zur Futterrinne hin ausgerichtet. Computer berechnen Fresszeiten und die Zusammensetzung des Futters. 13 500 Sauen hält Seis Amigos, eine der größten Zuchtfarmen Brasiliens, gleichzeitig. Grünes Desinfektionsmittel soll die Tiere vor Krankheiten schützen, für die sie anfällig werden, etwa weil sie ihrer natürlichen Reinlichkeit nicht folgen können

Sie sagen, Ihre Fotos sollen nicht anklagen. Trotzdem: Es gibt dieses Bild einer Hühnerfabrik in Brasilien ...

Ob es das Schlachthaus für Schweine in China oder das für Hühner in Brasilien ist: Beides sind Anlagen der Massentötung. Das wirkt erst einmal schrecklich. Auf der anderen Seite ist es aber auch faszinierend, wie effektiv wir mittlerweile Nahrung produzieren. Und zu welchen Preisen. Nicht jeder kann sich Bioprodukte leisten, vielleicht aber konventionell produziertes Hühner- oder Schweinefleisch, weil die Herstellung perfektioniert wurde. Es gibt zwei Blickwinkel, sobald es um die Ernährung mit tierischen Produkten geht.

Und was ist Ihr Blickwinkel?

Das Schlachthaus war erstaunlich. Als Fotograf fesselte mich die Szene mit den unzähligen Hühnern, die kopfüber hingen und am Fließband verarbeitet wurden. Mehr als 100 000 Hühnchen am Tag – wie ist das möglich? Die Angestellten arbeiteten wie Maschinen: jeder Handgriff ein Automatismus. Bizarr.

Wie beeinflusst das, was Sie erlebt haben, Ihr eigenes Konsumverhalten?

Sobald ich am Supermarktregal stehe und überlege, welche Eier ich für die Pfannkuchen einkaufe, die ich meinen Kindern versprochen habe, muss ich sehr vieles bedenken. Nehme ich Eier aus Käfighaltung? Die Tiere hocken zusammengepfercht auf engstem Raum, ohne Möglichkeit, sich zu bewegen. Da klingt „frei laufend“ oder Bio-Haltung erst einmal besser. Ich erfahre aber auch, dass es bei der Massenhaltung von frei laufenden Hühnern zu Federpicken und sogar Kannibalismus kommt. Viele Züchter kürzen ihren Hühnern den Schnabel (Anm. d. Red.: Wird in Deutschland seit 2017 nicht mehr praktiziert), damit sich die Tiere nicht gegenseitig verletzen.

Wofür entscheiden Sie sich?

Ich habe keine feste Regel, dafür ist das alles zu kompliziert. Oft wähle ich bio, weil ich möchte, dass die Tiere frei herumlaufen können. Für die Pfannkuchen habe ich Eier gekauft, für die den Tieren der Schnabel nicht gekürzt wurde. Vegan zu leben wäre verantwortungsvoll. Nicht nur für das Wohl der Tiere, sondern auch für unseren Planeten. Aber ich bin 60 Jahre alt und esse sehr gern Fleisch. Ich glaube nicht, dass ich mich noch ändern werde.

Mit dem Wohl des Planeten meinen Sie, dass zum Beispiel der Urwald in Amazonien abgeholzt wird.

Der Großteil der gerodeten Flächen wird für den Anbau von Soja genutzt, also für Tierfutter. Die meisten Menschen denken nicht darüber nach, wie aufwendig und umweltschädlich Fleischkonsum ist. Wie viel Futter, wie viel Wasser braucht man, um ein Steak zu produzieren? Fleischproduktion ist Wahnsinn, bedenkt man die Ressourcen, die sie verschlingt. Das ist ein riesiges ökologisches Problem.

Was hat Sie überrascht?

Die Lachsfarmen in Norwegen. Millionen Fische in riesigen Becken, der Prozess automatisiert. Der meiste Lachs im Angebot kommt von solchen Farmen – eigentlich wäre das Fleisch der Zuchttiere grau! Aber wer würde schon grauen Lachs essen? Die Züchter mischen dem Futter einen aus Algen gewonnenen roten Farbstoff bei, damit das Fischfilet lachsrosa ist.

Sojaschrot auf der "Earnest Sky"

Der Saugrüssel eines Krans bläst Sojaschrot in die „Earnest Sky“. Das Schiff liegt im brasilianischen Hafen Santos, das Futtermittel stammt aus dem Bundesstaat Mato Grosso, in dem viel Regenwald weichen musste, um dem größten Soja-Anbaugebiet Brasiliens Platz zu machen. Die Hülsenfrüchte sind überaus eiweißreich – und werden deswegen hauptsächlich zu Tierfutter verarbeitet

Bei der Produktion tierischer Lebensmittel scheint besonders eines wichtig zu sein: Masse.

Der Wunsch nach Effizienz beeinflusst auch unsere pflanzliche Ernährung. Wenn ich Gemüse esse, fühle ich mich als Teil einer gewaltigen Maschinerie. Ich habe riesige Gewächshäuser in den USA und Spanien besichtigt: Auch da läuft alles vollautomatisch ab. Nährstoffgehalt, Wasserzufuhr, Temperatur, alles wird gemessen und perfektioniert. Du glaubst, dein Obst hing einmal an einem Baum? Du hast keine Ahnung, wo es wirklich herkommt.

Was sagt diese Produktionsweise über unsere Gesellschaft aus?

Wir haben uns sehr weit von unserer Nahrung entfernt. Auf die Frage, wo denn ihr Essen herkommt, werden die meisten Men-
schen wohl antworten: aus dem Supermarkt. Meine Kinder denken, Lachs oder Shrimps werden von Fischern auf dem Meer gefangen. In Wirklichkeit produzieren wir den größten Teil der Meeresfrüchte und Fische in Zuchtbecken rund um den Globus.

150 000 Rinder, Mastanlage USA

150 000 Rinder, verteilt auf drei Quadratkilometer kahlen Boden: Der Konzern Simplot betreibt in Grand View, Idaho, eine der größten Mastanlagen der USA. Kein Land der Welt produziert mehr Rindfleisch – und doch reicht es nicht aus, um den Fleischhunger der eigenen Bevölkerung zu stillen. Etwa 1,5 Millionen Tonnen Schlachtware werden jedes Jahr importiert, vor allem aus Kanada

Aber es geht auch anders: Regionale Lebensmittel sind beliebt wie nie zuvor.

Ich kenne einen Bauern in Schweden. Seine Rinder dürfen fast das ganze Jahr über draußen weiden. Für seine hochgezüchteten Milchkühe enthält das Wiesengras allein aber zu wenig Protein, deshalb füttert er Soja zu. Und das importiert er aus Brasilien. Auch gutes Sperma für seine Zucht kauft er im Ausland ein, in Kanada. Wer also seine Lebensmittel direkt bei diesem Bauern kauft, greift damit auf Komponenten zurück, die in mehreren Ländern hergestellt wurden. Er erhöht den CO2-Ausstoß durch die weltweiten Transporte und ist mitverantwortlich dafür, dass der Regenwald abgeholzt wird. Denn wir alle sind mit unserer Ernährung Teil eines weltumspannenden Netzwerks. Dem können wir nicht entkommen. Wenn du in Europa lebst und Tomaten im Februar und Erdbeeren im März haben möchtest, wo sind die denn gewachsen? Garantiert nicht in Mutters Garten!

 

Noch mehr Bilder des Projekts „Feeding 9 Billion“ sehen Sie in der GEO-Ausgabe 12/2017.

George Steinmetz

Im Motorschirm schwebt George Steinmetz (l.) über das »Plastikmeer« aus Gewächshäusern im Süden von Spanien. Sie bedecken 30 000 Hektar – das ist in etwa die Fläche von Bremen