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Übertriebener Sonnenschutz Let The Sunshine In!

Die Furcht vor Hautkrebs hat in den vergangenen Jahren bei vielen Menschen zu einer geradezu panikartigen Vermeidung von Sonnenlicht geführt. In England warnen jetzt erstmals Gesundheitsbehörden vor ernsthaften Konsequenzen. Ein Lehrstück über wissenschaftlichen Zickzackkurs, meint GEO-Redakteur Jürgen Broschart
Let The Sunshine In!

Kinder müssen wieder in die Sonne, fordern britische Gesundheitsbehörden

Ausgerechnet England: Schon im 19. Jahrhundert, in der industriellen Revolution, bemerkte man dort rachitische Symptome an Grubenarbeitern: gebeugte Haltung, biegsame Knochen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass diesen Menschen einfach die Sonne fehlte! Deren Strahlen, so stellte man fest, wandeln das Prävitamin D in unserer Haut in das „Sonnenvitamin“ D um, das – unter anderem – wichtig ist für stabile Knochen. Im Gegenzug dann das andere Extrem: Insbesondere nachdem Vitamin D künstlich hergestellt werden konnte, packte man es als Nahrungsergänzung in Milch, Backwaren und Getränke. Doch sehr hohe Dosen führten bei Menschen mit einer bestimmten genetischen Disposition zu Hirnschäden!

Hüte, lichtdichte Kleidung und dicke Sonnencremeschichten

Seitdem hält sich die Bereitschaft, Vitamin D zu sich zu nehmen, in engen Grenzen. Und auch die Bereitschaft, sich oder gar die eigenen Kinder ungeschützt der Sonne auszusetzen, ist heute so gering wie nie. Nicht nur in Australien, wo das Ozonloch tatsächlich die Hautkrebsgefahr noch erhöht hat, sondern in allen früheren Ländern des British Empire kursieren amtliche Empfehlungen, Schulkinder zwischen 11 Uhr früh und 15 Uhr nachmittags nicht auf die Straße zu lassen ohne Hüte, lichtdichte Kleidung und dicke Sonnencremeschichten. Doch angesichts einer wachsenden Zahl rachitischer Kinder in England (vor allem mit dunkler Haut) warnt das National Institute for Health and Care Excellence nun erstmals: Man dürfe neben dem Risiko der Sonnenexposition nicht die vielen Vorteile des Sonnenlichts vergessen.

Viele Krankheiten sind in sonnenreichen Gegenden seltener

Denn ob Depression, Demenz oder viele Autoimmunerkrankungen, von Rheuma bis hin zu Multipler Sklerose: In sonnenreichen Gegenden sind auch diese Krankheiten weit seltener. Statistiken belegen sogar, dass unter südlicher Sonne eine Reihe von Krebsarten weniger häufig vorkommen – mit Ausnahme von Hautkrebs. Fazit fürs kommende Frühjahr: Maßhalten, aber das Sonnenlicht nicht ausschalten!

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