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Menopause Leseprobe: Die mentalen Folgen der Wechseljahre

Wenn Frauen älter werden, sind sie deutlich eher in Gefahr, an Alzheimer-Demenz zu erkranken, als Männer. Forscher versuchen aufzuklären, wie dieses Ungleichgewicht zustande kommt – und auf welche Weise sie Betroffenen helfen können
Leseprobe: Die mentalen Folgen der Wechseljahre

Hormonelle Schwankungen zu Beginn der zweiten Lebenshälfte haben spürbare Auswirkungen auf das Gehirn. Sie führen zu Schlafstörungen, kognitiven Einbußen, Verwirrtheit. Manche Frauen leiden über zehn Jahre an den Symptomen des Klimakteriums

Es erscheint wie eine Ungerechtigkeit der Natur: In der zweiten Lebenshälfte müssen Frauen weitaus mehr Entbehrungen erdulden als Männer. Besonders in den Wechseljahren – in denen der weibliche Körper langsam seine Fruchtbarkeit verliert – leiden bis zu 80 Prozent der Frauen unter Beschwerden. Sie kämpfen mit plötzlichen Schweißausbrüchen, können nicht mehr durchschlafen, haben Gelenk- und Muskelschmerzen, fühlen sich häufig erschöpft. Doch damit nicht genug: Neben dem Körper ist auch der Geist betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, unter psychischer Labilität, Reizbarkeit oder Stimmungsschwankungen zu leiden, nimmt bei Frauen in der Lebensmitte um das Fünffache zu. Und noch beunruhigender: Auch die kognitiven Fähigkeiten lassen nicht selten nach. Bis zu 60 Prozent aller Frauen klagen während der Wechseljahre über Gedächtnisstörungen, Verwirrtheit und mangelnde Aufmerksamkeit. Sie vergessen Termine, können sich immer schlechter Namen merken, vermögen sich mitunter kaum noch für längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Zwar nehmen die akuten Beschwerden nach einigen Jahren meist wieder ab, doch inzwischen ist klar, dass diese körperlichen und geistigen Probleme bleibende Spuren im Gehirn hinterlassen können – mit bisweilen schwerwiegenden Konsequenzen im Alter. So sind Forscher zunehmend davon überzeugt, dass die im Organismus ablaufenden Veränderungen während der Wechseljahre für die Frauen das Risiko erhöhen, in späteren Zeiten von Demenz betroffen zu sein. Daher versuchen die Wissenschaftler nun aufzuklären, auf welchen biochemischen Vorgängen das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern beruht, was genau im alternden weiblichen Gehirn geschieht – und ob es einen Weg gibt, die akuten Beschwerden zu mildern oder gar die durch das Klimakterium bedingten Veränderungen im weiblichen Denkorgan aufzuhalten.

Während der Wechseljahre bahnt sich im weiblichen Körper eine biochemische Revolution an

Dass die Wechseljahre einen so großen Einfluss auf das Befinden von Frauen haben, ist wenig überraschend. Denn in jener Phase bahnt sich im weiblichen Körper eine biochemische Revolution an: Zum einen büßt die Frau in dieser Zeit ihre Fruchtbarkeit ein, zum anderen geht unwiderruflich ein Stück Weiblichkeit verloren. Denn mit dem Ende der letzten Monatsblutung, der Menopause, schwindet die Fähigkeit des Körpers, Östrogene und Progesteron herzustellen: wichtige Geschlechtshormone der Frau. Im Fokus der Forschung stehen vor allem die Östrogene. Vornehmlich sind diese Botenstoffe dafür zuständig, die körperliche Reifung, die Fruchtbarkeit und die Sexualität zu regulieren. Doch darüber hinaus wirken sie auch in vielfältiger Weise auf das Gehirn ein. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Substanzen, die im Körper zirkulieren, passieren sie unter anderem dank ihrer kleinen Größe und Fettlöslichkeit mühelos die schützende Barriere zwischen den feinen Gefäßen und den Nervenzellen im Gehirn, die „Blut-Hirn-Schranke“. Auf diese Weise können die Hormone über den Blutkreislauf bis tief in die Strukturen des Denkorgans vordringen. Dort entfalten die Sexualhormone offenbar eine positive Wirkung. So haben Forscher jüngst herausgefunden, dass die Botenstoffe mehrere Gehirnregionen (etwa den für unser Erinnerungsvermögen wichtigen Hippocampus) beeinflussen, indem sie auf hochkomplexe Weise die Aktivität bestimmter Gene regulieren. Außerdem schützen sie die empfindlichen Nervenzellen (Neurone) des Denkorgans und sorgen auf diese Weise dafür, dessen Vitalität zu erhalten.

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Hitzewallungen, Heißhunger, Vergesslichkeit: Lange Zeit nahmen Frauen Hormonpräparate, um die Beschwerden der Wechseljahre zu lindern. Heute weiß man: Die Arzneistoffe haben teils lebensbedrohliche Nebenwirkungen

Hormonentzug mit Folgen: Nach der Menopause sinkt die Lebensdauer vieler Nervenzellen

So tragen beispielsweise die Östrogene dazu bei, dass Neurone, die etwa durch Gifte oder wegen mangelnder Durchblutung geschädigt sind, nicht sofort absterben, sondern länger überleben. Insbesondere verhindern diese Sexualhormone die Bildung jener Eiweißablagerungen in den Nervenzellen, die sehr wahrscheinlich langfristig zu Alzheimer-Demenz führt. Zudem verbessern sie die Durchblutung des Gehirns und damit die Versorgung der Nervenzellen. Doch darüber hinaus können Östrogene noch weitaus Erstaunlicheres bewirken, wie Tierversuche vermuten lassen. Dazu verabreichten Forscher Ratten und Affen künstliche Östrogen-Präparate. Nach einiger Zeit stellten sie Veränderungen im Gehirn der Tiere fest: Im Hippocampus sowie im Stirnlappen (einer Region, die höhere kognitive Aufgaben erfüllt) hatten sich die Nervenzellen deutlich stärker verzweigt. Die Neurone begannen offenbar unter der Einwirkung der Östrogene neue Ausläufer zu bilden, die sich zu Nachbarzellen hin ausstreckten und sich mit diesen verbanden. Östrogene schützen also die Nervenzellen nicht nur – sie regen sie förmlich zum Wachstum an. Dies gilt wahrscheinlich auch für das männliche Sexualhormon Testosteron, das im Körper zu Östrogen umgewandelt werden kann und somit wohl die gleiche Wirkung entfaltet. Die Botenstoffe helfen daher, so nehmen die Wissenschaftler an, eine Art neuronales Polster aufzubauen, das geistigem Abbau vorbeugt. Genau diese hormonelle Quelle geistiger Frische aber versiegt bei Frauen – anders als bei Männern – in den Wechseljahren. Denn der Großteil der Östrogene wird ausgerechnet in jenen Organen produziert, die gleichsam mit einem natürlichen Verfallsdatum versehen sind: den Eierstöcken. In den Jahren zwischen dem 45. und 52. Geburtstag stellen diese Organe ihren Dienst ein; damit erliegt auch die Östrogenproduktion zu gut 90 Prozent (die restlichen zehn Prozent der Ausgangsmenge vermag der Körper noch im Fettgewebe herzustellen). In der Zeit davor kommt es zu beträchtlichen Hormonschwankungen, dem charakteristischen Merkmal der Wechseljahre. Dieses Auf und Ab der Botenstoffe sorgt im Gehirn für Verwirrung. Denn die zunehmenden hormonellen Schwankungen bringen wichtige Schaltzentralen des Denkorgans derart durcheinander, dass es zu den bekannten körperlichen und geistigen Problemen kommt. Die typischen Hitzewallungen zum Beispiel entstehen durch eine unregelmäßige Aktivierung des Hypothalamus, der unter anderem die Körpertemperatur beeinflusst. Aber auch die für das Gedächtnis, das Gefühlsempfinden und die Stressregulierung zuständigen Hirnregionen – Amygdala, Hippocampus und Gyrus cinguli – sind betroffen. Denn die Neurone in diesen Arealen enthalten Rezeptoren, an denen die Sexualhormone andocken und ihre Wirkung entfalten können. Zwar verschwinden die Beschwerden nach einigen Jahren (so lange braucht der Organismus, bis er sich auf den Östrogenverlust eingestellt hat). Doch der rapide Hormonentzug hat auch dann noch Auswirkungen auf das Gehirn, wenn die Symptome der Wechseljahre längst abgeklungen sind. Er hinterlässt langfristig Spuren. Der Grund: Sobald der vormals schützende Effekt der Östrogene nahezu vollständig entfallen ist, sinkt die Lebensdauer vieler Nervenzellen, sodass die Wahrscheinlichkeit einer Demenz-Erkrankung ansteigt. Damit erklären sich manche Forscher auch, wieso das Leiden unter Frauen weitaus verbreiteter ist als unter Männern – und zwar auch dann, wenn man berücksichtigt, dass Frauen im Schnitt länger leben.

Auch Männer bleiben vom Hormonschwund nicht verschont - wohl aber von den Wechseljahresbeschwerden

Im Hinblick auf die Alzheimer-Krankheit, die 60 Prozent aller Demenzfälle ausmacht, sind mehr als zwei Drittel der Patienten weiblichen Geschlechts. Zudem schreitet die Krankheit bei ihnen, so zeigen manche Studien, deutlich schneller voran. Diesen Zusammenhang bestätigt auch eine Untersuchung an Frauen, denen in jungen Jahren krankheitsbedingt die Eierstöcke entfernt worden waren: Sie hatten später ein bis zu doppelt so hohes Risiko, eine Demenz zu entwickeln wie der Durchschnitt der Frauen. Zwar bleiben auch Männer vom Hormonschwund nicht verschont: Etwa vom 30. Geburtstag an geht im maskulinen Körper die Menge an Testosteron jedes Jahr gleichmäßig um ein bis zwei Prozent zurück. Da es aber kaum Schwankungen gibt und der Körper genug Zeit hat, sich umzustellen, machen sich bei Männern keine Wechseljahresbeschwerden bemerkbar. Sie haben sogar noch einen weiteren Vorteil: Mit Anfang 50, wenn Frauen in die Menopause kommen, stehen Männern immerhin noch gut 75 Prozent ihres Testosterons zur Verfügung. Durch den weiblichen Körper fließen dagegen nach den Wechseljahren im Mittel ja nur noch rund zehn Prozent der Ausgangsmenge an Östrogenen.

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GEOkompakt Nr. 44 "Jung im Kopf".

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