Logo GEO Kompakt
Die Grundlagen des Wissens

Erziehung Spielzeug: Was ins Kinderzimmer gehört - und was besser nicht

Ritterburgen, Ponyhöfe, Flugzeugträger, sprechende Puppen: In vielen Kinderzimmern häuft sich - technisch oft aufwendiges - Spielzeug. Dabei profitieren Heranwachsende eher von weniger als von mehr Anregung, sagt der Erziehungswissenschaftler André Frank Zimpel. Und: Es ist durchaus sinnvoll, dass Mädchen und Jungen im Spiel gelegentlich Klischees ausprobieren
Spielzeug

Dass Mädchen und Jungen oft eine innige Bindung zu einem Kuscheltier aufbauen, ist wahrscheinlich auch evolutionsbedingt, sagt André Frank Zimpel

GEOkompakt: Herr Professor Zimpel, warum spielen Kinder überhaupt?

Prof. André Frank Zimpel: Im Spiel entfalten Kinder ihre Vorstellungskraft, die enorm wichtig für die geistige Entwicklung ist. Denn nur durch spielerische Fantasie können Mädchen und Jungen verschiedene Rollen ausprobieren, können mal ein Cowboy sein, mal eine Prinzessin oder ein Pferd. Letztlich heißt das: Im Spiel testen Kinder, wer sie sind und wer sie sein wollen. Spielen ist mithin ein zentraler Baustein der Persönlichkeitsentwicklung.

Haben kleine Jungen und Mädchen nicht ohnehin eine blühende Fantasie?

Es mag überraschen, aber Kinder haben anfangs wenig Vorstellungskraft. Die entwickeln sie erst im Spiel. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bittet man einen Erwachsenen, vor seinem inneren Auge das Bild eines Autos auftauchen zu lassen, bereitet ihm dies wenig Probleme – ein Kleinkind ist dazu noch nicht gut in der Lage, selbst wenn es schon viele Male ein Auto gesehen hat. Es braucht ein Hilfsmittel, mit dem es das Auto nachstellen kann: ein Spielzeug. Das Spielzeug bildet also eine Art Stütze für die Fantasie. Es ermöglicht dem Kind, zu imaginieren, wie dieses Auto aussehen könnte, wo es langfährt, wer darin sitzt.

GEO KOMPAKT Nr. 47 - 06/16 Was Kinder stark macht
GEO KOMPAKT Nr. 47 - 06/16
Was Kinder stark macht
Aufbruch ins Leben - die ersten zehn Jahre

Ist es sinnvoll, viel Spielzeug anzubieten, um die Fantasie möglichst vielseitig anzuregen?

Keineswegs. Wir haben festgestellt, dass Kinderzimmer, die vollgestopft sind mit Teeküchen und Puppen, Hubschraubern und Autos, Ponys und Piratenschiffen, Mädchen und Jungen in Stress versetzen können. Der Grund: Hat ein Spielzeug für ein Kind eine Bedeutung, ist es immer auch mit einer Aufforderung verbunden. Es ruft gleichsam: Tu etwas mit mir! Die Folge: Beginnt ein Kind, sich einem der Spielzeuge zu widmen, erregt schon nach kurzer Zeit ein anderes seine Aufmerksamkeit. Man stelle sich einen Raum mit lauter Stimmen vor, die ständig nach einem rufen! Das Kind wird dadurch immer wieder unterbrochen und abgelenkt, wird sich nie in ein Spiel für längere Zeit vertiefen können.

Wie viel Spielzeug gehört ins Kinderzimmer?

Im Vorschulalter reicht sehr wenig aus. Unsere Forschungen zeigen: Schon mehr als vier Spielzeuge können die Aufmerksamkeit manches Kindes überfordern – wohlgemerkt vier, die das Kind auch tatsächlich nutzt. Stehen Spielzeuge als Dekoration herum und werden nicht mehr hervorgeholt, macht es keinen Unterschied. Hinzu kommt: Kinder sind überaus findig darin, alles Mögliche zum Spielzeug zu erklären, ein Ast kann ein Ritter sein, ein Schuhkarton eine Burg, ein Korken ein Goldschatz. Jeder Haushalt und jeder Garten bietet genügend Ausgangsmaterial. Spielzeug aus dem Kaufhaus ist im Grunde also gar nicht nötig. Zumal es häufig so ausdifferenziert ist, dass es die Fantasie der Kinder eher einschränkt als beflügelt.

Können Sie das bitte genauer erklären?

Damit Kinder in ihrer Fantasieentfaltung flexibel und kreativ sind, ist es entscheidend, dass das Spiel möglichst frei verläuft. Viele Spielzeuge haben jedoch den Nachteil, dass sie die Imagination zu sehr beschneiden, festlegen. Oftmals sind es die Spielzeugdesigner, die ihre Fantasie austoben, den Kindern bleibt kaum noch Raum für eigene Vorstellungen. Ist beispielsweise eine Puppe schon zu sehr ausgestattet, mit allerlei Kleidung und Accessoires, fehlt einem Kind die Herausforderung, sich auszumalen, wer diese Puppe sein könnte. Ob sie ein Indianer, ein Baby, eine Prinzessin ist. Für die geistige Entwicklung ist es ungemein wichtig, diese gedankliche Flexibilität zu schulen. Studien zeigen: Wer im Vorschulalter viel Gelegenheit zum freien Spiel hat, ist im späteren Leben eher in der Lage, mit schwierigen Situationen kreativ umzugehen, alternative Lösungswege zu finden – etwa bei einem Konflikt oder einer beruflichen Zwickmühle.

Brauchen schon Babys Anregungen durch ein Spielzeug?

Neugeborene sind in erster Linie auf sozialen Kontakt mit anderen Menschen angewiesen. Aber sehr rasch wird es wichtig, dass sie darüber hinaus reichhaltige Erfahrungen mit Objekten machen. Das erste Spiel besteht darin, Gegenstände zum Mund zu führen. Denn dies ist für das Baby mit einer Herausforderung verbunden, die es meistern kann. Es ist ja bereits imstande, Nahrung zu sich zu nehmen, und nun schaut es, ob es auch etwas anderes in den Mund bekommt. Wenn ihm dies gelingt, ist es glücklich. Dann ist es ein spannendes Spiel. Das bedeutet, ein Säugling freut sich über Dinge, die neu sind, die er noch nicht kennt. Das kann beispielsweise ein Würfel sein, ein kleiner Ball, ein Beißring, ein Baustein.

Was ist noch interessant?

Grundsätzlich alles, was einen Effekt erzielt. Also zum Beispiel Gegenstände, die Geräusche machen, die klappern oder scheppern. Zunächst wird ein Baby etwa eine Rassel nur zum Mund führen. Doch wenn die Eltern ihm vorführen, dass man mit der Rassel auch etwas anderes machen kann, ist seine Neugier geweckt: Dann wird es bald selber versuchen, der Rassel ein Geräusch zu entlocken, und künftig alle Objekte darauf untersuchen, ob sie Töne erzeugen. Ein Spiel muss daher immer ambitioniert sein: Die Eltern machen etwas vor, das das Baby heute noch nicht kann, aber morgen können wird. Das Spiel ist dann gut, wenn sich Kinder dabei einen Kopf größer fühlen können, als sie sind.

Von welchen Spielzeugen profitieren Kinder am ehesten?

Kinder sollten eine Kiste mit Bausteinen haben und mindestens einen Ball – das sind nach wie vor die Klassiker. Denn diese Spielzeuge sind in ihrer Anwendungsmöglichkeit nicht festgelegt, sondern vielseitig verwendbar. Ein Baustein lässt dem Kind die Freiheit, ihn gemäß seiner eigenen Vorstellung zu verwenden.

Zudem sollte es eine Tafel oder eine Wand geben, die bekritzelt und bemalt werden darf. Und – wie erwähnt – etwas, was Geräusche erzeugt. Am besten ein Musikinstrument, das robust ist. Auch sollten Kinder in Kontakt mit etwas Lebendigem kommen oder zumindest mit Gegenständen, die etwas Lebendiges symbolisieren – Tierfiguren oder Plüschtiere.

Weshalb sind gerade Kuscheltiere so beliebt?

Plüschtiere sind weich, haben meist ein Fell und wirken daher beruhigend, spenden Trost. Im Laufe der Evolution hat der Mensch wahrscheinlich immer engen Kontakt zu Tieren gepflegt. Diese archaische Prägung wirkt nach. Es ist daher nur verständlich, dass Mädchen und Jungen oft eine innige Bindung zu einem Kuscheltier aufbauen, das sie durch die gesamte Kindheit begleitet – selbst dann noch, wenn es bereits stark abgenutzt ist oder Schäden aufweist. Obwohl das Kuscheltier ein Gegenstand ist, verwandelt es sich in der Vorstellungswelt des Kindes in ein lebendiges Wesen, das als Beschützer, Freund, Spielgefährte, Einschlafhilfe, Trostspender dient.

Manche Eltern sind davon überzeugt, dass Kinder in erster Linie Spielzeug aus Holz haben sollten. Ich kann diesen Purismus nicht nachvollziehen. Es gibt sicherlich ästhetisch hoch ansprechendes Holzspielzeug, das vielen Vätern und Müttern große Freude bereitet. Und wenn sie es schaffen, dass der Funke auf die Kinder überspringt, ist es eine gute Sache. Aber per se hat Holzspielzeug keinen pädagogischen Mehrwert.

Im Gegenteil: Ein Kleinkind sollte mit möglichst vielen Materialien in Kontakt kommen, damit es seine Sinne differenziert entwickeln kann – vorausgesetzt natürlich, dass diese Materialien nicht giftig sind.

Was halten Sie von Spielzeugen, die mit einem Kind in Interaktion treten – etwa Puppen, die sprechen?

Dieser Trend mag verheißungsvoll anmuten, und die Technik wird natürlich immer besser. Der Nachteil ist nur: Mit einer sprechenden Puppe regt man die Fantasie eines Kindes eben nicht an. Wenn es nicht in die Rolle der Puppe schlüpfen und für sie sprechen muss, wird das Spielzeug die Sprachentwicklung des Kleinen nicht fördern, sondern womöglich sogar bremsen.

Darüber hinaus ist es für einen Sprössling oft viel interessanter, die Funktionsweise der sprechenden Puppe zu durchschauen, als mit ihr zu spielen. Kinder machen sich relativ früh Gedanken über Kausalbeziehungen, darüber, wie eine derartige Puppe konstruiert ist, wo die Stimme herkommt. Dem wollen sie auf den Grund gehen. Das heißt, sie neigen dazu, solch ein Spielzeug rasch zu zerstören.

Wie steht es um Spielzeugwaffen?

Eltern sollten das nicht zu sehr aus der Erwachsenenperspektive sehen. Ein Junge, der mit Laserschwert oder Spielzeugpistole spielt, wird später nicht zwangsläufig gewalttätiger sein als andere. Alle Versuche, solche Zusammenhänge nachzuweisen, sind gescheitert.

Man muss sich vielmehr fragen, woher der Wunsch rührt, mit einem Laserschwert zu hantieren. In der Regel verbirgt sich dahinter das Bedürfnis, beachtet und respektiert zu werden. Ein Kind, das sich bewaffnet, möchte von anderen ernst genommen werden, sich einen Kopf größer machen. Diese Erfahrung kann für seine Entwicklung durchaus positiv sein.

Was ist, wenn Jungen nur mit Rittern und Piraten, Mädchen nur mit Feen und Prinzessinnen spielen?

Die Angst vor Klischees ist unberechtigt. Kinder müssen Klischees kennen, um sie später überwinden zu können. Und im Spiel probieren sie die gängigen, tradierten Rollenbilder aus. Ein Mädchen, das sein Zimmer mit der Farbe Rosa ausstaffiert und Feen um sich schart, wird deswegen nicht später zum Heimchen am Herd.

Im Gegenteil: Wenn ich meinen Nachwuchs davon abhalte, Klischees spielerisch auszuleben, wird das Interesse daran später umso größer. Durch das Spiel aber wird das Rollenbild irgendwann langweilig. Die Kinder sind dann frei, sich genau hiervon abzusetzen. Ich rate davon ab, sich zu sehr einzumischen.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das ganze Interview mit André Frank Zimpel lesen Sie in GEOkompakt Nr. 47 „Kindheit“.