Depression Wie Angehörige sich richtig verhalten

Wenn ein geliebter Mensch an Depression erkrankt, sind Angehörige oft ratlos. Wie kann ich bei der Genesung unterstützen? Darf ich das Thema Suizid ansprechen? Und wo finde ich selbst Hilfe? Im Interview erklärt Psychologin Dr. Lotta Winter, wie Freunde und Familie Halt geben können
Trost

Angehörige von an Depression Erkrankten können Halt geben. Allerdings gilt es ein paar Dinge zu beachten

Frau Winter, ich habe die Vermutung, dass jemand, der mir nahe steht, depressiv sein könnte. Wie kann ich das ansprechen?

Wenn Sie besorgt sind, sollten sie das offen ansprechen. Wichtig ist, dass Sie dem Betroffenen dabei keine Vorwürfe machen. Die Botschaft sollte sein: Ich mache mir Sorgen um dich. Schildern Sie die Veränderungen, die Sie beobachtet haben. Nennen Sie dabei möglichst konkrete Beispiele, damit der Betroffene erkennt, dass wirklich etwas im Argen liegt.

Dennoch ist eine wahrscheinliche Reaktion Leugnung oder Zurückweisung ...

Man braucht oft Geduld. Angehörigen sollten dann nicht gleich in die große Auseinandersetzung gehen, sondern weitere Beispiele sammeln und mit etwas Abstand erneut das Gespräch suchen.

Sollte ich professionelle Hilfe organisieren, wenn der Erkrankte es nicht selbst tut?

Wenn jemand nicht bereit ist professionelle Hilfe anzunehmen, kann das unterschiedliche Gründe haben. Oft gibt es einfach ein Informationsdefizit: Zu wem kann ich gehen? Wie finde ich den richtigen Ansprechpartner? Solche Fragen scheinen für Betroffene manchmal nicht zu bewältigen zu sein. Hier kann ich als Angehöriger die Recherche abnehmen. Machen Sie dem Betroffenen ganz konkrete Vorschläge oder bieten Sie an, ihn zu einem Termin zu begleiten. Wer sich unsicher ist, kann Rat beim Sozialpsychiatrischen Dienst suchen. Den gibt es in jeder Stadt. Zudem können Sie immer das Gespräch mit dem Hausarzt suchen.

Und wenn er dennoch nicht einwilligt, die Situation aber ernst scheint?

Es gibt Fälle, in denen man gegen den Willen des Betroffenen professionelle Hilfe einschalten muss. Bei einer schweren Erkrankung, wenn eine Fremd- oder Selbstgefährdung nicht auszuschließen ist.

Kann ich das Thema Suizid offen ansprechen?

Unbedingt, es gibt nichts Schlimmeres als Tabuthemen. Da gilt es, nicht lange um den heißeren Brei herumzureden. Stellen Sie Fragen: Kann es sein, dass du des Lebens müde wirst? Gibt es bei dir solche Gedanken? Für den Betroffenen ist es in aller Regel eine große Erleichterung, darüber sprechen zu können und mit den Gefühlen nicht alleine zu sein.

Woran erkenne ich, ob Suizidgefahr besteht? Gibt es Alarmsignale?

Grundsätzlich ziehen sich Menschen, die von Suizidalität betroffen sind, sehr zurück. Zudem gibt es typische Äußerungen – etwa: Ich wünschte, ich wäre nie geboren worden. Oder: Ohne mich wäre euer Leben doch viel einfacher. Je konkreter die suizidalen Gedanken werden, desto intensiver setzen sich die Betroffenen mit Suizidmethoden auseinander. Viele beginnen auch über Suizide von anderen Menschen, etwa Fälle aus den Medien, nachzudenken. Sehr alarmierend ist es, wenn bereits Vorbereitungen getroffen werden – nicht nur für den Suizid, sondern auch für den Abschied. Man kann beobachten, dass Betroffene Dinge verschenken oder letzte Vorkehrungen treffen. Das geht häufig mit einem gelösten Zustand einher. Plötzlich scheinen Betroffene wie ausgewechselt.

Meist geht Depression mit Antriebslosigkeit einher. Sollte ich dem Erkrankten Aufgaben im Alltag abnehmen?

So lange es noch irgendwie geht, beziehen Sie den Betroffenen ein. Es mag zwar kurzfristig eine Erleichterung sein, wenn er von Aufgaben befreit ist. Langfristig bestätigt es ihm aber das Gefühl, gar nichts mehr alleine zu schaffen, ein Versager zu sein, der nicht einmal mehr seinen Einkauf geregelt bekommt. Also: Machen Sie Erledigungen gemeinsam oder lassen Sie ihn Sachen alleine übernehmen. Wenn Sie die Küche aufräumen, geben Sie einzelne Aufgaben ab. Solche Dinge geben dem Betroffenen das Gefühl, etwas geschafft zu haben – und das ist extrem wichtig. Es wirkt antidepressiv.

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Gibt es Möglichkeiten, bei der Therapie zu unterstützen?

Wenn ein Betroffener darum bittet, dass sie ihn zu einer Therapiesitzung begleiten, ist es sehr sinnvoll, darauf einzugehen. Mir berichten Patienten immer wieder, dass der Partner nicht mitkommen wollte. Das finde ich sehr schade. Denn in der Regel gibt es in solchen Fällen ein Anliegen, das gemeinsam besprochen werden sollte. Eine gemeinsame Sitzung kann auch dazu dienen, ein gegenseitiges Verständnis für die Situation zu schaffen. Andersherum: Wenn ein Betroffener bittet, die Therapie nur für sich zu haben, sollten Sie das respektieren. Angehörige sollten nicht darauf drängen, jede Therapiesitzung erzählt zu bekommen. Für viele Patienten ist das etwas sehr Vertrauliches.

Das ist besonders für Lebenspartner sicher schwer auszuhalten?

Natürlich – es ist für nahe Angehörige insgesamt eine schwierige Zeit. Denn die Interaktion mit dem Partner ist in der Regel völlig verändert. Deshalb ist es ganz wichtig, dass man weiter seinen normalen Aktivitäten und Hobbys nachgeht. Das ist ein wichtiger Ausgleich für die Belastung zu Hause und keineswegs egoistisch: Schließlich geht es darum, bei Kräften zu bleiben, auch um weiter unterstützen zu können.

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Wo finden Angehörige Hilfe, wenn sie sich überfordert fühlen?

Auch hier kann der Sozialpsychiatrische Dienst unterstützen und über Angebote in der Region informieren. Viele Angehörige organisieren sich in Selbsthilfegruppen.

Muss ich mich mit meinen eigenen Sorgen und Problemen zurücknehmen? Kann ich noch erzählen, was mich beschäftigt?

Es ist wichtig, den Kontakt zu dem Betroffenen nicht zu sehr zu verändern. Dieser erlebt ohnehin, dass sich – zumindest in seiner Wahrnehmung – Menschen von ihm abwenden. Wenn dann auch noch enge Vertraute aufhören, mit ihm zu reden, bestätigt das diese Annahme. Zeigen Sie dem Betroffenen weiterhin, dass sie ihn brauchen und seine Rückmeldung ihnen wichtig ist. Mir berichten viele Patienten, vor allem jene mit leichter Erkrankung, dass es ihnen gut tut, sich auch mal mit den Anliegen von jemand anderem zu Beschäftigen.

Lotta Winter

Dr. Lotta Winter ist leitende Psychologin an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie (MHH) im Bereich Affektive Störungen und Persönlichkeitsstörungen sowie Fachbereichsleitung Psychotherapie der Ambulanzzentrum der MHH GmbH

Wenn dem so ist, sollte ich den Erkrankten dann noch stärker einbeziehen? Auch bei Dingen, bei denen ich sonst vielleicht gar nicht gefragt hätte?

Unbedingt! Allerdings sollten das dann nicht nur Problemgespräche sein. Aber wenn Sie merken, dass es dem Betroffenen gut tut, wenn Sie ihn einbeziehen, ist das in jedem Fall hilfreich für die Genesung. Auch hier geht es wieder um wichtige antidepressive Erfahrungen: Ich habe etwas geschafft. Ich werde gebraucht. Ich kann was.

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