Rumänien Unterschätztes Bukarest

Rumänen bezeichnen ihre Hauptstadt selbst als die "Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten". Tatsächlich gibt es in Bukarest vor allem eines nicht: Regeln. GEO.de-Autorin Wiebke Plasse hat sich auf Entdeckungstour gemacht
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Nicht selten wird Bukarest aufgrund seines Stils auch als "Paris des Ostens" betitelt

Bereits die Ankunft in Bukarest ist ein einziges Abenteuer. Kaum jemand in Rumänien spricht Englisch, die Kommunikation mit den Taxifahrern am Flughafen Otopeni gestaltet sich schwierig. Nach ersten Verständigungsschwierigkeiten geht es dann quer durch die Walachei, so nennt sich das Gebiet rund um die rumänische Hauptstadt Bukarest. Heruntergekommene Häuser reihen sich wie Slums aneinander, dann kommt eine Weile nichts als weites Land. Der Fahrer umkurvt die teichgroßen Schlaglöcher im Schritttempo, die Türen sind von innen verriegelt, das sei sicherer, vermittelt er mit einem Lächeln. Etwa 30 Minuten später und um ein Dutzend Eindrücke reicher, kommt der Stadtrand von Bukarest in Sicht. Wieder stechen die zerstörten und ungepflegten Häuser ins Auge. Doch hier grenzen sie an imposante Bauten mit weißer Steinfassade, Steinplastiken an den Giebeln und von gepflegten Gärten umgeben. In den großen Parks picknicken die Menschen in der Sonne, anscheinend unbeeindruckt vom Verkehrschaos um sie herum.

Spuren der Revolution

Beim genaueren Betrachten der Gebäude und ihrer Aneinanderreihung zeigen sich geschichtsträchtige Details. Das Stadtbild erinnert noch heute an den Diktator Nicolae Ceausescu, der von 1965 bis 1989 das Land regierte. Ceausescu ließ damals Tausende Gebäude und ganze Dörfer zerstören, um Platz für den sogenannten Zuckerbäckerstil zu schaffen. Das beste Beispiel für seinen zweifelhaften Geschmack ist der Parlamentspalast im Zentrum der Stadt - das größte Gebäude Europas. Von dort aus steuerte der Diktator seine leidbringende Politik: Er trieb das Land in die Armut, bewegte zahlreiche Unternehmen zur Insolvenz und nahm Tausenden Menschen ihr Obdach. Die Auswirkungen auf die Hauptstadt sind bis heute sichtbar: Neben Bettlern spaziert die Schickeria Bukarests im Pelzmantel durch die Einkaufsstraße. Doch die Bukarester machen das Beste aus der Situation.

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Im Zentrum der Stadt ließ der Diktator Nicolae Ceausescu ein Monument seiner Macht errichten: Der Parlamentspalast ist das größte Gebäude Europas und Feindbild vieler Rumänen

Besonders die jungen Rumänen nutzen diesen Zustand für sich: Inmitten des krisengeschüttelten Alltags haben eine Reihe Kreativer seit einigen Jahren eine beeindruckende Kunst- und Kulturszene geschaffen. So ging erst im Mai die zweite Romanian Design Week zu Ende. Die 28-jährige Maria Neneciu ist eine der Organisatorinnen der so genannten "G5-Periode", jener Phase im Jahr, in der gleich fünf große Events aufgefahren werden. Über das Jahr verteilt veranstalten Neneciu und das Team um "The Institute" etwa 50 weitere kulturelle Veranstaltungen.

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Die 28-jährige Maria Neneciu ist Teil der Gruppierung "The Institute". Gemeinsam veranstalten die Kreativen bis zu 50 Events im Jahr

"Wir machen unser eigenes Ding, unabhängig von öffentlichen Geldern", erklärt Neneciu. Denn Rumänien ist bekannt für Korruption. Gelder, die eine kulturelle Vielfalt unterstützen würden, landen selten am Ziel. Und auch in den anderen Bereichen wie Infrastruktur oder Arbeitsbeschaffung sind die Fördermittel entweder zu gering oder fragwürdig eingesetzt. Neneciu und ihr Team lassen bewusst die Finger von der Staatskasse. "Somit sind wir zu einer kleinen Subkultur geworden - und wir wachsen weiter", berichtet sie. Die junge Studentin spürt, dass die Festivals und Ausstellungen, Shows und zwei Magazine mittlerweile auch vom Rest Europas wahrgenommen werden. Wenn der Zulauf auf ihren Veranstaltungen eines Tages Menschen dazu bewegen würde, Rumänien als Reiseziel auszuwählen, bedeute das einen Wandel für ihr Heimatland. "Auf lange Sicht hätte das eine große Auswirkung auf das Leben in Rumänien", mutmaßt Maria.

Sie hofft. Und wirbt weiter: "Bukarest ist zwar anders als das europäische Ausland, aber mindestens genauso schön". Um das unter Beweis zu stellen, nennt sie die interessantesten Adressen der Stadt.

Ansehen

Palat ul Parlamentului

Ein Monument seiner Macht erbaute sich der Diktator Nicolae Ceausescu in den Achtzigerjahren. Noch heute gilt das Gebäude als das größte Europas. Die meisten Rumänen meiden das protzige Andenken an die Diktatur. Nur Touristen nehmen gelegentlich die Führung durch das Innere des 65.000 Quadratmeter großen Kolosses in Anspruch.

Strada Izvor 2-4, www.cdep.ro

Trendviertel Lipscani / Leipziger Straße

In der Altstadt hat sich Bukarest ein kleines Touristenparadies geschaffen. Irish Pubs, türkische Fast-Food-Ketten oder italienische Restaurants ziehen sich durch das gesamte Viertel. Allerdings sind die Touristen in Lipscani unter sich, denn die Bukarester halten sich hier nur ungern auf. Sie verweilen lieber im Norden der Stadt.

Lipscani Str, Smardan Str. and Selari Str.

Piata Revolutiei

Der Platz der Revolution ist ein Tipp der besonderen Art: Alle Aufstände (so auch die Revolution 1989) haben hier begonnen. Im Gegensatz zu den sechs Sektoren Bukarests ist dieser Platz nämlich der einzige "rechtsfreie" Ort der Stadt. Hier finden fast täglich Demonstrationen und Mahnwachen statt.

Calea Victoriei Boulevard

 

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Während ganz Bukarest in sechs Sektoren eingeteilt ist, bleibt der Piata Revolutiei eine "rechtsfreie" Zone. Hier finden aus diesem Grund täglich Demonstrationen statt

Essen & Trinken

Energiea

Fast heimisch fühlt man sich im Café Energiea. Neben dem großen "Wohnzimmer", das sich über zwei Etagen zieht, warten ein Loungebereich sowie eine Chillout-Zone mit Sitzkissen auf die junge Bukarester Szene. Abends finden regelmäßig Konzerte und Partys statt.

Str. Actor Ion Brezoianu 4, www.facebook.com/energiea

Stadio

Zum Feiern, zum Daten oder Geschäftsessen: Das Stadio im Zentrum Bukarests hält für alle Gelegenheiten das passende Ambiente bereit. So kann im Bistrobereich locker getrunken und getanzt, im Restaurantbereich edel gespeist und auf der Terrasse gefrühstückt werden.

Ion Campineau 11, www.stadio.ro

Rue du Pain

Seit etwa vier Jahren ist das Café Rue du Pain die erste Adresse für Kuchen- und Tortenliebhaber in Bukarest. Frühstück und Brunch gibt es zudem täglich. Besonderen Charme versprüht die chaotische Atmosphäre.

Calea Floreasca Nr 111-113, www.facebook.com/pages/Rue-du-Pain

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Die drei Eigentümer des Origo reisten bereits auf jeden Kontinent. Ihre Suche nach den besten Kaffeesorten ist noch lange nicht beendet

Institute, the café

Das Café von "The Institute" ist der Dreh- und Angelpunkt der Bukarester Kunst- und Kulturszene. Hier trifft sich in rustikalem aber modernem Ambiente, wer seinen Ideen freien Lauf lassen will - oder Kontakt in die Szene sucht.

Stirbei Voda 104-106, www.facebook.com/Institute.ro

Origo

Tagsüber reichen die drei Eigentümer des Origo den – so sagen sie selbst - besten Kaffee für jeden Geschmack. Am Abend widmen sie sich Cocktails. Um stets die Besten zu bleiben, reisen die drei gern um die Welt, immer auf der Suche nach neuen Rezeptideen.

Str. Lipscani 9, www.facebook.com/OrigoCoffee

 

Einkaufen

Calea Floreasca

Als Kontrastprogramm zum urbanen Stil der Innenstadt gilt ein Besuch im reichen Norden. Besonders die Calea Floreasca bietet teure Boutiquen, schicke Cafés und erstaunliche Bauten. Ziel des Spaziergangs in diese andere Welt kann die üppige Parkanlage Parcul Herastrau sein.

Carmen Secareanu- Fashion

Echte rumänische Designerware gibt es bei Carmen Secareanu- Fashion. Die Modedesignerin schneidert nicht nur für die Fashionshows, sondern verkauft ihre Waren auch in der eigenen Boutique. Trendkleider, Taschen und Schuhe sind mitunter aus ökologischen Materialen gefertigt.

Str. Semicercului 09, www.carmensecareanu.com

Eclectico - local business

Stefan Cosma ist Mitorganisator der G5-Periode und bekannter rumänischer Möbeldesigner. Seine Mischung aus futuristischen und Retro-Designs haben es schon in verschiedene internationale Kunstmagazine geschafft. Er selbst hält Fans seiner Waren für "Snobs mit gutem Geschmack".

General Constantin Budisteanu St. 18, www.eclectico.eu

 

Wohnen

Umbrella Hostel

Im Norden des Zentrums, versteckt in einer kleinen Gasse, befindet sich das Umbrella Hostel. Erst 2012 errichtet, ist es besonders bei Backpackern beliebt. Helle Räume, ein lauschiger Innenhof und das dynamische Personal überzeugen. Neben Schlafsälen gibt es im Umbrella auch günstige Zimmer für zwei. Frühstück ist inklusive!

Christian Tell Str, No 21, Telefon 0040-743640691, www.umbrellahostel.com

Hotel Christina

Das zentral gelegene Hotel bietet insgesamt 24 Zimmer - jedes in einer anderen Farbe. Die stylishen Zimmer sind jeweils mit eigenem Bad, kostenlosem Internet und TV ausgestattet. Das Frühstück ist auch hier inklusive.

Ion Slatineanu 13, Telefon 0040-212107303, www.hotelchristina.ro

 

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