WMSG in Beijing

Reisebericht

WMSG in Beijing

Reisebericht: WMSG in Beijing

Vor kurzem fand in Peking das sportliche Ereignis „1-st World Mind Sport Games“ statt, das in den Deutschen Medien meines Erachtens verschwiegen wurde. Ich war selbst dort als Teilnehmer und möchte dieses Versäumnis nachholen.

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Überraschung

Weine nicht, dass es vorbei ist,
sondern lache, dass es so schön war.

Am Anfang dieses Jahres erfuhr ich ganz zufällig, dass im Oktober in Peking die ersten Weltdenksportspiele – „1st World Mind Sports Games“ stattfinden, wo neben Schach, Bridge und Go auch Dame Disziplin ist. Obwohl diese Spiele nicht direkt zum Programm der Olympischen Spiele gehören, sind sie ihre Fortsetzung und werden sofort nach den Paralympischen Spielen durchgeführt. Sozusagen, „das Beste kommt zum Schluss!“



WMSG



Aufregung

Damespiel war mein Lieblingshobby in meinem früheren Leben in der UdSSR. Nach der Emigration nach Deutschland vor 15 Jahren habe ich allerdings vollständig aufgehört zu spielen. Es war das Einzige, was ich in meiner neuen Heimat vermisste.

Als ich von den World Mind Sport Games erfuhr, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich wollte mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: wieder Dame spielen, meine alten Freunde treffen und am größten sportlichen Ereignis – der Olympiade teilnehmen als auch China besuchen. Das Problem bestand darin, dass die Wettbewerbe in drei verschiedenen Arten des Damespiels durchgeführt werden sollten: Dame -10 mal 10, brasilianische und englisch-amerikanische. Ich aber spielte russische Dame, wo ganz andere Spielregeln herrschen. Jedoch war ich einverstanden, gleich welche Dameart zu spielen, wenn ich nur nach Peking käme. In Deutschland fing schon nach zwei Wochen die Auswahl in englischer Dame an (man nennt sie auch Checkers), und erst später sollten die Meisterschaft in der brasilianischen Dame stattfinden. Deshalb traf ich die Entscheidung, es zuerst in einer Art zu probieren, und wenn sich dort nichts ergeben würde, die anderen zu versuchen.



Ausscheidung

Die Ausscheidungsmeisterschaft Deutschlands in der englisch-amerikanischen Dame – Checkers – wurde im kleinen Städtchen Korbach durchgeführt. Alle Aufwände für Reise, Unterbringung und Verpflegung musste man selber tragen. Das war übrigens die Erklärung, warum ich an allen vorhergehenden Turnieren nicht teilgenommen hatte – es war ein viel zu teueres Vergnügen für mich. In der Sowjet Union verdiente ich mit dem Damespiel zwar kein Geld, aber dafür hatte ich auch keine Aufwendungen. Bei uns wurden sowohl die Reise-, als auch die Unterkunft- und Verpflegungskosten vom Sportamt übernommen. Diesmal jedoch wollte ich ganz klar nach China reisen.

Zu meinem Erstaunen gelang es mir verhältnismäßig leicht den ersten Platz unter 16 Teilnehmern und die Qualifikation für Peking zu gewinnen. Ich gestehe ehrlich ein, dass ich nicht so stark war, sondern meine Konkurrenten zu schwach waren. Das allgemeine Niveau des Damespieles in Deutschland ist wesentlich niedriger als das sowjetische. Die gestellte Aufgabe war erfolgreich gelöst.



Sponsoren

Zu diesem Zeitpunkt verlor ich meine Arbeit. Meine Firma zog nach Tschechien um. Trotz der aktiven Suche nach einem neuen Arbeitsplatz in drei Berufen, konnte ich nichts finden. So hatte ich viel Freizeit und ich entschied mich meiner Lieblingsbeschäftigung in der Vergangenheit zu widmen: dem Damespiel. Mein Partner Ingo, der auch nach China flog, versorgte mich ganz selbstlos mit Literatur im Checkersspiel. Ich begann eine ernste Vorbereitung auf den Wettkampf. Das einfache olympische Prinzip: „Die Hauptsache ist nicht das Ergebnis, sondern die Teilnahme!“ - half mir nicht wirklich – ich wollte eine Medaille gewinnen...

China als Organisator der Wettbewerbe übernahm alle internen Kosten für Unterkunft und Verpflegung der Sportler, aber für die Anreise nach Peking mussten die Teilnehmer selber sorgen. Leider ist die Föderation des Damespiels in Deutschland recht arm und konnte uns nicht helfen. Es begann die Suche nach Sponsoren. Das Olympische Komitee Deutschlands und der Bürgermeister von Düsseldorf lehnten die Anfrage ab, weil das Damespiel keine anerkannte olympische Sportart ist. Höflich wünschten mir meine Bank und zwei wohltätigen Stiftungen glückliche Reise und viel Erfolg. Mein ehemaliger Arbeitgeber, übrigens eine chinesische Firma, und mein Fitnesszentrum, wo ich die Harmonie des Körpers und des Geistes betonte, hielten es nicht für nötig, mir überhaupt zu antworten. Ich wendete mich auch an den bekannten Fernsehmoderator Stefan Raab. Er macht eine populäre Sendung – „Wer schlägt den Raab?“ – wo er allerlei Wettkämpfe zwischen Zuschauer und sich selber organisiert. Im Internet verkauft er sein T-Shirt – „Schlag den Raab“ für nur 20 Euro. Ich schlug ihm vor in China das T-Shirt mit seinem Namen „Schlag lieber den Raab“ zu tragen, wenn er zustimmt, mein Sponsor zu werden. Auch hier erhielt ich keine Antwort.

Dann musste ich eben selber das Flugticket kaufen. Ich fand im Internet eine billige Variante für nur 525 Euro über Amsterdam. Später stellte sich heraus, dass China auch für uns eine bestimmte Quote von kostenfreien Flügen bereit gestellt hatte. Diese waren aber an die britische Föderation „Checkers“ gegangen, die sie unter sich aufgeteilt und nicht weitergab. Mein Checkerspartner Ingo war so empört, dass er sogar auf die Reise zu verzichten wollte. Mit Mühe gelang es mir, ihn zu beruhigen. Ich erklärte ihm, dass alle Menschen gleich sind und die britischen Gentlemen keine Ausnahme sind.



Boykott?

Vor dem Beginn der Olympischen Spiele diskutierte man in Medien viel über den möglichen Boykott der Spiele aufgrund der politischen Ereignisse in Tibet und die Benutzung der Sportler um politischen Druck auf China auszuüben. Dieses Geschwätz endete damit, dass an der Eröffnung der Olympiade die führenden Kämpfer für die Menschenrechte aus den größten Ländern anwesend waren. Sowohl Busch, als auch Putin und Sarkosy mit ihren Frauen genossen die farbenreiche Schau des Anfanges der Olympischen Spiele. Meiner festen Meinung nach müssen gerade sie eine politische Lösung für Tibet suchen und die Olympische Spiele boykottieren, aber nicht die Sportler.

Auch wir, die Damespieler, erhielten den Vorschlag, die Spiele zu boykottieren. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Presse und das Fernsehen in Deutschland gerade unsere 1-sten Weltdenksportspiele vollkommen verschwiegen. Vergeblich versuchte ich, auch nur eine einzige Zeile über den Start der Spiele in den wichtigsten Zeitungen zu finden oder etwas in den Sportnachrichten im TV zu hören. Waren es doch weltweit die ersten Wettkämpfe dieser Art und die größten Meisterschaften in den beliebtesten intellektuellen Spiele aller Zeiten, an denen 4558 führende Spieler aus 126 Ländern teilnahmen. Allein aus Deutschland waren 82 Sportler in Peking. Konsequentes Ergebnis derartiger Verhältnisse war ein schwaches Abschneiden der deutschen Denksportler: in 35 Disziplinen gewann Deutschland keine einzige Medaille...

Als intellektuellstes Volk erwiesen sich die Chinesen. Genauso wie bei den Olympischen und den Paralympischen Spielen holten sie auch bei den Intellektuellen Spielen die meisten Gold Medaillen - 12, was der Beziehung des Staates zum Sport in ihrem Land entspricht. Das zweitbeste Team mit nur 4 Goldmedaillen wurde Russland.


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Kommentare

  • omaanne

    Danke für diesen interessanten Bericht, der mir leider erst jetzt aufgefallen ist.

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