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Reisebericht: Im Land der sesshaften Beduinen
Ich war in Jordanien für ein Auslandssemester von September 2004 bis März 2005. Dies soll kein detailliertes Reisetagebuch werden, sondern mehr eine Sammlung von Eindrücken und Erlebnissen, die mir jetzt – fast drei Jahre danach – immer noch im Gedächtnis sind. Damals hatte ich noch keine Digitalkamera; die Photos sind also alle eingescannt und deshalb teilweise nicht ganz so qualitativ hochwertig
Irbid
Gerade überlege ich, wie ich den ersten Tag in meiner neuen Heimatstadt verbringen soll, als das Telefon klingelt. Ein Professor meiner Fakultät erkundigt sich, wie es mir ginge und ob er mich in einer halben Stunde abholen dürfe – ich sei bei ihm und seiner Frau zum Essen eingeladen. Außerdem habe er eine Tochter in meinem Alter und er würde sich doch freuen, mal wieder mit jemandem deutsch reden zu können. Das Essen ist wunderbar und die Gastfreundschaft unglaublich. Mir zuliebe soll sogar am Tisch gegessen werden und nicht wie normalerweise auf dem Boden, aber zum Glück kann ich die Familie davon überzeugen, dass es kein Problem für mich ist, auf dem Boden zu essen. Mit der Zeit zeigt es sich, dass es von Vorteil sein kann, Frau zu sein – auf Reisen in einem arabischen Land! Ich darf nämlich in die Wohnung. Männliche Gäste werden in einem extra Gästezimmer empfangen, das bei manchen Familien sogar eine eigene Eingangstür hat und damit ganz von der Wohnung abgetrennt ist. Weiter kommt man als Mann nicht. Ich dagegen darf sogar beim Kochen zuschauen und mithelfen und so das alltägliche Familienleben miterleben, kann aber trotzdem auch abends noch mit Freunden in einem Cafe sitzen – als einzige weibliche Person weit und breit. Dass Westler ein bisschen komisch sind, das weiß man hier. Auch meine roten Schuhe werden mir vergeben, die mich sonst als etwas leichtes Mädchen brandmarken würden, aber dass wir im Westen nicht so auf unsere Kleidung achten, dass weiß man ja aus dem Fernsehen – und übersieht es großzügig.
Bei einer Erkundungsfahrt in die Gegend um Irbid kommen wir durch Zufall an einer Hochzeit vorbei. Wir werden angehalten und eingeladen. Der Bruder der Braut bringt mich ins Haus zu den anderen Frauen - er scheucht sie alle zur Seite, bis sie einen Gang bilden, an dessen Ende die Braut sitzt. Vor lauter Aufregung vergesse ich natürlich, was 'Herzlichen Glückwunsch' auf Arabisch heißt, ich kann nur hoffen, dass sie zumindest so viel Englisch, bzw die Geste versteht. Kaum bin ich meinen Glückwunsch losgeworden zieht eine der Frauen mich auf die Seite, sie bedeutet mir, dass sie meine Hand mit Henna färben möchte, ob sie das dürfe. Englisch spricht hier keiner, aber mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Arabisch verständigen wir uns auch so. Was mich am meisten beeindruckt sind die kleinen Kinder: sie liegen in einer Ecke und schlafen - in dem gleichen Raum, in dem die Frauen feiern! Mal wird eins weggenommen, mal eins dazugelegt, aber ich höre keinen einzigen Schrei in der ganzen Zeit, die ich da bin. Wir werden wie Ehrengäste behandelt und auch noch für den nächsten Tag zum Essen eingeladen.
Umm Quais
Persönliche Meinung von vistas:
Nicht weit entfernt von Umm Quays, ein bisschen tiefer im Tal, liegt Al Himme. Das öffentliche Bad ist klein und ein bisschen alt, dafür aber herrlich warm und entspannend. Tagsüber gibt es getrennte Badestunden für Frauen und Männer, abends kann man es stundenweise für sich mieten – letzteres ist sehr empfehlenswert und nicht sehr teuer. Wenn man das Bad für sich mietet kann man es auch mit gemischten Gruppen benutzen.
Umm Quais, ursprünglich Gadara, ist eine der zehn Städte der Dekapolis, eines Zehnstädtebundes aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Es ist kleiner und die Ruinen weniger spektakulär als im weiter südlich gelegenen Jerash, zu dem alle Reisegruppen strömen. Aber wenn man auf der Terrasse des Restaurants steht liegen vor einem, auf der anderen Seite des Tals, die Golanhöhen, ein wenig nach links, im Tal unten der See Genezareth und nicht weit davon entfernt Nazareth - was für ein Ausblick! Alles wirkt so friedlich – die Golanhöhen fast langweilig, wie sie so braun und vertrocknet da liegen. Aber das Tal könnte man nicht lebend durchqueren – irgendwo dort unten, am Fluss Yarmouk, liegt die Grenze zu Israel. Als es dunkel wird kann man die Lichter der Militärpatrouillen sehen. Mir wird erst jetzt wirklich bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, im heutigen Europa zu leben – ohne Grenzen, an denen geschossen wird.
Apropos braun – noch nie habe ich so viele Brauntöne gesehen, wie im herbstlichen Jordanien. Alles ist ausgetrocknet, selbst die Blätter der Olivenbäume wirken vom vielen Staub braun. Als ich im Februar noch einmal hier her zurückkomme habe ich beinahe Probleme mir die braune Einöde wieder ins Gedächtnis zu rufen: überall wächst saftig grünes Gras, in dem Mohn und Anemonen leuchten, wie ich es noch nie gesehen habe – ein Fest der Farben.
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