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Reisebericht: Welcome to Cone-City
Reiseimpressionen: Christchurch zwei Jahre nach dem Erdbeben von 2011
Welcome to Cone-City
"Welcome to Cone-City" begrüßt uns der Taxifahrer mit dem mein Mann und ich vom Flughafen Christchurch in die Innenstadt zu unserem Bed + Breakfast fahren. Je weiter wir ins Zentrum kommen desto zahlreicher werden die Baustellen und die damit verbundenen rotweißen Markierungskegel der Straßenbauer. Cone-City - Kegelcity, jetzt verstehen wir was er meint.
Dass Christchurch vor zwei Jahren von einem Erdbeben der Stärke 6,8 heimgesucht wurde, wissen wir. In unseren Medien wurde es kurz erwähnt und bei vergleichsweise wenigen Toten - "nur" 185 - nahmen wir an, dass nach zwei Jahren das Gros der Schäden behoben sei. Doch wir haben uns verdacht. Wahrscheinlich weil wir keine Vorstellung davon hatten, dass ein Erdbeben nicht nur Häuser und damit Arbeitsplätze und Wohnraum sondern auch Straßen, Strom-, Gas-, und Wasserleitungen zerstört.
Unser schönes, aus Holz gebautes Hotel aus der Zeit Königin Viktorias, in dem wir vor vier Jahren einige Nächte verbrachten, konnten wir Ende 2012 auf Grund der Erdbebenschäden nicht buchen. So stand es im Internet. Wir dachten es würde renoviert.
So sieht der Platz, an dem das Hotel stand, heute aus. Ein Schotterplatz. Das Hotel ist verschwunden, einfach weg. Darauf waren wir nicht vorbereitet.
Wir übernachten nur 200 m entfernt in einem ebenso alten hübschen Holzhaus, dem Orari B+B. Das Haus wurde 1869 aus dem harten Holz des Kauribaumes gebaut. Es wurde zwar auch von dem Erdbeben in Mitleidenschaft gezogen, aber die Grundkonstruktion erlitt keinen Schaden und nach drei Monaten konnten wieder Gäste aufgenommen werden. Übernachtungen in Bed und Breakfast Unterkünften gehören in Neuseeland zu den oberen Preisklassen. Diese Unterkünfte haben meist große Zimmer, breite Betten, hervorragenden Service und einen Garten. So auch das Orari. Für den Start nach 30 Stunden Flugreise und 12 Stunden Zeitverschiebung ist dies eine wunderbares Refugium. Das Orari ist eines der ganz wenigen Gebäude, die in der Innenstadt stehen blieben.
Insgesamt gab es in Christchurch einst 6500 Betten - heute - im Februar 2013 gibt es nur noch ein Drittel.
Direkt gegenüber befindet sich das Gebäude der Art Gallery ( Foto von 2009). Der Bau aus Stahl und Glas hat das Erdbeben vergleichsweise gut überstanden. Hier wurde zunächst die Einsatzzentrale für die Ersthelfer eingerichtet. Doch bei näherer Inspektion stellten Statiker fest, dass die Struktur nicht zu hundert Prozent intakt und damit sicher ist . Es wurde bis auf Weiteres geschlossen. So ist es vielen Häusern ergangen. Äußerlich sehen sie gut aus und doch wurden sie so stark durchgerüttelt, dass sie heute unbewohnbar sind.
Wir laufen Richtung Zentrum der Innenstadt, dort wo Geschäfte, Banken, Restaurants, Kunsthandwerkermärkte und die Kathedrale standen. Manche Straßenseiten sind intakt während auf der gegenüberliegenden Seite die Häuser verschlossen oder bereits abgerissen sind. Es gibt viele Parkplätze und Brachland - die Studentenkneipe in der wir damals preisgünstig und lecker aßen ist weg.
Dann ist Schluss. Wir stehen vor einem Zaun der quer über die Straße geht. So hoch, dass ich nicht mal darüber fotografieren kann. Dahinter sehen wir zerstörte Häuser, leere Straßen, Staub. Eine Abrissbirne schwingt donnernd gegen eine Mauer. An einer Litfaßsäule flattern zerrissene Plakate im Wind.
Die Kathedrale; so hatten wir sie in Erinnerung. Die Turmspitze war im Laufe der Jahrzehnte schon erneuert und mit einer Stahlkappe versehen worden, da sie bei einem früheren Erdbeben eingestürzt war.
So sehen wir die Kirche heute. Der Turm ist komplett eingestürzt, einzig das Eingangsportal ist noch erkennbar - wenn man es weiß. Die Kathedrale wird wohl abgerissen und nicht wieder aufgebaut.
Wir sind schockiert, deprimiert, desorientiert. Wir wissen nicht wohin wir gehen sollen. Wie manch anderer Tourist. Im Innenstadtbereich wurden daher spezielle Tafeln aufgestellt, zusätzlich gibt es kleine Faltpläne.
Drei von vier Häusern in der Innenstadt werden abgerissen, erzählt unsere Wirtin. 8-10 Jahre wird der Wiederaufbau wohl noch dauern.
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Gratuliere Dir Astrid, sehr interessanter Bericht zu den Umständen nach dem großen Beben. Ich bin sehr froh und glücklich, dass ich noch alles im Originalzustand sehen und erleben durfte. Auch der Flug zum Milford-Sound ist mir noch in bester Erinnerung. Ich habe den Beitrag öfters gelesen um ja nichts zu übersehen. War richtig spannend. Viele werden sich hier einlesen, zum Leben am "anderen Ende" der Welt.
lg Harald -
Liebe Astrid,
welch ein beeindruckendes Bild einer Stadt, die urplötzlich nicht mehr die "alte" ist. Mit Bild und Text bringst Du mir die Situation näher als alle Medienberichte, die ich bisher über Christchurch nach den Beben gelesen und gesehen habe. -
Danke für diesen Bericht, der sehr nachdenklich stimmt. Natürlich kann ich mich noch sehr gut an die Fernsehbilder erinnern, die es s.Zt. nach diesem verheerenden Beben gab. Wie Du hier die Situation vor Ort zwei Jahre danach beschreibst, das kann man sonst wo nirgendwo so detailiert erfahren.
LG Ursula -
Irgendwie denkt man vielleicht an das Erdbeben, an die vielfältigen und lang nachwirkenden Schäden aber eher nicht. Deshalb finde ich Deinen Bericht besonders spannend und auch so wichtig. Informativ und sehr eindrucksvoll, gerade auch die Gegenüberstellung von früher und heute. Sehr beeindruckend, Danke, Astrid.
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Hallo Astrid, danke für Deine Info. Traurig und faszinierend zugleich. Wie nehmen denn die Neuseeländer diese Katastrophe? So wie wir die Kiwis kennengelernt haben, hoffentlich nicht zu schwer und mit einem positiven Blick nach vorne. LG Florian
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Hallo Florian, die Neuseeländer mit denen wir gesprochen haben, nahmen es mit Humor, aber es könnte auch bei einigen überspielte Traurigkeit gewesen sein. Doch gerade die Jungen versuchen mit Witz, Phantasie und Farbe Leben und Neues in die City zu bringen und das gelingt ihnen sehr gut. Es gibt einfach noch schrecklich viel zu tun und eine ganze Innenstadt neu aufzubauen verschlingt natürlich auch große Summen an Geld. Alles in allem empfanden wir die Stimmung als sehr positiv.
LG Astrid -
Ich bin geschockt! "Sehr froh und glücklich" zu sein, dass man Christchurch noch vor dem Erdbeben gesehen hat, ohne auch nur einen Gedanken an die Bewohner zu verschwenden, das ist in meinen Augen übelster Tourismus. Bei dem es ums Sehenswürdigkeiten-Abhaken geht, und die Menschen vor Ort nur lästiges Beiwerk sind.
Dir vielen Dank für diesen informativen und einfühlsamen Bericht, liebe Astrid!
LG Beate
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