Reisebericht

Reisebericht: Seemannsgarn

 
 
 
 
 
Reisebericht: Seemannsgarn

Ein typisch melanesischer Tagtraum. Im Schatten einer Palme geträumt in der Lamen-Bucht auf Epi island (Vanuatu). 2006

Man will ja nicht nur die Realitäten des Reisens beschreiben...

 
 
 
 
 

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Es war ein typischer Sonntag in Melanesien. Es regnete, Wind peitschte die Palmenblätter, nasse Kinder spielten am schwarzen Strand mit Kokosnüssen Fussball. Zeit zu gehen. Der Anker war am rutschen.

Ich setzte das Grossegel, hievte den Anker an Bord, Sandy steuerte, unsere Kinder bauten in der Kabine ein Legoboot. Ein typischer Sonntag in Melanesien. Die Kirchenglocken bimmelten und alle Leute gingen heim, scharrten den Erdofen auf und holten ihr Laplap raus, das sie mit den Fingern assen. Und schauten uns vom nahen Land zu, wie wir versuchten, von hier fort zu kommen. Wie Sandy angestrengt das Steuerruder nach Backbord stemmte, um Wind in die Segel zu kriegen. Wie ich am Bug stand und abwechslungsweise in das dunkle Wasser vor mir und das weisse Segel über mir starrte. Warum kam keine Fahrt ins Schiff. Warum blieb es stehen wie angewurzelt? Angewurzelte Schiffe sind eher selten….

Es ging eine Weile und bedurfte ausgiebiger Überlegungen, als auch Versuchen, mit dem Wind von der anderen – unlogischen – Seite fort zukommen, bis unser Segelschiff endlich Fahrt aufnahm. Das Wasser um unser Schiff war tief, dunkel und schimmerte matt im Regen. Woran es lag, dass ein feines Ächzen durch den Rumpf hörbar war, wussten wir nicht, aber es kümmerte uns weniger, als die Frage, warum wir nicht fähig waren, nach Süden zu steuern. Unserem Ziel entgegen. Der Ankerbucht südlich von Kap Delfin.

Nach mehreren Rundgängen um unser Deck, fiel mir plötzlich eine Leine auf, die hinten an den Achterkorb geknotet war und an die ich mich nicht erinnern konnte. Auch Sandy wusste nichts von diesem schwarzen, feinen Tau, das in bester Seemannsmanier mit einem Palstek an unser Schiff gebunden war. Als ich es mit der Hand packte, glaubte ich ein feines Prickeln zu spüren, wie von einem elektrischen Strom, das aber nicht unangenehm war. Es weckte mich! In meinem Tiefschlaf als Mensch. Auch Sandy hatte dieses prickelnde Gefühl und lachte laut heraus. Unsere Kinder waren immer noch am Bauen ihres Legobootes.

Bevor ich die Leine losband, die offensichtlich einen hindernden Einfluss auf das Fortkommen unseres Schiffes hatte, gedachte ich noch, daran zu ziehen. Ich wähnte ein Krabbenkorb am anderen Ende der Leine, den ein Kanake bei uns befestigt haben mochte, weil ihm gerade danach der Sinn stand. Die Kanaken sind ein rätselhaftes Volk. Mich wunderte eigentlich nichts mehr. Ich stand am Heck, zog an dieser dünnen, schwarzen Leine – und war auf alles gefasst, was aus dem Meer auftauchen möge. Fast alles! Sandy stand neben mir und ebenso wie meines, wurde auch ihr Gesicht immer länger, je länger ich an der Leine zog. Um genau zu sein, bis ich einen müden Arm bekam. Dann machte Sandy weiter. Dann wieder ich.

Es war am Nachmittag dieses typisch Melanesischen Sonntages, dass wir weit vor der Küste immer noch daran waren, eine Leine hochzuziehen, die unsere Kinder ordentlich aufrollten und im Bug verstauten. Statt von Hand zogen wir immer öfter mit der elektrischen Winde, da unsere Arme lahm wurden. Und dies, obwohl das feine, schwarze, geflochtene Tau zunehmend dünner wurde, eine rötliche Farbe annahm und den interessantesten Geruch in sich trug, der mir je in die Nase gekommen war. Es war zum Kinderspiel geworden, diesen roten Faden an Deck zu ziehen, sofern man sich daran hielt, der Richtung zu folgen, die der Faden im Wasser vorgab. Und diese Richtung war meistens Norden. Aber die schiere Menge, die Distanz dieses roten Fadens, den wir an Bord zogen und aufrollten, machte die ganze Angelegenheit reichlich anstrengend.

Auf die Idee, eine Schere zu suchen, kamen wir nicht. Im Gegenteil spornte uns jede Seemeile zusätzlichen Fadens an, weiter zu ziehen, in steigender Erwartung, was am anderen Ende sein möge. Als es Nacht wurde, hörten wir vor Erschöpfung auf und merkten dabei, dass unser Schiff wie vor einem Anker lag. Der Faden schien zwar immer dünner geworden zu sein, aber verlor nichts an Robustheit. Beruhigt legten wir uns schlafen.

Am anderen Morgen konnten wir eine kleine Insel vor uns sehen. Sie war flach und schien bewohnt. Man sah feine Rauchschwaden zwischen den Palmen in den Himmel aufsteigen, der blau und wolkenlos war. Wir machten uns an unser neues Tagwerk und wickelten weiter. Kamen langsam näher. Konnten bald die Feuer riechen. Sahen Menschen, Kinder, hörten sie lachen.

Mit einer Rolle roten Fadens ruderte ich im Beiboot an Land, darauf achtend, ihn nicht abzureissen, denn immer noch war kein Ende in Sicht. Ein paar junge Melanesier halfen mir das Beiboot den Strand hoch zu ziehen. Den Strand, in dem der Faden weiter ging. Verwundert schaute mir bald das halbe Dorf zu, wie ich quer über ihre kleine Insel einen roten Faden aus dem Sand zu ziehen vermochte. Auch Sandy und die Kinder waren inzwischen an Land geschwommen und liessen sich von ein paar Frauen das hübsche, kleine Dorf zeigen. Als ich gewahr wurde, dass der rote Faden wieder in das Meer verschwand, bat ich einen Kanaken um seine Machete und versuchte den Faden durchzuschneiden. Was aber nicht ging. Er war härter als Stahl, zäher als Kevlar und roter als Blut.

Es erschien mir nicht anders als fair, die Rolle roten Fadens den Insulanern zu schenken. Ich fuhr fünf Mal im Beiboot hin und her, bis ich alles an Land gebracht hatte, was uns das Meer geschenkt hatte. Alles war immer noch an einem Stück und die letzte Rolle war die schwerste, denn sie war aus dem etwas dickeren, schwarzen Tau, das den Anfang bildete. Oder das Ende. So genau wusste ich es nicht… Es war dieses seltsame, hochfeste Fischertau, das die koreanischen Thunfischer in Pago Pago unter der Hand verkauften, um ihre Heuer aufzubessern. Ich kannte es gut, aber doch war mir vieles eher unklar, in Bezug auf den Berg an feinem und feinstem Tau, der am Strand der Insel lag und von den Einheimischen aufgeteilt wurde. Ohne, allerdings, dass es ihnen meines Wissens gelang, die Leinen zu zerschneiden. Vielleicht lag es ganz einfach daran, dass niemand auf der Insel ein scharfes Messer hatte.

Wir blieben eine Nacht unter den Bewohnern der Insel, liessen uns verköstigen mit Yams und Fisch, der in Kokosmilch mariniert war. Am nächsten Morgen segelten wir zur anderen Inselseite, liessen uns von einem Kanaken das feine Tau reichen, das er uns bis ins tiefe Wasser im Einbaum daher brachte. Wir winkten, die ganze Insel winkte, inklusive der Kokospalmen und unserer Segel. Gegen Mittag war die Insel im Süden von uns hinter dem Horizont verschwunden und wir wickelten und wickelten. Und wickelten.

Es hatte einen lauen Wind, nur selten unterbrochen von vereinzelten Regenwolken. Wir kamen gut voran. Wohin, das wussten wir nicht. Wir waren in einem Gebiet unterwegs, für das wir keine Karten mehr hatten. Nur der Globus, den wir Piran zu seinem sechsten Geburtstag geschenkt hatten, diente uns als vages Hilfsmittel der Navigation. Aber was heisst hier Navigation? Wir entwickelten ein Vertrauen in unseren roten Faden, der immer sichtbar vor uns im Meer lag. Wir hatten kaum Mühe mehr, ihn seemännisch in Buchten zu legen, damit auch grosse Strecken sauber an Deck - und wenn die Rollen zu gross wurden - im Bug verstaut werden konnten. Im Bug unseres Einmasters „Liberty“, das schon viele Jahrzehnte die Meere durchpflügt, auf der Suche nach neuen Dimensionen des Meeres.

Am nächsten Abend landeten wir wieder vor der Küste einer Insel, nur dass diese wesentlich grösser war, als die zuvor. Wir zogen uns geradezu an Land, aber auch hier hörte der Faden nicht auf. Einheimische aus den dahinter liegenden Bergen halfen uns, den Faden aus der dunklen Lavaerde zu befreien, dank der die Insel so grün und ansehnlich war. Wir kämpften uns durch Unterholz einen Hügel hoch, immer darauf bedacht, den Faden nicht zu verlieren, der hier immer wieder tief in die Erde verschwand, sodass wir ihn mit den Eingeborenen ausgraben mussten. Aber doch war alles nur ein Kinderspiel! Am Ende des Tages, an dem wir über eine Hügelkette geklettert waren, erreichten wir einen grösseren Ort, direkt an der Küste, wo der rote Faden durch den Garten des Dorfmagiers führte. Wir waren in Begleitung eines halben Dorfes, das eine andere Sprache sprach, als die des Ortes, in dem wir uns befanden. Seit Menschengedenken waren sie getrennt gewesen. Trotzdem wurden auch sie eingeladen, über Nacht zu bleiben.

Der Magier hatte keine genaue Erklärung über die Herkunft des Fadens. Erst Recht erstaunte ihn, dass er direkt hinter seinem Grashaus durchführte, ohne dass er dies je bemerkt hatte. Er musterte den Faden mit seinen faltigen Händen, roch daran, machte Anstalten, darauf zu beissen, liess aber davon ab. Als ich ihm sagte, dass der Faden nicht, oder eventuell nur unter grössten Anstrengungen zu zerschneiden ging, legte er ihn aus der Hand auf den Boden. Er schaute aufs Meer, Richtung Norden und begann ein Lied zu summen. Das Lied seiner Ahnen, wie mir Umstehende erklärten. Lächelnd ging er zurück in sein Haus.

Auch hier verschenkten wir unsere Ausbeute an Faden unter den Einheimischen. Sie wirkten etwas ratlos ob des kuriosen Geschenkes, das ihnen auch hier nicht gelang, in Teile zu schneiden. Wir wiederum waren ratlos, was wir sonst hätten machen können, mit der Ladung schönsten, roten Fadens, der vom Meer uns geschenkt war. Aber innerhalb aufkommender Ratlosigkeit verbarg sich die Faszination, dem Ursprung, der Quelle, dem Anfang auf die Spur zu kommen. Wir segelten anderntags zur nördlichen Inselseite, fischten den Faden aus dem Meer, den man dank des hellen Sandbodens gut sehen konnte und setzten unsere Reise fort.

Es dauerte Tage und unser Schiff war jetzt schwer beladen. Im Innern war jede Koje belegt mit dicken Ringen aus aufgewickeltem Faden, das WC war bis zur Decke voll, die Backkisten bekam man fast nicht mehr zu. An Deck konnte man kaum mehr laufen. Man kletterte nur noch von Fadenberg zu Fadenberg. Dabei war der Faden in der Zwischenzeit noch dünner geworden. Dünner, aber gleichzeitig roter. Ein rotes, fahles Licht war Nachts zu sehen, das das Innere unserer Kabine ausleuchtete. Piran und Luna gefiel das Ganze. Sie merkten nicht, dass wir kurz davor standen, allen Faden über Bord zu werfen, weil sonst unser Schiff sinken würde. Insbesondere, wenn sich das Wetter verschlechtern würde. Unseren Kindern war das nicht bewusst. Sie standen vorne am Bug und holten Faden ein, immer abwechselnd, mit nicht nachlassender Begeisterung, als wären sie unter Strom.

Noch 24 Stunden, und wenn kein Land kommt, wird dem Spuk ein Ende bereitet! nahmen Sandy und ich uns vor und legten uns über Nacht schlafen. Das Schiff lag wie vor Anker inmitten eines glasklaren, stillen Meeres. Es war Neumond und die Pracht der Sterne breitete sich über uns aus, wurde im Meer reflektiert und weckte den Eindruck, wir befänden uns mutterseelenallein in den Weiten des Weltalls. Ich musste tief geschlafen haben, als Sandy mich wachrüttelte. Die Nacht war fast vorbei. Im Osten wirkte der Himmel weniger dunkel. Unser Faden aber strahlte hellrot, fast weiss – und schmolz dahin wie Eis. Als ich an Deck ging, merkte ich, dass es nass war. Und kaum war ich wieder im Boot, fühlte ich, dass ich im Wasser stand. Sofort begann ich zu pumpen, Sandy holte einen Eimer und half mit.



 
 
 
 
 

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