Buenos Aires - La furia querida?

Reisebericht

Buenos Aires - La furia querida?

Reisebericht: Buenos Aires - La furia querida?

Buenos Aires ist eine Stadt der Gegensätze, anziehend und abschreckend zugleich, malerisch und trist, voller Musik und voller Verkehrslärm. Während meines Auslandssemesters in der argentinischen Hauptstadt lernte ich ihre unterschiedlichen Seiten kennen und möchte sie an dieser Stelle schildern.

Zu Buenos Aires kann einen fast nur Hass-Liebe verbinden. Buenos Aires ist eine Stadt mit zwei - oder doch tausend? - Gesichtern: Es ist "Mi Buenos Aires querido" ("Mein geliebtes Buenos Aires"), wie Carlos Gardel in seinem berühmten und melancholischen Tango singt. Und zugleich ist es "la ciudad de la furia" ("die Stadt der Raserei"), wie es in einem argentinischen Rocksong heißt ("En la ciudad de la furia", geschrieben von Gustavo Cerati, interpretiert von Soda Stereo).

Buenos Aires ist bettelarm und stinkreich, träge und leichtfüßig, knorrig-verwittert und jugendlich-strahlend, Sonnenschein und Gewitter, chaotischer Verkehr und zivilisiertes Schlangestehen, harter Rock und sanfte Tangoklänge… Buenos Aires ist eine Stadt der krassen Gegensätze.

Während meines fünfmonatigen Aufenthalts in der Hauptstadt Argentiniens habe diese Gegensätze kennengelernt. Ich habe mich vom einzigartigen Charme der Stadt verzaubern lassen, der einer Mischung aus Pariser Flair (Architektur!), südamerikanischer Nonchalance und seelenvollem Tango entspringt. In Buenos Aires lässt es sich leben. Es bietet eine Vielzahl an Restaurants und traditionellen Eckcafés, verspielte Art-Deco-Architektur und geradlinig-modernes Design, edle Einkaufszentren und gemütliche Trödelläden, Musicals und Tango-Konzerte, Touristenparadiese und portensische Ursprünglichkeit.

Doch Buenos Aires hat auch andere Seiten; wenn man es am wenigsten erwartet, konfrontiert einen die Stadt mit der grausen Realität. Zum Beispiel, wenn man vergnügt aus dem Busfenster schaut und plötzlich an einem ehemaligen Folterzentrum der letzten argentinischen Militärdiktatur (1976-83) vorbeifährt. Oder, wenn man von einem Theaterbesuch nach Hause fährt und ärmlich gekleidete Kinder am Straßenrand betteln. Oder, wenn man mit Einkaufstüten an einem der unzähligen cartoneros vorbeischlendert: Diese Müllsucher ziehen tagtäglich mit einem Lumpenwagen durch die Straßen der Stadt und durchsuchen die Mülltonnen nach Altpapier und anderen recyclebaren Abfällen.

Die porteños, die Einwohner von Buenos Aires selbst, sprechen gerne davon, dass ihre Stadt "una ciudad de locos", "eine Stadt von Verrückten" sei. Gerade wenn man Vormittags mit Bus oder Taxi das Zentrum passieren möchte oder sich am Spätnachmittag in den Feierabendverkehr wagt, wird man ihnen gerne zustimmen. Da geht nichts mehr vorwärts, aber gehupt wird wie irre und ganz Ungeduldige manövrieren ihr Gefährt mit Geschick in kaum vorhandene Lücken, während die vollgepfropften Busse ihre Türen nicht mehr schließen können, sodass der zuletzt Eingestiegene fast mehr außerhalb als innerhalb des Busses mitfährt. An anderen Tagen herrscht Verkehrschaos, weil - mal wieder - demonstriert wird oder die U-Bahn beschlossen hat zu streiken.

Doch so lebhaft, laut und energiegeladen die Stadt ist, man findet in ihr auch ruhigere Ecken, in denen man das quirlige Leben vorbeiziehen kann. Beispielsweise, wenn man in einem gemütlichen Café wie "El Hipopotamo" am Lezama-Park sitzt, die vorbeifahrenden Busse und die Spaziergänger durch das Fenster beobachtet und genüsslich am Milchkaffee nippt.

Die Widersprüchlichkeit der argentinischen Riesenmetropole spiegelt ein Song von Fito Paez und Joaquín Sabina sehr gut wieder: In "Buenos Aires" heißt es:

...
En Buenos Aires todo vuela, la alegría,
la anarquía, la bondad, la desesperación.
Y Buenos Aires es un bicho que camina,
ensortijado entre los sueños y la confusión.
En Buenos Aires descubrí que el día
hace la guerra, la noche el amor.
...

Auf Deutsch etwa:


Alles fliegt in Buenos Aires, die Freude,
die Anarchie, die Güte, die Verzweiflung.
Und Buenos Aires gleicht einem Insekt, das dahinwandert,
sich kringelnd zwischen Träumen und Wirrniss.
In Buenos Aires entdeckte ich, dass der Tag
den Krieg und die Nacht die Liebe praktiziert.
...



Avenida 9 de Julio


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Kommentare

  • traveltime

    Gut geschriebener Kurzbericht, der die Stadt schön schildert.
    Ich hatte die gleichen Eindrücke als ich BA besuchte.
    LG Rolf

  • Mercedes

    Beim Lesen dieser Kurzepisoden lächle ich und erinnere mich intensiv an meine Empfindungen beim Erkunden von Buenos Aires. Im Oktober war ich zum zweiten Mal dort, habe tagelang zu Fuß mit einem 360-Grad-Blick viel aufgesogen, viel entdeckt und bin traurig weitergezogen. Es ist ein sehr schöner Bericht.

  • Bluesfreundin (RP)

    Meine Erinnerungen an die Stadt sind schon älter, ich war 1970 und 1972 durch Besuche bei Verwandten dort. Ich erinnere mich gerne an die schönen Häuser, aber wir wohnten in einem Vorort und so war ich nicht ganz im Trubel....Herzlichen Dank für den gelungenen Bericht. LG Sigrid

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