Quer durch Mallorcas Bergwelt. Erschienen in: Unterwegs auf den schönsten Treks der Welt, 2008

Reisebericht

Quer durch Mallorcas Bergwelt. Erschienen in: Unterwegs auf den schönsten Treks der Welt, 2008

Reisebericht: Quer durch Mallorcas Bergwelt. Erschienen in: Unterwegs auf den schönsten Treks der Welt, 2008

Mallorca: außer Badestrand und Ballermann nix los? Fehlanzeige! Knapp zwei Flugstunden vom verschneiten Deutschland entfernt wartet auf den wintergeplagten Wanderer ein sprießender Weitwanderweg – der GR221. Also Stiefeln schnüren und ab in den Frühling, denn schon im Januar blühen die Mandelbäume und verwandeln die Berghänge in ein weiß-rosafarbenes Meer.

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Über Oliven-, Zitronen- und Orangenhaine des Sóller-Tales – von Mallorquinern Huerta „Obstgarten“ genannt – gelangen wir am Anfang des zweiten Trekkingtages nach Sóller. Abgeleitet von dem Wort Sulliar bedeutet der Stadtname Gold und bezieht sich auf das Olivenöl, das den Maurern ebensoviel wert war.

Für uns aber hat die Sonne den höchsten Wert – wir haben ja erst Februar. Und während in Deutschland wieder ein Orkansturm die Dächer abdeckt, sitzen wir auf dem mit Tischen und Stühlen vollgestellten Kirchplatz in der Sonne, schlürfen frisch gepressten Orangensaft und stauben die nach dem Winterschlaf zum Leben erweckte Sonnenbrille ab. Wir sind im Urlaub angelangt! Und gleich flanieren wir an den reich verzierten Jugendstilfassaden aus der Stadt heraus. Sobald man die Innenstadt verlässt, stößt man wieder auf die üppigen Orangenhaine: Über 200 000 Zitrusbäume gibt es auf der Insel, und man hat den Eindruck, dass die meisten von ihnen rund um Sóller wachsen. Richtung Nordosten säumen sie den Zugang zum alten Pilgerweg Camí d'es Barranc (Weg der Schlucht), der über die tief eingegrabene Schlucht Barranc de Biniaraix (Barranc heißt Schlucht) in die Berge der Serra de Tramuntana emporsteigt. Dieser 600 Jahre alte Pfad verband einst die Stadt mit Kloster Lluc. Unterwegs treffen wir auf das Dorf Biniaraix, das neben dem benachbarten Fornalutx zu den schönsten Dörfern Mallorcas gehört. Mit Blumen geschmückte Treppengassen, Kakteen, Palmen und Feigenbäume – das verwinkelte Nest verzaubert mit seinen liebevoll gezierten Hausfassaden und grünen Gärten. Der Weg passiert zunächst ein altes Waschhaus, in dem Frauen aus dem Dorf immer noch hin und wieder ihre Wäsche waschen. Natürlich hat dieses Gebäude gleichzeitig eine weitere, im Hinblick auf das Sozialleben des Dorfes viel wichtigere Funktion: Im Waschhaus werden Nachrichten, Neuigkeiten, Gerüchte ausgetauscht, die von hier aus weiter ins Dorf – ob erwünscht oder unerwünscht - getragen werden. Dahinter führen Hunderte Steinstufen in die Schlucht hinauf, links und rechts von unserem Wanderweg türmen sich Olivenbaumterrassen auf, die mit zunehmender Höhe und Steilheit immer kleiner werden. Und dann stürzt nur noch eine glatte Wand in die Tiefe, die Schlucht verengt sich, unser Pfad klettert nun zügig nach oben. Er führt in Dutzenden Kehren zum Kessel de Biniaraix und erreicht damit das Herzstück der Serra de Tramuntana. „Sie sind wie große Wellen, die die Erde, von unermesslichem Sehnen ergriffen auftürmt bis hoch in den grenzlosen Raum“ schrieb einst der mallorquinische Dichter Miguel Costa I Llobera über die schroffe Gipfelwelt und gibt damit auch eine Kurzfassung ihrer geologischen Entstehung. Durch das Aufeinanderprallen der tektonischen Platten aufgefaltet, gilt das Gebirge als die Verlängerung der Kordilleren Südspaniens und mit einem Alter von 20 Mio. Jahren als einer der jüngsten Gebirgszüge Europas. Wind und vor allem Regen formten im Laufe der Jahrhunderte die bis zu 90 % aus Kalkgestein bestehenden Felsen, verwandelten sie in fabelhafte Gestalten wie das 'Kamel' bei Kloster Lluc.

Die wilde Karstlandschaft begleitet uns bis auf den Gipfel des L’Ofre (1090 m). Am L’Ofre Pass picknicken wir eine Weile und bewundern die grandiose Aussicht, die bis zum Cuber See unten im Tal reicht. Als eine noch schönere Panoramakanzel gilt der L’Ofre, dessen Gipfel auf einem recht steilen aber malerischen Bergpfad zu erreichen ist. Ein breiter Waldweg führt aber zunächst um den Berg herum und wir müssen aufmerksam sein, um den Abzweig zum Gipfel nicht zu verpassen. Ein schmaler Pfad schlängelt sich dann immer steiler zwischen den Felsen – kurz vor dem Gipfel ist man ausschließlich im Felsgelände unterwegs. Oben treffen wir einige Spanier, die das schöne Februarwetter für eine Samstagstour nutzen. Sie bitten mich um ein Gruppenfoto – fünf Kameras, fünf lächelnde Mallorquiner, die sich wahrscheinlich schon zum hundertsten Mal hier ablichten lassen. Als sie absteigen, haben wir die spektakuläre Aussicht nur für uns allein. Und diese reicht von der Palma-Bucht bis hin zu den höchsten Gipfeln der Tramuntana im Norden der Insel. Will man einige davon besteigen, hat man zwischen dem L’Ofre und Massanella ein breites und zum Teil auch recht steiles Betätigungsfeld. Zunächst aber steigen wir zum Ufer des Cuber Stausees ab, der gemeinsam mit dem weiter nördlich gelegenen Gorg Blau See seit 1972 Palma mit Trinkwasser versorgt. Da es in den Bergen der Tramuntana vor allem im Winter häufig Niederschläge gibt, wird ein Teil des abfließenden Wassers in den Seen gestaut. Und weil das Tiefbrunnenwasser in Palma (aber auch in anderen Orten) salzig und kalkhaltig ist, wird dieses mit dem hochwertigeren Bergwasser der beiden Staubecken gemischt, um die Qualität des Trinkwassers zu verbessern. Das meiste davon wird dann von der Landwirtschaft verbraucht (ca. 75 %) und nicht von den Touristen (nur ca. 10 %), wie häufig angenommen wird. Nach einer kurzen Pause am Seeufer machen wir uns weiter auf den Weg. Für die heutige Übernachtung haben wir uns die Wiesen bei der Tossals-Verds-Hütte ausgesucht, die wir durch den Torrent d’Almendra (die Mandelschlucht) erreichen. Dieser abenteuerliche Pfad hat es in sich: Beim Stirnlampenlicht wandern wir durch fünf Tunnel, die man ursprünglich für eine Wasserleitung bohrte. Die Tunnel sind teilweise niedrig, der Boden uneben, so dass die Mitnahme einer Taschenlampe wärmstens empfohlen wird! Die letzten zwei kann man links außen umgehen, und das lohnt sich. Denn hier offenbart sich uns die ursprüngliche Schönheit Mallorcas: Ein ausgesetzter Pfad schlängelt sich durch die einsame Bergwelt, die grandiosen Ausblicke in die Tiefe der Schlucht Torrent d’Almendra rauben uns wortwörtlich den Atem!



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Kommentare

  • desertflower

    4 Sterne und einen für das Zitat von Miguel Costa I Llobera - wunderbar!
    LG Resi

  • mamaildi

    Wie viele andere deiner Reiseberichte macht auch dieser wieder unbändige Lust, sofort die Trekkingstiefel zu schnüren :-)))

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