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Reisebericht: Die Guyanas und Brasilien
Eine Reise mit Hindernissen
- Suriname - Hin- und unfreiwillig wieder zurück.
- Eine Nacht in Nickerie
- Georgetown, Guyana
- Das letzte Abenteuer Südamerikas
- Auf Umwegen nach Paramaribo
- Eine Velotour in Suriname
- Zu Gast in der EU: Cayenne
- Vogelschwärme über Oiapoque
- Asphalt durch den Regenwald
- Sonntags in Macapa
- Belem
- Ein Bad im Fluss - Ilha do Mosqueiro
- Über den Wolken des Amazonas
- Garstiges Manaus
- Am Madeira in Porto Velho
- Zerstörter Wald: Porto Velho-Cuiaba
- In der Stadt der Famer: Cuiaba
- Von und nach Brasilia - die Nase zuhaltend.
- Langfinger in Salvador de Bahia
- Einsam in Morro de Sao Paulo
- Scheidungskrieg in Itacaré
- Belo Horizonte
- Anmache auf brasilianisch - Ouro Preto
Suriname - Hin- und unfreiwillig wieder zurück.
So hatte ich mir die Reise nach Suriname nicht vorgestellt. Dabei fing alles so gut an. Naja, wie man es nimmt. In Georgetown wurde ich um 7:30 Uhr vom Besitzer des Ennis Guesthouse geweckt. Er war schon am Tag zuvor reichlich seltsam. Ich trat in das Guesthouse ein, er nannte mir den Preis und brachte mich auf das Zimmer. Kaum eingerichtet, soll es doch ein anderes Zimmer sein, also zügeln. Nun hat sich aber der Preis geändert, denn dieses Zimmer ist teurer als das erste, der Preis sei aber halt schon abgemacht, meint er und ergänzt, dass es gut sei für diese Nacht, aber morgen müsse ich gehen, denn ich könne nicht in einem Zimmer bleiben, das mehr koste, als ich bezahle. Zum Schluss gibt er mir den Schlüssel der Eingangstüre zum Gästehaus, den er mir ein paar Minuten später wieder abnimmt um ihn mir eine Stunde später wieder zu geben. Als ich das Guesthouse verlasse, will er ihn doch wieder zurück. Er bleibe wach, bis ich zurückkomme, verspricht er mir.
Offensichtlich bin ich der einzige Gast und nicht willkommen. So klopft er am nächsten Morgen ziemlich früh an meine Tür. Er müsse fort und daher müsse ich auch gehen, wegen dem Schlüssel und so. So kommt es, dass ich gegen halb acht auf dem kleinen Minibus-Parkplatz der Hauptstadt von Guyana bin. Von hier fahren auch die "shared Taxis" ab. Sie sind etwas teurer als die Minibusse, dafür schneller und sie bieten mehr Platz. Sofort werde ich umringt von Fahrern, die natürlich alle noch genau einen Passagier brauchen. Eigentlich gehe ich davon aus, dass es zu spät ist, um die tägliche Fähre nach Suriname noch zu erreichen, deshalb will ich erst einmal Richtung Osten und irgendwo unterwegs, zum Beispiel in Corriverton, eine Nacht einlegen. Ein Fahrer versichert mir aber, mich rechtzeitig zum Fährhafen zu bringen, ja, es sei kein Problem, die 11 Uhr Fähre zu erwischen. Seltsam. Die direkten Busse nach Paramaribo verliessen Georgetown bereits um vier Uhr morgens und es gibt nur eine Fähre pro Tag nach Suriname, die um 11 Uhr ablegt. Ich sage etwas verwirrt zu, wir warten noch auf drei andere Passagiere, was rund eine Stunde dauert, dann geht es los.
Schnell wird mir klar, warum er sich sicher ist, dass ich die Fähre noch erreichen kann. Er drückt den Pinsel durch und mit mind. 140 Sachen (dort endet der Tacho) rasen wir Richtung Osten, vorbei an Autowracks, Kühen und sonstigen Hindernissen, über die Brücke, die sich über den gewaltigen Fluss Berbice erstreckt - die Fähre gibt es also nicht mehr - und tatsächlich: Um 10:30 Uhr erreichen wir Moleson Creek: Von hier legt die Fähre nach Suriname ab.
In Guyana ist alles überraschend unkompliziert. Der Kauf des Billets dauert wenige Minuten, danach bestätigt mir eine Liste, dass Schweizer Bürger für Suriname kein Visum brauchen. Der Zoll ist wie immer in Guyana sehr freundlich und speditiv. Der Zöllner allerdings bemerkt, dass ich kein Visum für Suriname habe. Egal, ich brauche ja keins. Hab mich ja extra noch bei der Surinamischen Botschaft erkundigt. Sein "are you sure" quittiere ich mit einem Lächeln.
Nun fehlt nur noch die Fähre, welche uns über diesen breiten Corantjin-Fluss bringen wird. Drei Minibusse, welche die Strecke von Georgetown nach Paramaribo befahren, warten ebenfalls am Hafen und bieten mir eine Mitfahrgelegenheit an. Heute ist wirklich ein toller Tag.
Kurz vor elf Uhr legt ein altes, einfaches Fährschiff an. Wir gehen an Bord - es hat zahlreiche andere Passagiere - danach werden uns die Einreisepapiere für Suriname verteilt. Allerdings scheint in diesem Teil der Welt die Analphabetenrate hoch zu sein. Dementsprechend überfordern diese Papiere meine Mitreisenden und so besteht mein Job nun darin, den netten Mitreisenden die Zollpapiere auszufüllen.
Nach ein paar kurzen Wolkenbrüchen erreichen wir South Drain, Suriname. Es ist lediglich eine Anlegestelle mit einem Zollgebäude. Keine Stadt, kein Dorf, kein Hotel, kein Restaurant, ich sehe lediglich einen Zöllner und wenige Hafenmitarbeiter. Die Passagiere gehen in Position. Kaum wird die Absperrschranke angehoben, sprinten sie zum Zollgebäude hoch. Gut gelaunt folge ich ihnen. Der einzige Zöllner oben im kleinen Hafengebäude macht seine Arbeit äusserst gewissenhaft. Suriname nimmt es keineswegs so locker wie Guyana.
Bald bin ich der letzte in der Reihe. Irgendwie haben es fast alle geschafft, sich mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit sich vor mich zu drängen. Nach rund 60min bin nun ich beim Zöllner und aus Erstaunen wird Entsetzen. Fragt mich der Zöllner doch, wieso ich kein Visum hätte! Ich ärgere mich über seine Unkenntnis und zeige ihm das Mail der Surinamischen Botschaft welches den visumfreien Zugang bestätigt. Der Zöllner lässt sich aber nicht beirren und schüttelt nur den Kopf und fragt mich erneut, warum ich mir denn kein Visum beschafft hätte. Dann telefoniert er seinem Vorgesetzten und aus Sorge wird Gewissheit: Ohne Visum keine Einreise! Die Visumspflicht sei vor fünf Tagen auf Schweizer Bürger ausgedehnt worden, da könne er halt nichts machen. Der Zöllner hat seine Arbeit im Griff, ist eigentlich recht symphatisch. Mich hingegen befällt eine tiefe Apathie. Da steh ich nun und kann nicht weiter. Doch auch der Zöllner wirkt ratlos, wie ich bemerke, denn normalerweise lässt Guyana Reisende ohne korrekte Papiere gar nicht erst ausreisen. Sein (und mein) Problem besteht darin, dass die nächste Fähre erst morgen nach Guyana zurückfährt. Ich bin also sozusagen im Niemandsland zwischen Guyana und Suriname gefangen und der Zöllner hat Angst, dass ich untertauchen könnte. Aber wohin will ich den gehen ohne Pass? Den hat er nämlich eingezogen und rückt ihn nicht mehr raus. In South Drain gibt es weder Hotel noch sonstwas und sobald die Formalitäten erledigt sind, wird das Hafengebäude abgeschlossen und alle verlassen das Gelände.
Da stehen wir also. Ich der Zöllner und drei weitere Passagiere. Sie standen in der Reihe hinter mir, doch der Zöllner ist derart mit meinem Fall beschäftigt, dass er sie warten lässt. Ein Surinamer mit einer Sportkappe, nennen wir ihn Joe, scheint sich mit ihm zu beraten. Dann muss ich mich hinsetzen und die restlichen Reisenden dürfen den Zoll passieren. Offenbar haben Joe und der Zöllner eine Lösung gefunden. Ich werde zum Parkplatz begleitet, dort steht das Auto von Joe, der sich hinter das Steuer setzt, der Zöllner nimmt auf dem Beifahrersitz platz. Ich sitze in der hinteren Reihe. Offensichtlich hat der Zoll keine Einsatzfahrzeuge. Es geht nun offenbar in die nächste Stadt: Nieuw Nickerie, rund 1,5 h Fahrt entfernt.
Eine Nacht in Nickerie
In Nieuw Nickerie halten wir vor einem wunderschönen Kolonialhaus aus Holz, offenbar die Zentrale des Grenzschutzes. Ich muss mit dem Zöllner da hinein, Joe bleibt draussen im Auto. Im Gebäude sind sie alle so richtig am "arbeiten". Der Zöllner weckt den Chef, der sich darüber etwas ärgert, die anderen schlafen weiter. Zig Formulare werden ausgefüllt, Telefonate geführt, Suriname ist ein Bürokratiemonster. Mein Zöllner scheint bei all den Formularen voll den Durchblick zu haben. Dann bekomme ich eine Quittung für den eingezogenen Pass. Als der ganze Formularkram erledigt ist, geht es wieder ins Auto, diesmal fahren wir zur Polizeistation. Mir dämmert langsam, was die vorhaben. Wer kann von sich schon behaupten, eine Nacht in einem Knast in Suriname verbracht zu haben, doch soweit kommt dann doch nicht. Der Zöllner steigt aus und ich bin nun mit Joe alleine im Auto. Irgendwie mag ich Joe nicht. Er ist ein grauenhafter Selbstdarsteller, aber offenbar meint er es gut mit mir. Ich kann nun Geld wechseln, danach will er seinen Anteil. Dreissig Suriname Dollar koste die Fahrt von South Drain nach Nickerie, was ich doch reichlich viel finde ich und vor allem seltsam. Wer bezahlt schon für seine "Verhaftung". Selbstverständlich reiche ich ihm dei Scheine anstandslos. Ich darf das Hotel wählen, in dem ich übernachten muss und so wähle ich das Hotel Concorde. Joe belehrt den Rezeptionisten, dass ich erst auschecken darf, wenn er mich morgen abholen kommt. Mir scheint es, dass Joe die Verantwortung für mich übernommen hat, wie er mir später bestätigt. Der Zöllner fand die Lösung Hotel nämlich nicht so gut, er sorgt sich, dass ich untertauchen könnte. Ich habe jetzt volle Bewegungsfreiheit in der Stadt, was ich sehr nett finde. Später sehe ich Joe auf dem Busparkplatz. Offenbar geht er auf Nummer sicher. Selbstverständlich denke ich nicht im Traum daran, in einen Bus Richtung Paramaribo einzusteigen.
Nickerie besteht aus vielen schönen Häusern aus Holz, nur im Zentrum gibt es eine massivere Bauweise. In der Post gibt es sogar ein Internet. Besonders viel zu sehen gibt es hier nicht, es scheint ein verschlafenes Nest zu sein. Immerhin am Samstagabend sind einige Leute unterwegs. Der Ausgang scheint vor allem darin zu bestehen, um die Blöcke herumzulaufen. Die Menschen hier sind fast alle indischer Abstammung, dementsprechend schön sind die Frauen. Meine Gedanken kreisen nun um den morgigen Tag. Ich bin so nahe an Paramaribo und hätte es so gerne gesehen. Wie solles nun weitergehen? Zurück in Georgetown ein Visum holen? Zurück nach Manaus? Flugzeug?
Am nächsten Morgen wartet Joe bereits in der Rezeption meines Hotels. Danach muss ich mich ins Auto setzen. Er wartet noch darauf, ob allenfalls noch weitere Menschen zur Fähre wollen. Also liegt er mit einer Sonnenbrille auf der Kühlerhaube. Er ist schon ein ziemlicher Selbstdarsteller. Offenbar will keiner mitfahren, schliesslich gibt es auch einen viel billigeren Shuttle-Bus. Wir fahren los und Joe verlangt wieder 30 Suriname-Dollar. Ich gebe sie ihm zögerlich, er missversteht meine schlechte Laune und ist nun in seinem Stolz zutiefst verletzt. Er sagt nur noch einen Satz: You know, der Zöllner hätte mich in den Knast gesteckt, nur dank ihm hätte ich in das Hotel gekonnt und er würde nie bescheissen. Ich weiss, dass er recht hat, aber er muss auch verstehen, dass ich bei meiner Abschiebung nicht um die Wette strahle. Er ist aber derart tief verletzt, dass er mit mir kein Wort mehr wechselt. Er erwidert auch meinen Abschiedsgruss nicht.
In Suriname geht alles sehr langsam und bürokratisch zu und her, so auch der Ticketverkauf für die Fähre. Beim Zoll bekomme ich meinen Pass zurück. Joe öffnet das Tor zur Fähre und kontrolliert die Fahrkarten. Als ich an der Reihe bin, würdigt er mich keines Blickes. Auf der Fähre fülle ich für meine Mitpassagiere die Einreisepapiere für Suriname aus. Als die Fähre in Moleson Creek ankommt, gibt es wieder ein Wettrennen zum Zoll. In Guyana geht aber alles sehr speditiv. Mit einem Minibus geht es zurück nach Georgetown. Hier bin ich wieder. Wie weiter?
Georgetown, Guyana
Da bin ich wieder Georgetown. Diesmal steige ich im Hotel Tropicana ab. Es ist ein nettes Hotel und die Bar im Eingangsbereich ein beliebter Treffpunkt. Von hier fahren auch die Busse nach Lethem ab. Nur am Wochenende ist es hier sehr laut, weil dann die hausinterne Karaoke-Bar nicht schliessen will. Das junge Personal bleibt ziemlich reserviert und unpersönlich.
Eigentlich mag ich Georgetown. Hier geht immer irgendetwas, die Stadt lebt und vibriert und ich finde sie recht hübsch. Das Problem ist die Sicherheit. Natürlich kümmere ich mich nicht um die Warnungen und laufe stets zu Fuss bei Tag und Nacht, vermeide aber dunkle Ecken oder Parkanlagen. In Georgetwon gibt es viele Obdachlose und vorallem wimmelt es hier von Schusswaffen, die man hier problemlos und überall erwerben kann und mit denen hin und wieder ein unvorsichtiger Tourist um sen Geld erleichtert wird. Am Abend ist immer irgendwo etwas los, ich bleibe aber vorsichtig und betrete nur Kneipen, die mir sicher erscheinen, also beispielsweise Metalldetektoren am Eingang haben. Vielleicht bin ich etwas paranoid geworden, aber die steten Warnungen, die mich hier begleiten, mahnen mich zur Vorsicht. Dreimal geriet ich in unangenehme Situationen. Ich habe aber keine Ahnung, ob ich wirklich in Gefahr gewesen bin.
Das letzte Abenteuer Südamerikas
Ich sitze im Oasis-Cafe und lese die Zeitung, Da wird einem schon fast schlecht. Ein Verkehrsunfall nach dem anderen, dort Schiessereien und hier. Ausserhalb der Hauptstadt scheint es wirklich unangenehm zu und herzugehen. Ich erinnere mich zurück an die Fahrt von Lethem nach Georgetown. In meinem ziemlich veralteten Reiseführer wird die Strecke als "letztes Abenteuer in Südamerika" bezeichnet. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Auf einer roterdigen, guten Piste fuhr der Bus durch die Steppe. Allerdings dürften bei heftigem Regen die Steigungen im Dschungel nicht zu passieren sein. Daher fällt die Busverbindung hin und wieder auch aus.
In der Ferne waren die ersten Hügelketten zu sehen. Der Dschungel wurde mit der Zeit immer dichter, bald war rund um uns herum nur noch Wald. Dazwischen wurde noch auf einer einfachen Fähre der Essequibo-River überquert. Och wie war diese Fahrt schön. Plötzlich riss der Wald auf und die Strasse führte durch ein Holzfällerlager. Der Weg führte nun über offenes Gelände. Im Bus neben mir stieg irgendwo unterwegs ein Polizist ein und belgeitete den Bus. Er setzte sich neben mich und zeigte unentwegs auf Tiere, die am Wegrand zu sehen hätten sein können. Sein flinkes Auge war mir zu schnell. Ich sah jeweils nur grünen Blätterwald. Ich fragte den Polizisten, ob Guyana eigentlich gefährlich sei. Er winkte ab. Es gäbe halt überall schlechte Menschen. Danach zeigte er mir seine schrecklichen Schusswunden, die er sich eingefangen hatte, als er einen Gefängnisausbruch verhindern wollte. In Linden, die erste grosse Siedlung auf dem Weg nach Norden, begleitete uns eine Polizeieskorte durch die Stadt.
Auf Umwegen nach Paramaribo
Schliesslich bin ich mit Visum und Flugzeug in Paramaribo angekommen. Das war gar nicht so einfach. Im Reisebüro in Georgetown überforderte ich die junge Frau vollkommen. Ich wollte einen Flug, der mich auf die andere Seite Surinames bringt. Cayenne, Macapa, Belem, wohin es halt einen Flug gibt. Sie kann damit gar nichts anfangen und konnte diesem seltsamen Wunsch gar nichts abgewinnen. In meiner Verzweiflung suchte ich die Wände nach Hinweisen ab und entdeckte ein Plakat der Flugesellschaft Meta und die flog gleichentags nach Belem. In fünf Stunden um genau zu sein. Genau das, was ich suchte. Ich hatte mich entschieden, Suriname links liegen zu lassen. Zufrieden sass ich so da, denn die Alternativen waren für mich einfach unbefriedigend. Zurück durch den Wald nach Manaus? Der Weg ist so weit und lang. Oder ein Visum holen? Das würde vier Tage in Georgetown "rumsitzen" bedeuten. Dabei hatte ich hier schon fünf Nächte verbracht. So spannend ist Georgetown dann doch nicht.
Doch meine Laune verdüsterte sich plötzlich wieder, als die junge, recht distanzierte Frau im Reisebüro sagte, dass ich nicht mitfliegen könnte. Kein Sitzplatz? Nein, kein Visum! Hä? Der Flug hätte eine Zwischenlandung in Paramaribo und daher müsste ich ein Visum für Suriname haben. Völlig verdutzt entgegnete ich, dass ich doch gar nicht aus dem Flugzeug aussteigen würde und daher auch kein Visum haben müsste. Sie wurde unsicher und rief daher die Surinamische Botschaft an. Deren Antwort war klar und deutlich. Ohne Visum kein Flugticket. Ich konnte es kaum fassen. Ich gab nicht auf und so rief die junge Frau auch bei der Fluggesellschaft Meta an, die hingegen bestätigte, dass ich kein Visum haben müsse. Ich dränge die junge Frau nun darauf, mir das Ticket zu verkaufen, doch sie fand, das ginge nicht. Ohne Visum kein Ticket, sie blieb stur. In meiner Verzweiflung bat ich sie, mich mit der Botschaft telefonieren zu lassen, was sie netterweise gewährte.
Am anderen Ende der Leitung hörte ich eine Frauenstimme, allerdings verstand ich sie sehr schlecht, weil die Verbindung gewaltig rauschte. Die Frau in der Botschaft liess sich auf keine Diskussionen ein. Visum, basta und in mir begann sich etwas hochzuarbeiten, dass nun explodierte. Mit viel Emotion redete ich auf die Frau ein. Als es war eher so, dass ich ihr sagte, was Sache ist, also das ich sicherlich kein Visum benötigen würde, wenn ich im Flugzeug bleibe und so und sie solle aufhören, so einem Quatsch zu erzählen. Die Frau wird unsicher. Sie geht den Boss fragen. Kurze Zeit später bestätigt sie mir, dass ich kein Visum brauche.
Ich schämte mich ein bisschen für meine Grobheit, aber die Frauen, die im Reisebüro arbeiteten, waren offensichtlich von meiner Durchsetzungskraft tief beeindruckt. Waren sie vorher eher distanziert, zeigten sie nun offensichtliches Interesse und liessen ihren Charme spielen. Das Flugticket wurde ausgestellt. Bald war ich auf dem Weg zum Flughafen. Ich war erleichtert.. Endlich ging es weiter, endlich sah ich wieder einen Weg vor mir, auf den ich mich freute.
Ein paar Wochen später fing es an in mir zu nagen. Ich muss Paramaribo einfach sehen. Ich wusste, dass ich nie Ruhe finden werde, wenn ich jetzt nicht dorthin gehen würde. Zuhause würde ich endlose Reisepläne schmieden, nur damit ich noch Paramaribo sehen könnte. Ich muss dahin und zwar jetzt!.
So sass ich Monate später im Flugzeug der Suriname-Airways von Belem nach Paramaribo. Diesmal mit einem gültigen Visum, die Visumsbeschaffung war surinamisch kompliziert und meiner Logik nicht zugänglich. Suriname scheint wirklich ein seltsames Land zu sein.
Um 3.50 Uhr sollte das Flugzeug abheben. Doch der Flug wurde mehrfach zeitlich nach hinten verschoben um dann doch um 3.50 Uhr Abflugbereit zu sein. Als endlich alle im Flugzeug sassen, wurde die Abflugzeit neu auf 7 Uhr angesetzt, alle mussten wieder das Flugzeug verlassen. Ich legte mich im Warteraum hin. Etwa eine Stunde später wache ich auf. Alle sind weg! Ich bin allein! Ich sehe, wie sie gerade das Gate der Suriname-Airways schliessen. Ich setzte zu einem Sprint an. Man lässt mich ins Flugzeug. Um 5.30 Uhr heben wir ab. Mit mir an Bord drei Spanier, die so schnell sprechen, dass es mir im Kopf anfängt zu kreisen.
Unter mir liegt Suriname. Wald, Wald, Wald. Bald sehe ich die Landepiste, das Wetter ist herrlich. Völlig verdutzt höre ich dann aber den Piloten sagen, dass wir nicht landen können, das Wetter sei zu schlecht. Wir kreisen rund eine Stunde um des Flugfeld herum, dann endlich landen wir. Als ich aussteige, ist es windstill.
Wahrlich ein seltsames Land und noch bin ich nicht durch den Zoll. Dort bemerkt der Zöllner meinen Einreisestempel von South Drain und das scheint ihn misstrauisch zu machen. Nach einer 10minütigen Befragung, bei der ich meine ganze Geschichte rund viermal wiederholen muss, bekomme ich das okay. Endlich bin ich legal in Suriname.
Eine Velotour in Suriname
Ich klappere die Unterkünfte ab. Die erste Unterkunft hat kein freies Zimmer, in der zweiten klappt es. Danach sehe ich mir Paramaribo an. Es wirkt reichlich verschlafen, die Stadt ist aber sehr hübsch und die Menschen nett. Dabei sehen sie so anders aus als in Nieuw Nickerie, hier gibt es keine Inder, dafür ein paar Javaaner, viele Afrikaner und Menschen mit einer unglaublich schwarzen Haut. Aber seltsam bleiben sie, die Surinamer. Die spazieren doch tatsächlich mit Vogelkäfigen durch die Stadt, inklusive Vogel darin. Als ich in mein Gästehaus zurückkehre, geht dieses Suriname-kompliziert wieder los. Die junge Frau in der Rezeption meint, ich hätte hier kein Zimmer. Dann doch, aber ich hätte nicht bezahlt. Dann findet sie, dass ich ja doch kein Zimmer reserviert hätte. Ich insistiere und sage, dass dort doch meine Sachen drin sind. Das kann sie kaum glauben und betritt mit mir zusammen das Zimmer und fängt nun an zu schimpfen. Ich könne nicht einfach mein Zeug im Zimmer lassen, wenn ich das Zimmer verlasse und so fort. Mir reicht es nun, ich bin nun leicht angesäuert, das wiederum lässt sie sauer werden. Sie ist nun beleidigt und hat nun keine Lust mehr mit mir zu reden, weil ich so "upset" wäre. Tief verletzt widmet sie sich dem nächsten Gast. Er hat ein Zimmer bekommen, indem schon ein anderer liegt.
Am nächsten Tag ist sie immer noch leicht verärgert. Ich hingegen miete mir ein Velo um eine kleine Velotour nach Fort Amsterdam zu machen. Es soll sich hier um eine Sehenswürdigkeit handeln, fragt sich nur, was es hier zu sehen geben soll. Die Landschaft ist natürlich flach, die Sonne brennt, Schatten gibt es nicht. Es ist einfach toll, sich mal wieder bewegen zu können.
Ich finde Paramaribo ganz nett und bin sehr gerne hier. Die Menschen sind total freundlich.
Zu Gast in der EU: Cayenne
Cayenne ist eine hübsche Stadt mit tollen Cafès und leckeren Baguettes, der französische Lifestyle dominiert den Alltag. Es wimmelt von Festlandfranzosen, das Leben hier scheint nicht allzu streng zu sein. Gegen drei Uhr Nachmittags beginnt man die Bürgersteige hochzuklappen, gegen fünf gehen die letzten Leute nach Hause und sie kommen nicht wieder. Danach wirkt das schöne historische Zentrum wie ausgestorben. Die paar wenigen Kneipen sind leer. Dominieren in Guyana und Suriname Holzbauten, wird in Cayenne mehr mit Steinen und Mörtel gebaut.
Cayenne ist alles andere als billig.Manche behaupten, Cayenne sei teurer als Paris. Das mag vielleicht übertrieben sein, aber viel billiger als in der Hauptstadt ist es hier sicher nicht. Das billigste Hotel, das Ketata, verlangt 45 Euro für ein doch sehr einfaches Zimmer. Transport, Essen und ein Bierchen kosten soviel wie in Europa.
Mir ist es in Cayenne doch etwas zu ruhig, ich habe keine Lust, nach 17 Uhr der einzige in den Kneipen zu sein und entschliesse mich, die Reise nach Brasilien fortzusetzen. Der Minibus braucht zwei Stunden zur Grenze und kostet 35 Euro.
Eine makellose, asphaltierte Strase schlängelt sich durch den Regenwald. Wir passieren einige Checkpoints - offenbar sucht die Fremdenlegion einen Verbrecher - und zahlreiche ausgebrannte Autofracks. Die illegale Einwanderung macht auch Französisch Guyana zu schaffen. Wer erwischt wird, lässt sein Auto stehen. Die Zollbehörden fackeln es dann ab. In St. Georges endet unsere Fahrt. Die Zöllner interessieren sich nicht für meinen Pass. Mit einem Boot setze ich nach Brasilien über.
Vogelschwärme über Oiapoque
Als die Dämmerung herienbricht, bilden sich riesige Vogelschwärme über dem Rio Oiapoque, dem Grenzfluss zwischen Frankreich und Brasilien. Ich werde Zeuge eines allabendlichen, seltsamen Spektakels. Plötzlich stürzt der Vogelschwarm in die Tiefe, zischt zwischen den Häusern der kleinen Grenzstadt Oiapoque hindurch, um sich schliesslich zu Tausenden auf den Telefonleitungen niederzulassen, die der Mensch durch den Ort gezogen hat. Hier verbringen die lustigen Vögel, etwa so gross wie unsere Amseln, ihre Nacht. Da sitzen sie also nun eng beieinander und glotzen auf mich herunter.
Mit einem kleinen Boot habe ich den Rio Oiapoque, den Grenzfluss zwischen Französisch Guyana und Brasilien überquert. Die Brücke sieht zwar ziemlich fertig aus, ist aber für den Verkehr noch nicht geöffnet worden. Mit dem Boot ist es natürlich viel romantischer. Am Pier von Oiapoque empfangen mich Geldwechsler, aber keine Zöllner. Die Policia Federal ist ein paar Strassenblocks landeinwärts, der Zöllner freundlich. Am Fernsehen läuft gerade ein Olympiafinal im Schwimmen, ein Brasilianer holt Silber. Zu wenig für den Zöllner, er verzieht die Mundwinkel.
Der Ort ist ziemlich klein, sehr freundlich, die Musik dröhnt überall aus den Boxen, tagsüber ist nicht allzuviel los, die Sonne brennt unerbittlich. Am Abend, es ist Samstag, sind erstaunlich viele Leute unterwegs, zumindest im Vergleich zu Cayenne. Oben, auf dem Hügel, hat es eine kleine Kneipenmeile und ein paar Caipirinha-Stände. Dazwischen gibt es einen kleinen Lunapark für die Kinder. Dabei hat Oiapoque den Ruf, ein ziemlich anrüchiges Nachtleben zu haben. Davon nehme ich nichts wahr. Möglicherweise hat in Oiapoque eine Veränderung stattgefunden, die ich in ganz Brasilien wahrnehmen werde. War auf meiner ersten Reise vor über zehn Jahren die Prostitution allgegenwärtig, ist dieser Berufszweig auf dieser Reise kaum im öffentlichen Raum sichtbar.
Fast alle Produkte, die man hier kaufen kann, stammen aus Frankreich. Man kann problemlos mit Euro bezahlen. Seit die Flüge ab Oiapoque eingestellt wurden, ist es, so vermute ich, billiger und schneller, Produkte über Paris und Cayenne einzuführen. Wenn die Brücke über den Oiapoque fertig ist, dürfte dies den französischen Exportprodukten zugute kommen.
Asphalt durch den Regenwald
Ich suche mir einen Transport von Oiapoque nach Macapa. Diese Strecke gilt als Todesstrecke und ist bei langenahaltendem heftigen Regen unpassierbar. Dies soll sich bald ändern, Frankreich und Brasilien wollen näherrücken, an der Strasse wird wie wild gebaut, bald ist sie durchgehend geteert.
Es gibt zwei oder drei Busse, die täglich nach Macapa abfahren. Der Busbahnhof ist etwas ausserhalb des Ortes und die Abfahrtszeiten der Busse sind eigenartig. Sie fahren alle nachmittags oder nachts, so dass man zwischen ein Uhr in der früh und sechs Uhr morgens ankommt. Aber wie soll man denn auf dieser Schüttelpiste schlafen können? Dann gibt es noch Pick ups, die brauchen für die Strecke acht Stunden, also vier wenige als die Busse, sind aber einiges teurer. Dafür fahren sie dich direkt zum Hotel. Die Strecke gilt als eine der gefährlichsten Brasiliens. Ich habe sie bereits einmal - damals - in der Regensaison befahren. Die grösste Gefahr, so schien es mir, drohte auf dem letzten, asphaltierten Stück, weil dort das Gaspedal ohne Rücksicht auf Verluste durchgedrückt wird. Zum Glück erfuhr ich erst nach Ankunft in Macapa, dass das Bremskabel des Pick ups, in dem ich mich befand, gerissen war. So bleib dem Fahrer nur die Motorenbremse. Dies hinderte in nicht daran, den Pinsel voll durchzudrücken.
Seither hat sich aber einiges geändert. Es gilt Gurtenpflicht und die Leute halten sich daran. Die Fahrzeuge werden nicht mehr mit Personen vollgestopft. Es reisen nur soviele mit, wie es Sicherheitsgurte gibt.
Am Flussufer werde ich schnell fündig. Ein Pick up fährt gleich los, er müsse nur noch eine Familie abholen. Solche Sätze können in Brasilien alles bedeuten. Die Familie ist natürlich noch nicht reisefertig. So bleibt Zeit, um mit dem Fahrer einen Kaffee zu trinken. Er redet und redet und irgendwann komme ich nicht mehr mit und höre gar nicht mehr zu. So redet er weiter, während ich mit meinen Gedanken abschweife. Mein erster Eindruck ist, dass sich Brasilien stark verändert hat. Zwar urinieren die Männer immer noch überall hin, aber neu ist, dass man sich darüber aufregt. Zwar wird der Abfall immer noch liegengelassen, aber man stört sich daran. Und neu ist auch, dass die Brasilianer sich lautstark aufregen, wenn es irgendwo nicht vorwärtsgeht, sie scheinen das Schlangestehen nicht mehr einfach so hinzunehmen. Es ist mittlerweile neun Uhr, seit über einer Stunde sitze ich im Pick up und der Fahrer hat noch keine Redepause eingelegt. Wenn ich doch nur wüsste, über was er redet. Dann endlich ist die Familie - Vater, Mutter, Tochter - endlich reisefertig. Jetzt wollen sie noch einkaufen. Die fröhliche und sehr symphatische Mutter hat unübersehbar grosse Schmerzen. Wie ich erfahre, wollen sie zum Flughafen von Macapa. Von dort geht es mit dem Flugzeug nach Belo Horizonte. Die Mutter muss dort in eine Spezialklinik. Wir lassen die letzten Häuser von Oiapoque hinter uns und tauchen in den Regenwald ein. Der Fahrer redet immer noch endlos. Mittlerweile frage ich mich, mit wem er eigentlich zu reden glaubt, denn die Familie hat sich schlafen gelegt. Voll süss wie sie daliegen. Der Vater zu unterst, die Tochter darüber und zuoberst liegt die Mutter.
Der erste Teil der Strecke ist eine roterdige Piste, die sich durch den Wald zieht, der sich manchmal für eine Flusslandschaft oder einer Kuhweide öffnet. Doch bald entdecke ich die ersten Bagger, hier wird gebaut. Mich trifft fast der Schlag. Für diese kleine Strasse wird eine rund 100 Meter breite Schneisse in den Wald geschlagen. Ist das wirklich nötig? Die Folgen sieht man auf dem zweiten Teil der Strecke, der schon seit längerem asphaltiert ist. Der Wald, hat sich weit zurückgezogen, dazwischen macht sich bestes Weideland breit. Allerdings unterbrechen tiefe Schlaglöcher den Asphalt, die Natur scheint sich nicht so einfach besiegen zu lassen.
Sonntags in Macapa
Da bin ich nun in Macapa. Es ist ein ganz netter Ort, auf den die Sonne unbarmherzig brennt und den manche langweilig finden. Immerhin gibt es hier ein paar Kilometer vom Zentrum entfernt noch einen der wenigen Personenzüge Brasiliens, der die Leute ins Landesinnere von Amapa bringt. Ab und zu begegnet man hier noch einem Fahrradfahrer, das Velo scheint auch Brasilien zu erobern. Ausländische Kreditkarten werden in ganz Macapa nicht angenommen und ob die ATM's funktionieren ist Glücksache.
Heute ist es jedenfalls alles andere als langweilig. Es ist Sonntagabend und am Sonntagabend ist in Macapa mächtig was los. Diese Stadt nahe am Äquator ist sicherlich keine Perle, eine ziemlich anspruchslose Siedlung, aber Macapa hat neben einem Fort eine hübsche Promenade am Amazonas mit einem Pier, der weit in den Fluss hineinragt. Es gibt hier Ebbe und Flut, bei Ebbe springen die Jugendlichen ins Flussbecken um Fussball zu spielen. Im Park neben der Proemande sehe ich Trampoline für die Kinder, rund dreissig Frittenbuden, alle nebeneinander, alle verkaufen dasselbe. Caipirinhas gibt es überall und natürlich viel Bier, denn die Brasilianer sind grosse Biertrinker. Vorteilshalber bestellt man die grossen Flaschen, die in einem Kühlbehälter serviert werden. Sie sind einiges billiger als die kleineren Fläschlein. Auf dem Pier, der in den Amazonas hineinragt, findet eine gutbesuchte Reggaeparty statt.
Ein grosser Nachteil hat dieses wunderbare Fest. Es gibt keine öffentlichen Toiletten. Wer mal muss, der klettert in den Park hinunter und sucht sich einen Baum. Überall sieht man Menschen hinter Bäumen verschwinden. Es ist einer der wenigen Orte in Brasilien, wo einem die jungen Frauen ganz unverholen anstarren, was mir, wie ich zugeben muss, doch etwas schmeichelt. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Popstar. Als ich mich weit nach Mitternacht zum Hotel aufmache, habe ich fast den Eindruck, dass ich einer der ersten bin, der dieses Fest verlässt.
Belem
Da bin ich wieder, in Belem. Manche Städte mag man einfach und obwohl die meisten Reisenden, die ich traf, Belem keinesfalls als Highlight betrachten würden, mag ich diese Stadt. Es gibt manchmal einfach Orte, an denen man sich wohlfühlt. Belem hat wunderschöne Parkanlagen, die zum flanieren einladen und in denen viele Tiere frewillig und unfreiwillig leben. An der Flusspromenade gibt es unzählige Früchte und Fruchtsäfte zum probieren, während die Schiffe ein und ausfahren. Zahlreiche Tagesausflüge per Boot werden angeboten. Das Hotel Gran Para ist der beste Deal, denn ich je in Brasilien gemacht habe. Für rund 30 Euro bekomme ich ein grosses, schönes Zimmer im 11. Stock, mit Sitzecke, von wo aus man aus über den Praca Republica blicken kann. Die Docas laden ein um das Amazonas-Bier - über Geschmack lässt sich streiten - direkt am Fluss zu trinken, z. B. während des Sonnenuntergangs. Einen topmodernen, effizienten Flughafen besitzt Belem und hier wird sogar in den ÖV investiert. Eine Schnellbuslinie mit eigener Spur wird hier gebaut und das ist auch dringend nötig. Wie alle grossen Städte leidet auch Belem unter viel zu viel Verkehr und ein Grund dafür sind die zahlreichen Busse, die kaum vorwärtskommen. Wie überall in Brasilien wird, ruppig angefahren, Vollgas gegeben und dann geht es wieder voll auf die Bremse. Möglichst schnell um Kurven, damit die Passagiere auch schön durch den Bus fliegen. Bezahlt wird übrigens beim Einsteigen.
Es gibt aber nicht viele Millionenstädte, in denen so liebenswürdige Menschen leben wie in Belem. Als ich mich nicht im Supermarkt nicht entscheiden kann, welches Brot ich wählen soll, wird mir spontan von jeder Sorte ein Stück zum probieren angeboten. Als Gegenleistung muss ich ihnen - typisch brasilianisch - meinen Namen nennen. Einmal bin ich in den falschen Bus gestiegen - also ich finde, er fuhr in die falsche Richtung. Plötzlich bin ich der einzige im Bus, das Licht wird ausgeschalten, ich habe keine Ahnung wo ich bin. Bis der Chauffeur dieses Häuflein Elend entdeckt. Spontan fährt er mich zu meinem Hotel, sein Feierabend verzögerte sich dadurch um eine halbe Stunde.
Schon damals auf meiner ersten Reise sass ich am liebsten in der Bar do Parque. Es arbeiten auch noch die gleichen Kellner wie damals. Dennoch lässt sich hier eine Veränderung festmachen, die mir in ganz Brasilien auffällt. Früher war dies der Treffpunkt von Quartierbewohnern und vielen jungen hübschen Frauen, ich vermute mal Prostituierte oder Frauen, die Spass wollen. Heute sitzen hier vorallem Päärchen.Generell sehe ich viel weniger Frauen in den Kneipen als früher. In Kneipen gehen scheint nun definitiv ein Männerbusiness geworden zu sein. Früher sah ich auf meinen langen ausgedehnten Spaziergängen in jeder Stadt Strassenprostitution und in jeder Stadt bekam ich ein Angebot. Heute ist die Prostitution kaum mehr sichtbar. Weder in Belem, noch in Manaus, noch an der Copacabana. Zufall oder nicht, vor 12 Jahren sah ich kaum brasilianische Päärchen, auf dieser Reise jedoch zahlreiche. Vielleicht spielt sich hier eine Veränderung im Wesen des Brasilianers ab, ich vermute aber eher, dass die Brasilianer begonnen haben, ihr Land zu entdecken und zu bereisen. War früher der wesentliche Grund einer Reise Verwandschaftsbesuch (man sah mich damals immer mit Unverständnis an, als ich sagte, ich reise alleine durch Land. Darauf kam die Frage:"Aber du musst doch jemanden besuchen"). Der Tourismus in Brasilien boomt, vorallem dank den Brasilianern. Zudem stelle ich fest, dass in den vergangenen zehn Jahren die Preise massiv angestiegen sind.
Die Bar do Parque ist mein Lieblingsort. Ich liebe es, in dieser historischen Open Air Bar zu sitzen und ein Bier zu geniessen. Damals habe ich hier soviele Menschen getroffen, es war einfach toll. Heute ist dies nicht der Fall. Vielleicht bin ich auch nicht mehr so offen und neugierig wie damals.
Im Hotel gleich gegenüber der Bar do Parque hat es einige Amerikaner und Europäer. Belem scheint eine ganze bestimmte Art von Menschen anzuziehen. Denn an mir fallen ihre extravaganten Tattoos auf, kleine scheinen ihnen nicht mehr zu genügen. Ich weiss nicht, welche Enthemmung diese Menschen anheim gefallen sind. Eine Frau, die sich von Knöchel bis unter den kurzen Rock Strümpfe hat tätowieren lassen oder die schlanke junge Amerikanerin, die einen riesigen Kopf auf ihren Oberschenkelmuskel aufmalen hat lassen. Vielleicht bin ich etwas altmodisch, aber die Haut ist so was schönes, es ist viel zu schade, diese zu vermalen.
Ein Bad im Fluss - Ilha do Mosqueiro
Mein Ausflug zur Ilha de Mosqueiro steht unter einem schlechten Stern. Zuerst gerät mein Bus in einen Streik. Die 90min-Fahrt verlängert sich dadurch um drei Stunden. Dafür entschädigt die Ilha durch ihre zahlreichen wunderschönen Flussstrände und es hat doch einige Touristen. Hier tun die Brasilianer, was sie am liebsten tun. Sie trinken Bier, essen, schauen den Frauen nach und hören laute Musik. Dabei lässt sich feststellen, dass die Brasilianerinnen und Brasilianer dann doch ziemlich viel zu viel Speck auf den Rippen haben. Da liegen sie und halten ihre Ranzen in die Sonne. Es ist seltsam. Brasilien lebt einen ausgesprochenen Schönheitskult, es entpuppt sich aber als Mythos. Viele Brasilianer - nur die US-Bürger sollen angeblich mehr Gewicht auf die Waage bringen - sind massiv übergewichtig.
Ich gönne mir ein Bad, habe mich natürlich eingecremt, doch nach zwanzig Minuten droht bereits der Sonnenbrand, weswegen ich mein Bad beende.
Die Rückfahrt dauert ebenfalls länger als geplant. Diesmal ist ein Unfall schuld.
Über den Wolken des Amazonas
Diesmal nehme ich das Flugzeug nach Manaus, so wie das die meisten tun. Denn gegen den Strom dauert die Schiffsreise länger und ist daher teurer. Wer früh genug bucht, fliegt billiger. Zudem habe ich den Amazonas zwischen Belem und Manaus schon einmal befahren. Ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe ich dabei schon. Das Spannendste am Reisen sind die Unabwägbarkeiten, die Menschen und das Ankommen nach einer längeren Fahrt. Mit dem Flugzeug ist man sofort da, es fehlt irgendetwas.
Am wirklich tollen Flughafen von Belem geht es sehr brasilianisch zu. Die Uniform der Mitarbeiterinnen der Fluggesellschaft Tam betont jede Körperstelle. Am Self-Check-In wird einem sofort geholfen, den der Brasilianer liebt es, zu schwatzen und er lässt keine Gelegenheit dazu aus. So also kommt sofort ein Mitarbeiter, der mir die Arbeit abnimmt. Es endet, dass ich ihm erkläre, wie der Self-Check-In funktioniert. Vielleicht war es auch nur ein Trick von ihm, damit wir noch länger miteinander reden können.
Dabei war die Anreise an den Flughafen gar nicht so einfach. Für die zwölf Kilometer braucht der Bus eine gefühlte Ewigkeit. Und der Flughafen ist nicht etwa Endstation. Wenn niemand an der Schnur zieht, die an den Fenstern durch den Bus gespannt wurde, rast der Bus am Flughafen vorbei. Einsteigen scheint mir sogar noch schwieriger, denn die Busse passieren den Kreisel vor dem Flughafen mit hoher Geschwindigkeit und halten nur, wenn ihnen jemand winkt. Zuerst muss der Toourist aber herausfinden, wohin der Bus fährt. Bis der Bus nahe genug ist, sodass man es Lesen kann, ist er auch schon vorbei. Die Strategie - so überlege ich mir - müsste sein, jeden Bus zuzuwinken. Er hält, ich lese das Ziel oder Frage und steige ein der eben nicht.
Garstiges Manaus
Da bin ich wieder, in Manaus. Zuvor bin per Schiff von Tabatinga aus nach Manaus gereist und dann weiter Richtung Guyana abgebogen. Nun will ich nach Süden auf dem Rio Madeira. Mir gefällt der Transport auf dem Wasser, auch wenn ich manchmal zur Ungeduld neige und die störrische Ruhe der Brasilianer nicht besitze.
Ich bin also zum dritten Mal in Manaus. Das erste Mal auf meiner ersten Reise, das zweite Mal vor ein paar Wochen und nun also zum dritten Mal. Gemocht habe ich Manaus noch nie. Und man fragt sich, warum Manaus WM-Austragungsort ist und nicht Belem. In Belem brennt die Sonne tatsächlich unbarmherzig, aber das ist nichts im Vergleich zu Manaus. Wer mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs ist, der macht hier was mit. Die Sonne erhitzt die uralten Busse, die in den verstopften Strassen kaum vorwärtskommen. Kaum gibt es ein paar Zentimeter Platz, gibt der Fahrer vollgas, nur um dann sofort wieder auf die Bremse zu drücken. Und im Gegensatz zu Belem wird hier nichts in den ÖV investiert. Die Menschen im Amazonas sind so wahnsinnig nett, aber nicht in Manaus. Ich finde sie grimmig, garstig. Man sieht keine lachenden Gesichter im Gegenteil. Nirgends sonst in Brasilien habe ich Schlägereien gesehen, in Manaus tagtäglich. Der Service in Kneipen ist oft unfreundlich, wortkarg, manchmal werde ich gar nicht bedient, gerne vergisst man mal was, zum Beispiel das Rückgeld oder verlangt etwas mehr, als es kostet. Dazu verstehen sie mich hier nicht, obwohl ich mittlerweile ganz passabel Portugiesisch spreche (Zum Beispiel frage ich im Hotel nach einem Zimmer und sie ruft ein Taxi). Dies war schon auf meiner letzten Reise so.
Ich begebe mich zum Hafen und schwelge in Erinnerungen. Damals, auf meiner ersten Reise, was hat man nicht alles über Manaus erzählt. Hier seien die Frauen so loco, sie würden einen anspringen, hier gäbe es die verrücktesten Partys. Nichts davon ist wahr. Ich habe in Brasilien tatsächlich verrückte Sachen erlebt, aber nicht in Manaus und nicht auf dieser Reise. Wer nicht in den Dschungel will, für den lohnt sich der Abstecher nach Manaus nicht. Loco sind sie hier höchstens im negativen Sinne und vielleicht beim Essen. Denn die Bewohner von Manaus sind massiv übergewichtig und zwar im grossen Stil. Der Mythos der schönen, sexy Brasilianerin entpuppt sich in Manaus als eine Geschichte für das Reich der Märchen. Manaus ist die dickste Stadt, in der ich in Brasilien gewesen bin. Ich schätze, dass rund 80% massiv übergewichtig sind. Auch die Tänzerinnen eines Nachtclubs, in den ich mich auf der letzten Reise mit ein paar Einheimischen verlor, haben etwas mehr Speck auf den Rippen. Und die damaligen enthusiastischen, begeisternden Tanzeinlagen wurden, wie ich feststellen muss, von lustlosen Shows gelangweilter Tänzerinnen abgelöst. Im netten Hafen organisiere ich meine Weiterfahrt, lasse mir von einer grimmigen Kellnerin ein Bier geben und würde am liebsten jetzt gleich auf das Schiff. Das fährt aber erst morgen. Anders als bei meiner ersten Reise darf man nicht mehr runter zu den Schiffen. Der Hafen wurde privatisiert und wirkt sehr gut organisiert. Während ich den Leuten zuschaue, die gerade von irgendeinem Ort im Amazonas angekommen sind, ertränke ich meine aufsteigende Melancholie im Alkohol.
Am nächsten Tag schlendere ich durch die Einkaufsläden, denn Manaus ist eine Zollfreizone. Fast alle Läden verkaufen elektronische Geräte. I-phones, Digitalkameras, Laptops. Computer. Dazu unglaublicher Schrott aus China. Wer kauft so ein Zeug?
Zum Abschluss lasse ich das Teatro Amazonas auf mich wirken. Manaus hat nicht viel zu bieten, aber die Oper gefällt mir wirklich sehr gut.
Am Madeira in Porto Velho
Porto Velho bekommt in den Reiseführern keine guten Noten. Mir gefällt die Stadt aber schon bei der Ankunft des Schiffes. Einzig die Hitze setzt mir zu. Wer glaubt, Manaus sei eine heisses Pflaster, der soll mal hierher kommen. Aber die Stadt wirkt entspannt, nicht so stickig, es hat viel weniger Verkehr. Am Fluss ist der ehemalige Bahnhof der Madeira-Marmoré-Eisenbahn zu einem Museum umgebaut worden. Alte Lokomotiven stehen rum, dass grosse Museum ist aber noch im Bau. Der Bahnhof prägt die ganze Hafenanlage. Es ist ein sehr schöner Ort um zu verweilen. Im Fluss hat eine schwimmende Bar. Ich geniesse dort ein kühles Getränk und blicke auf den Rio Madeira, der hier nicht so mächtig aussieht. Irgendwann packt mich der Hunger und ich gehe ins Restaurant Mirante II, denn von dort kann man die ganze Uferanlage überblicken. Der Kellner tischt mir doch tatsächlich 8 Pouletbrüste, eine grosse Pfanne voller Pommes Frites, Kartoffelstock, Salat und rund 500 gr. Reis auf. In Brasilien geht halt niemand alleine Essen, ist doch viel zu langweilig. Während ich so auf den Bahnhof blicke, beginne ich zu träumen. Wie schön wäre es doch, jetzt mit dem Zug Richtung Bolivien zu reisen. Aber er fährt nicht mehr. Schade.
Am Ufer versammeln sich immer mehr Menschen. Sehr schlank, die Frauen haben lange schwarze Haare, dunkle Augen und eine braune Haut. Es gibt aber auch viele Weisse. Es ist Freitag und ich spaziere zur nahegelegenen Ausgehmeile. Huiuiui haben sich die Menschen herausgeputzt. Vorwiegend Päärchen lassen sich in den Kneipen nieder und lauschen der seichten Musik, während sie dinieren. Ich ziehe noch um die Häuser und entdecke am Mercado Central ein Livekonzert. Hier wird geflirtet, getanzt, getrunken und gelebt. Ein wunderbarer Abend, wenn es nur nicht so heiss wäre. Bald zolle ich der Hitze Tribut.
Zerstörter Wald: Porto Velho-Cuiaba
Brasilien kann schrecklich ineffizient sein. Geld zu wechseln kann manchmal gut 15 Minuten dauern, weil endlose Formulare ausgefüllt werden müssen. Oft sind aber die Brasilianer Mitschuld an langen Wartezeiten. Dazu braucht es gar nicht viele Leute, ein einziger reicht. Denn der Brasilianer liebt es zu schwatzen. Wenn man an der Reihe ist, nutzt man die Gelegenheit gnadenlos aus. Zuerst lässt man sich alles ganz genau erklären, manchmal komme ich mir vor wie ein kleines Kind. Und wenn alles erklärt ist, fragt man jedes Detail nochmals nach. So zum Beispiel in einer Pizzeria. Die Kellnerin zeigt mir die Speisekarte. Diese Pizza kostet soviel. Wenn ich aber nun eine grössere nehmen würde, dann steigt der Preis um ... Diese Pizza hat halt keinen Salami drauf. Wenn ich Salami will, müsste ich diese Pizza... Ist ja eigentlich voll herzig. Ich muss den Brasilianern schrecklich langweilig vorkommen, da ich keine Fragen stelle. Denn jetzt müsste ich nachfragen. Diese Pizza hat also keinen Salami. Was müsste ich nun schon wieder tun, wenn ich Salami will? Der Check-In am Flughafen kann daher sehr lange dauern, vorallem bei den internationalen Flügen. Als ich an die Reihe komme, beeile ich mich, weil die anderen hinter mir ja warten. Die junge Frau am Check-In erklärt mir alles, so wie es halt in Brasilien macht. Ich bedanke mich und will Platz machen, was die Frau sichtlich irritiert. Ihr bleibt nur noch, mir einen Wunsch auf einen schönen Flug nachzurufen. Europäer müssen in den Augen der Brasilianer ziemliche Spassbremsen sein. Nehmen einen die ganze Freude an der Arbeit. Eigentlich ist es ja ein wunderbarer Wesenszug, den die Brasilianer haben. In Europa kommunizieren wir ja kaum noch.
Ein alter, klappriger Bus bringt mich Richtung Cuiaba, obwohl er von aussen ziemlich neu aussieht. Wie ich feststellen werde, wird nicht mehr allzuviel in die Busflotten investiert. Es sind die selben Busse wie auf meiner ersten Reise, nur waren sie damals neu. Rund 22 Stunden wird er brauchen. Es ist eine schrecklich langweilige Fahrt, denn statt Regenwald passieren wir eine endlose Zahl von Viehweiden. Hier wurde der Regenwald komplett zerstört. Mich überkommt eine tiefe Traurigkeit. Der Wald hat gegen den wirtschaftlichen Fortschritt, man könnte es auch gesellschaftlichen Rückschritt nennen, keine Chance.
In der Stadt der Famer: Cuiaba
Cuiaba weist kaum Sehenswürdigkeiten auf. Immerhin sind die Temperaturen deutlich tiefer als in Porto Velho. Angenehme 35 Grad empfangen mich in der Hauptstadt von Mato Grosso. Mittlerweile habe ich mich so halbwegs daran gewöhnt. Cuiaba ist eine weisse Stadt. Ich meine die Hautfarbe der Menschen, die einen neugierige Blicke zuwerfen. Hier passiert es mir, dass die Menschen plötzlich stehen bleiben, sich umdrehen, um mich zu mustern. Vielleicht sehe ich auch so abgekämpft aus, keine Ahnung. Ich finde es sehr nett und Cuiaba ist ein sehr netter Ort. Anders als in Manaus sind die Menschen hier ausgesprochen freundlich und es wird viel gelacht. Es ist Samstagabend und es gibt hier ein kleines Bermuda-Dreieck. Alle Leute wollen in eine der wenige Pubs hier. Dafür stehen sie in langen Schlangen und warten so, bis ein Tisch frei wird. Schlange stehen wird hier auch nicht als Demütigung oder Ärgernis empfunden. Im Gegenteil, so kann man mal so richtig miteinander reden. Die Menschen sind meistens sehr schlank und schön herausgeputzt. Sie sehen wirklich attraktiv aus. Cuiaba ist ja auch alles andere als arm. Dank der Landwirtschaft sind zwischen Brasilia und Porto Velho nicht wenige Leute steinreich geworden. Eine Fazenda, also eine Farm ist auch weit mehr als nur ein Bauernhof mit Farmland. Diesen Fazendabesitzern gehören unvorstellbar grosse Landflächen. Einigen wenigen gehörten alles, dem Rest nichts.
Für mich als Einzelperson ist es irgendwie doof, auch anzustehen und dann einen Tisch zu besetzen. Ich gehe lieber unter der Woche in Kneipen, ich finde es dann viel einfacher mit Leuten ins Gespräch zu kommen. So spaziere ich etwas durch die Gegend und entdecke eine Kneipe, in der es das kühlste Bier von Cuiaba geben soll und das ist nicht gelogen. Eine Kühlflüssigkeit befindet sich im Glas oder Plastik oder aus welchem Material das Zeug auch immer ist und kühlt das Bier herrlich hinunter. Am Tisch neben mir sitzt eine sehr attraktive Frau mit drei Männern. Als die Rechnung kommt übernimmt sie die Rechnung. Brasilien ist immer für eine Überraschung gut. Bisher blieb das Bezahlen immer dem Mann, also mir, hängen, was ja auch durchaus in Ordnung ist.
Auf dem Heimweg höre ich von weither U2. Mal was anderes als Salsa, Samba oder Forro. Ich folge der Musik. Sie kommt aus dem Kofferraum eines Autos, den dort drin befindet sich eine riesige Box, die an die Stereoanlage des Autos angeschlossen ist und nun die ganze Gegend beschallt. Daneben befindet sich eine einfache Kneipe, hier sind die Leute etwas übergewichtig und ich frage mich, ob Übergewicht mit den finanziellen Möglichkeiten zusammenhängt. Vielleicht liegt es am Bildungsgrad, keine Ahnung. Auf jedenfall kommt bald mal die Polizei und niemanden gehört natürlich das Auto. Erst als die Polizei droht, das Auto abzuschleppen, meldet sich einer und stellt die Musikanlage ab. Als die Polizei wieder geht, bekommen sie noch einen Abschiedsgruss. Die Leute singen: "Wer sind hier die Banditen?" Kaum sind sie weg, wird die Musikanlage wieder in Betrieb genommen.
Neben Cuiaba liegt der Chapadas do Guimaraes, eine karge Felslandschaft mit zahlreichen Wasserfällen durchzogen, in der die Sonne einen wie ein Grillspiess über dem Feuer so richtig durchbrät. Es ist eine überraschend schöne, ja eindrückliche Gegend.
Von und nach Brasilia - die Nase zuhaltend.
Das Flugnetz in Brasilia ist ausgezeichnet. Die rund vier bis fünf grösseren Fluggesellschaften fliegen praktisch jeden Winkel in Brasilien an. Das Problem ist vielmehr der Anschluss in die Fläche. Nehmen wir an, ich fliege von Hamburg nach Frankfurt, muss aber nach Offenbach oder Fulda. Der Flug ist gut organisiert, ich bin sehr schnell in Frankfurt. Nun muss ich aber vom Flughafen an den Busbahnhof. Also warte ich auf den Flughafenbus, dass kann schon mal eine Stunde dauern. Dann, endlich am Busbahnhof warte ich auf den Bus Richtung Fulda oder Offenbach und der fährt nicht im Stundentakt.
Ich jedenfalls habe eine weitere längere Fahrt im Bus vor mir. Mein Ziel heisst Salvador de Bahia. Die Grosstadt Cuiaba hat erstaunlich limitierte Busverbindungen. Zwei Busse pro Tag verbinden die Stadt mit Brasilia, dort muss ich umsteigen. Der Bus sieht von aussen nagelneu aus, ist von innen aber schon ziemlich verbraucht. Wie auch die Strasse, wie ich feststellen muss. Es schüttelt und rüttelt streckenweise ganz schön, an Schlaf ist da nicht zu denken. Ich sitze ganz hinten und bei jedem kleineren Schlagloch fliegt die Toilettentür mit Getöse auf. Abschliessen kann man sie auch nicht mehr und wenn man nun auf der Toilette ist und ein Schlagloch kommt (über das Bus in vollen Tempo drüberfliegt), fliegt halt die Türe auf. Irgenwann früh am Morgen stoppen wir in Goiania, der Hauptstadt der Viehzüchter. Ich nutze die Gelegenheit um mir kurz die Beine zu vertreten. Ich breche beinahe ein Jubel aus, weil es so wahnsinnig angenehm kühl ist. Die junge Frau neben mir, in einer dicken Decke eingewickelt murmelt was von "che frio".
Kurz vor Brasilia halten wir wegen eines schrecklichen Unfalls an. Also der Bus bleibt genau daneben stehen und so sehe ich mehr als nur den grossen Blutfleck am Boden. Mir scheint, dass ein Fussgänger umgefahren wurde und offenbar ist ein Linienbus vor uns involviert gewesen, denn der fährt nicht weiter und dessen Passagiere kommen nun zu uns in den Bus, es sind ja auch fast alle Passagiere in Goiania ausgestiegen. So kommt eine grosse Gruppe Indigener in den Bus, bemalt und geschmückt, sich die Nase zuhaltend und immer wenn sie einen Nicht-Indigenen passieren, halten sie die Nase noch fester zu und tun so, als ob sie mit den Händen den Gestank wegwehen wollen. Ich habe mal was gehört, dass Indigene regelmässig in Brasilia gegen ein Wasserkraftprojekt demonstrieren.
In Brasilia habe ich keinen Bock mehr auf eine Busfahrt und will von hier nach Salvador fliegen. am Busbahnhof wird mir toll und auf englisch Auskunft gegeben. Dabei bekomme ich einen Geheimtipp. Wenn ich den Bus in die andere Richtung nehme, bekomme ich noch einen Sightseeing-Trip dazu, denn der Bus fährt sämtliches Sehenswertes ab, bevor er an den nahen Flughafen fährt, der vom Busbahnhof aus sichtbar ist. Zuerst muss ich aber in die Metro. Die Stationen sind hier nach Strassen benannt und die Strassen durchnummeriert. Dann stehe ich aber so da, denn es wimmelt hier von Strassen und es hat zahlreiche Bushaltestellen. Ich muss mich durchfragen. Eins muss man den Hauptstadtbewohnern sagen. Sie sind total nett und hilfsbereit.
Langfinger in Salvador de Bahia
Salvador de Bahia ist einfach ein Traum. Was für eine Stadt! Sie bietet alles, was das Herz eines Reisenden begehrt. Am Dienstag findet hier in der Altstadt eine Party statt. Jeden Dienstag. Musikanten ziehen durch die Gassen, Leute tanzen mit, mich erinnert es etwas an unsere Guggenmusik an der Fasnacht. Ich bin mitten im Getümmel als ein Mann seine Hand an meine Hüfte legt. Aha, ich bin im Weg denke ich, aber weit gefehlt. Seine Hand schiebt sich in meine Hosentasche und versucht das Portemonnaie zu ergreifen. Ein ziemlich dreister Versuch, der gibt sich nichteinmal die Mühe, sich Mühe zu geben. Ich wehre in also ab und verlege mein Geld an einen sicheren Ort. Keine fünf Minuten später spüre ich schon wieder eine Hand in der Hosentasche. Es ist der gleiche Typ wie vorhin. Während ich ihm einen kräftigen Stoss versetze ist schon wieder eine Hand in meiner Hosentasche. Diesmal von einem anderen. Ich habe die Schnauze voll und verzieh mich. Immerhin war ich cleverer als sie, was aber nicht besonders schwierig gewesen ist.
Einsam in Morro de Sao Paulo
Morro de Sao Paulo ist eine Insel unweit von Salvador, die mit fantastischen Stränden aufwartet. Das Schiff dorthin fährt leider nicht, es ist zu stürmisch. Daher bringt uns ein Bus an einen Anlegesteg nahe Valenca, von dort tuckert ein Boot zur Insel. Ich gönne mir ein Bad im Meer und erklimme anschliessend den höchsten Punkt der Insel. Abends aber ist dann Morro nichts für Alleinreisende, zumindest nicht, wenn keine Party angesagt ist. Alles ist hier auf gemütliche Zweisamkeit ausgerichtet. schöne Restaurants laden zu seichter Musik die Päärchen ein und von denen wimmelt es hier. Ich finde das ja auch schön und toll, aber als Alleinreisender sucht man sich Orte, wo man Leute trifft und sowas gibt es hier nicht. Ich finde keine Bar, an die man sich gemütlich setzen könnte. Auch wenn später die Musik wechselt und fetziger wird, die Leute sitzen an schönen Tischen und applaudieren. Als heftiger Regen einsetzt, suche ich in einem Fruchtsaftladen unterschlupf und erlebe eine so typisch brasilianische Szene, wie ich sie schon so oft erlebt habe. Auf mich, skandinavischer Typ, ausser dass mir die Körperlänge fehlt, reagieren die Frauen sehr schüchtern. Nun lerne ich einen Einhemischen kennen. Die zwei Kellnerinnen, die bisher sehr wortkarg waren klinken sich nun ein, es findet ein Dreiecksgespräch statt. Sie wollen nun alles über mich wissen, fragen aber immer den Brasilianer, der dann mich fragt, ich antworte und er antwortet ihnen und das alles auf portugiesisch. Als er sich verabschiedet, rufen die Frauen, dass er doch bleiben sollte, sie bitten ihn förmlich darum, denn sonst können sie sich nicht mehr mit mir unterhalten. Er antwortet logischerweise, dass wir uns ja kennen und uns nun ohne ihn weiter unterhalten können. Die Frauen stellen keine Fragen mehr, ihre Antworten werden knapp. Ein Gespräch bringe ich nicht mehr hin. Ich habe das sehr oft erlebt in Brasilien. Schade, aber nicht zu ändern. Es passt zum Regen der immer stärker wird. Es erinnert mich an eine Szene auf einem Boot auf dem Amazonas, als ich mit einem Peruaner in Tabatinga das Boot bestieg. Mir wurde keine einzige Frage gestellt, aber bald wusste das ganze Boot, wer ich bin und woher ich komme - sie haben den Peruaner gefragt. Und wenn ich nun irgendwohi ging, hörte ich ein "Aha, Roland geht duschen" oder "Sieh, Roland geht zur Bar". Um Mitternacht schliesst auch das letzte Restaurant. Es gibt keine Wahl - ab ins Bett.
Scheidungskrieg in Itacaré
Itacaré ist für den lonesome Traveller viel besser geeignet als Morro de Sao Paulo. Am Busbahnhof fängt mich ein Schweizer ab, der mir ein Zimmer in seinem Haus anbietet. Spottbillig, ich sage zu. Sein Haus ist mitten im Dorf am Ende einer schlammigen Strasse. Er ist seit sieben Jahren mit einer Brasilainerin verheiratet, sie steht vor dem Haus. Sie ist wunderschön, ihr Blick ist aber alles andere als freundlich, eher feindlich gesinnt.. Meinen Gruss erwidert sie nicht. Mein Zimmer ist oben, die Familie, sie haben einen herzigen kleinen Sohn, unten. Es ist ein ziemliches Chaos im Haus. Nennen wir den Schwiezer Manuel, er ist ein begeisterter Surfer, Lebemann und wirklich sehr symphatisch, will mir die Strände in der Umgebung zeigen. doch bald fängt es an heftig zu regnen, so genehmigen wir hier ein Bier. Während in seinen Augen zu glänzen beginnen, als er auf die Wellen des Meeres blickt, beginnt er zu erzählen. Seine Frau Rede von Scheidung, sie habe das Kriegsbeil ausgegraben und will es nicht mehr eingraben. Das sei halt ihr indigenes Blut. Das Haus hat er selbst gebaut. Am liebsten ist er auf dem Meer, er trinkt aber auch gerne ein paar Bier, ist sehr gesellig und mag es locker. Er erzählt mir, dass viele Brasilianer nicht arbeiten wollen. Sie tun gerne nichts, zumindest in Itacaré und kommen irgendwie über die Runden. Dem Ort geht es aber schlecht. Seit der Bürgermeister ein Mitglied einer Freikirche, das Amt übernommen hat, verödet der Ort. Diese Freikirche verlangt von jedem Mitglied 10% des Lohnes und mittlerweile sei jeder fünfte Brasilianer in dieser Kirche. Seither sind die legendären Partys und die grossartigen Konzerte Vergangenheit, der Ort schläft ein. Viele Häuser stehen zum Verkauf, der Immobilienmarkt ist eingebrochen.
Am Abend klappere ich noch zwei drei Kneipen ab. Ich bin viel zu früh dran, es hat kaum Gäste, aber das macht mir nichts. Hier kann ich mich in klassische Kneipen setzen, in denen ich mich alleine nicht so verloren fühle. Die hübsche Kellnerin blickt endlos in einen Spiegel und macht sich die Haare. Ich kann kaum der Grund sein, denn sie ist ziemlich kurz angebunden, aber ich bin der einzige Gast. Auf welchen Glücklichen sie wohl wartet? Gegen Mitternacht beginnt die Party. Es ist einiges los, ich aber falle in eine depressive Phase. Das gibt es halt ab und zu beim Reisen. Sie gehören zum Reisen dazu und dauern nicht lange. Daher mache ich mich auf zu meiner Unterkunft, die ich nur mit Mühe finde. Vor dem Haus fallen mir die Surfbretter auf, gepackte Koffer, ich mache mir darüber aber keine Gedanken.
Früh am morgen weckt mich ein aufgeregter Manuel. Er müsse unbedingt mit mir reden. Seine Frau habe ihn ausgeschlossen und sämtliche Sachen, die ihm gehören, aus dem Haus geworfen. Dabei könne er gar nichts dafür. Sie hätte ihn zum Brot und Milch holen geschickt. Auf dem Heimweg habe er gefunden, er schaue noch in einem Pub vorbei, dort hat es eine neue Kellnerin. Später sei seine Frau in der Kneipe aufgetaucht, gerade als er am flirten war. So ein Pech. Sie habe das Brot und die Milch genommen und sei gegangen. Gut, er hätte mitgehen müssen, aber sie ist einfach so furchtbar eifersüchtig. Gut, es gab da schonmal ein paar Geschichten. Ich solle doch nach unten auf einen Kaffee kommen.
Seine attraktive Frau ist ebenfalls im Haus und wütet wie eine Furie. Ihr Blick ist unversönlich. Egal was er sagt, es kommt eine bissige Antwort zurück. Na gut, er hätte sie vielleicht nicht bitten sollen, mir einen Kaffe zu machen. Manuel blickt auf das Chaos in der Wohnung und meint, er hätte den Überblick völlig verloren. Seine Frau ist nicht zu besänftigen, während Manuel, eine Frohnatur, sich seine Laune nicht nehmen lässt. Erst als sie ihm das Geld wegnimmt, wird er grimmig. Einer Scheidung stellt ihn vor Probleme. Das Haus ist seine Existenz. Dafür bekommt man heutzutage kaum mehr Geld in Itacaré. Ihr Wüten hingegen steigert sich noch weiter, während er mir seine heikle Situation erklärt. Seine Frau lässt keine Gelegenheit aus um ihn anzumeckern. Ich verzieh mich nach oben. Als ich mich von Manuel verabschiede, lächelt er und entschuldigt sich für das Tohuwabohu. Er wird seinen Weg gehen, da bin ich mir sicher.
Belo Horizonte
Belo Horizonte erreicht man per Zug! Fantastisch. Von Vitoria an der Küste aus verkehrt täglich ein Personenzug. Auf dem Bahnhofsplatz von Belo Horizonte wird gerade eine grosse Bühne aufgestellt. Es scheint heute ein Fest dieser Freikirche zu geben, die in Brasilien einen solchen Zulauf hat. Ich werde sie später in Ouro Preto noch kennenlernen. Belo Horizonte ist eine andere Welt. Die Menschen sind schlank, es gibt Punks und Rocker, man hört westliche Musik, der Kontakt fällt mir viel leichter. Die Stadt ist vorzüglich organisiert, es gibt viele Parks. Leider ist die Stadt auch einiges teurer als es im Norden ist. Dennoch teile ich die Auffassung nicht, dass es bei Belo Horizonte um die Stadt mit der höchsten Lebensqualität Brasiliens handeln soll. Auch durch diese Stadt zieht sich ein endloser Stau, die Stadt ist auch nicht allzu schön. Wann akzeptieren wie endlich die Tatsache, dass das Auto das Problem ist. Man macht die Zebrastreifen sicherer, baut Umfahrungsstrassen, bessere Autos anstatt dass man endlich die Autofahrer in die Schranken weist. Die Freiheit, überall mit dem Auto hinfahren zu dürfen, zerstört Lebensqualität.
Anmache auf brasilianisch - Ouro Preto
Ouro Preto ist wahrhaftig eine Perle. Eine wunderbare Altstadt, am Abend ist einiges los und es gibt hier sogar wieder eine Eisenbahn. Diesen Zug nehme ich. Er fährt am Wochenende in den Nachbarort Mariana, dazu braucht er eine Stunde. Ich finde es herrlich und wäre gerne bis Rio de Janeiro durchgefahren. Die Gleise gibt es ja, nur keinen Personenzug. In Ouro Preto gibt es auch alle möglichen Cachacas, den man für einen Caipirinha braucht. Wie ich feststellen werde, kostet er hier nichteinmal die Hälfte als andernorts, zum Beispiel in Rio de Janeiro.
Ich geselle mich in eine Kneipe. Mir gegenüber sitzen vier junge Frauen. Offenbar hat ein Mann ein Auge auf eine der vier Frauen geworfen. Er läuft lächelnd zu ihren Tisch und macht eine einladende Geste im Sinne, "kennst du mich nicht mehr?" Nun, die junge Frau kennt ihn nicht oder will ihn nicht kennen, was ihn nicht davon abhält, zuerst ihre Hand zu küssen und schon ist sein Mund an ihrer Backe, wo er ihr drei Küsse aufzwingt, dabei versucht er jedesmal ihren Mund zu treffen und sie muss schon ziemlich viel Kraft aufwenden um dies zu verhindern. Zu sagen haben sie sich nichts, sie scheint ihn nicht zu mögen. Also verabschiedet er sich. Kuss auf die Hand, Mund zur Backe - doch sie sagt ihm, dass sie keine weiteren Küsse will.
Später auf dem Hauptplatz findet ein Popkonzert statt. Eine Sängerin wuchtet stimmgewaltig Songs in den Nachthimmel. Denke ich zumindest. Es ist aber eine Veranstaltung dieser Freikirche. Zwischen Popmusik gibt es jeweils eine Predigt der Sängerin. Ich liebe Jesus, Hallejula, ich liebe Jesus, ich danke dir so Jesus, Hallejula er ist das grösste Glück und dies in einer Endlosschlaufe und so laut, dass der ganze Ort beschallt wird. Es ist etwa so, wie wenn vor dem Kölner Dom eine Freikirche eine riesige Bühne aufstellt und danach mit Gesang auf Mission geht. Mich stört diese Aggressivität, es ist mir zu fanatisch. Allzuviele Zuhörer hat es auch nicht. Jedem das Seine, aber ich finde immer noch, dass eine Predigt in die Kirche gehört.
Ich habe mich in Rio de Janeiro in einem Hotel an der Copacabana eingeniestet. Es ist ziemlich teuer und ich frage mich, ob das Hotel so toll ist oder ob die Lage soviel kostet. Nun, als ich das Zimmer betrete, weiss ich, dass der Preis vor allem wegen der Lage so hoch ist. Es wimmelt von Spaniern. Ich frage mich, ob die EU-Hilfen für das Land direkt in die Reisekasse der Bewohner fliesst.
Es ist unglaublich, wie sich Rio verändert hat. Damals, auf meiner ersten Reise, war die Copacabana alles andere als ungefährlich. An der Avenida Atlantica wimmelte es zwar von Polizisten, aber die Diebe waren gerissen. In der Strasse Nossa Senhora de Copacabana schliefen die Obdachlosen. Ich war an vielen gefährlichen Orten in der Welt, aber nur in Rio wurde ich dreimal angegriffen und entkam jeweils nur knapp und mit Glück. Die Copacabana war dennoch für einen Zwanzigjährigen fantastisch. Unglaublich wild, kreativ. Man sass in einer kleinen Kneipe, plötzlich nahm jemand eine Gitarre hervor und schon begann die Party. Weit nach Mitternacht trafen sich alle, die nicht heimwollten und vor allem nicht alleine heim wollten, an der Avenida Junior zu verrückten Partys, wo die Frauen mir Telefonnummern in die Hosentasche steckten. Das alles ist vorbei, dafür gibt es an der Copacabana keine Sicherheitsprobleme mehr. Die Strandkneipen stehen nun nicht mehr direkt an der Promenade, sondern sind etwas Richtung Meer verschoben, und eingezäunt. Dadurch hat man den Dieben den Garaus gemacht, die dir früher das Messer an den Hals hielten, die Taschen durchwühlten und 15 Sekunden später wieder in der Masse verschwunden waren. Generell sieht man die Favela-Boys nicht mehr herumsitzen. Obdachlose schlafen nicht mehr auf den Strassen. Die Prostitution, die damals omnipräsent war, ist aus dem Strassenbild weitgehend verschwunden. Auch das Publikum hat sich verändert, ich sehe vielmehr Päärchen als damals. Der Preis für diese Aufwertung ist, dass das Nachtleben praktisch völlig zum Erliegen gebracht wurde. Die wilden Partys sind Geschichte, um Mitternacht ist fast alles zu. Das Partyvolk ist weitergezogen.
Ich sitze in einer Strandbar und geniesse den Abend. An einem Tisch in der Nähe sitzt eine Deutsche und eine Österreicherin und ich erlebe wieder diese unglaublich zielstrebige Anmache der Brasilianer. Würde ich in Europa so rangehen, würden mich die Frauen mit Schimpf und Schande verjagen, aber Brasilianer dürfen das offenbar. Also, der Brasilianer kommt, scherzt, nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben die Österreicherin, also näher geht es gar nicht, den Arm bereits auf ihrer Stuhllehne, er schiebt den Stuhl näher ran, umarmt sie, gibt ihr bald mal ein Küsschen. Die Deutsche ist aus der Diskussion ausgeschieden und wirkt nun verloren. Doch der Brasilianer hat zum Glück einen Kollegen, der sich nun nach dem gleichen Prinzip an die Deutsche ranmacht, während der andere mittlerweile der Österreicherin nichts mehr sagen kann, ohne sein Gesicht ein paar Zentimeter vor ihres zu schieben und ihr in die Augen zu sehen. Ich denke mir, so wird das nie was, unmöglich, das ist viel zu billig, viel zu aufdringlich. Während die Deutsche schnell klar macht, dass diese billige Nummer mit ihr nicht läuft, ist der andere Brasilianer bald am Ziel. Keine 10 Minuten hat er gebraucht, nun knutscht er mit der Österreicherin herum. Ich bin ehrlich gesagt etwas enttäuscht. Eine Frau hat doch ihren Stolz, eine gewisse Würde. Während nun der Brasilianer die Österreicherin mittlerweile fast verschluckt, blickt die Deutsche hilfesuchend um sich. Ihr Abend ist wohl gelaufen.
Gegen Mitternacht schlendere ich der Avenida Atlantica entlang, früher hätte ich dies nicht gewagt, als Rio noch einiges unsicherer war, heute ist die Copacabana absolut sicher. Ich treffe noch ein paar Chilenen, dei von ihrem Bergbauunternehmen eine Woche Brasilien geschenkt bekommen haben. Sie sind total symphatisch und wir verbingen noch ein paar Stunden im Gespräch. Während sie nach Buzios weiterfahren, gehts für mich zum Flughafen. Ab nach Hause.
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