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Reisebericht: Ashura
Alljährlich begehen die Schiiten jeweils am 10. Tag des heiligen Monats Muharram das Fest "Ashura" im Gedenken an ihren Märtyrer Hussain.
(Dieser Bericht entstand vor etlichen Jahren. Daher entspricht die Fotoqualität nicht heutigem Standard.)
Die Straßen und Plätze von Rawalpindi sind sonnenüberflutet. In der Schwesterstadt der pakistanischen Hauptstadt Islamabad sind heute noch mehr Menschen unterwegs als sonst, zu Zehntausenden drängen sie in die Innenstadt. Es herrscht das übliche Gemisch aus Lärm, Hitze, Staub und Gestank, aber irgendwie ist die Atmosphäre heute anders als sonst. Die sonst schrill-bunten Kinoplakate sind schwarz verhängt, und sogar wir Fremdlinge werden an diesem Tag weniger beachtet. Offensichtlich sind die Menschen auf ein anderes Ereignis fixiert: Es ist Ashura, der Tag des Märtyrers Hussain, der im Jahr 680 in Kerbela (im heutigen Irak) mit seinen Getreuen von den Häschern des Kalifen gestellt und getötet wurde. .
An einer großen Kreuzung im Herzen der Stadt haben sich dichte Zuschauerreihen gebildet. Polizisten versuchen - mit mäßigem Erfolg - die Fahrbahn freizuhalten. Mit unserem ortskundigen Führer gelangen wir zu einem schmalen Haus, steigen etliche enge und steile Treppen hoch und finden uns dann auf einer Terrasse auf dem Dach eines Hauses wieder, von wo wir einen weiten Überblick über unsere Umgebung haben. Der Anblick ist fantastisch: Tausende, nein Zehntausende von Menschen, fast ausschließlich Männer, schieben sich durch die Straßen, die meisten in der landesüblichen bunten Kleidung, viele aber in ungewohntem Schwarz gewandet. Manche tragen schwarze oder grüne Fahnen oder Banner mit sich, und aus Lautsprechern dröhnt ein monotoner Singsang.
Die Spannung wird größer, als sich eine von - hoffnungslos überforderten - Ordnern geführte Prozession gläubiger Schiiten langsam nähert. Etwa 10 Männer marschieren nebeneinander an der Spitze des unübersehbar langen Zuges, die große Transparente und Flaggen tragen. Plötzlich stockt der Zug, an mehreren Stellen weichen die Massen auseinander, und in den entstehenden Freiräumen bilden sich Gruppen von weiß oder schwarz gekleideten Männern, die auf ein unsichtbares Kommando mit auffallenden, an Tanzgymnastk erinnernden Körperbewegungen beginnen. Erst beim näheren Hinsehen wird deutlich, dass diese Bewegungen Schläge sind, die sich die Akteure mit den Fäusten selbst beibringen. Im aufreizenden Rhythmus von Musik aus mitgeführten Kofferradios reißen die Männer ihre Arme hoch und lassen dann ihre Fäuste mit aller Kraft auf die Brust niedersausen, je nach Lautstärke und Intensität der Musik mit zu- und abnehmender Heftigkeit, aber immer auf die gleiche Stelle. Viele haben den Oberkörper entblößt, und man sieht, wie die Haut sich schnell rötet und zu bluten beginnt.
Es wird aber bald noch blutiger. Angeheizt durch Gebete, durch den Singsang der Musik und durch Zurufe der Kameraden fangen die besonders Eifrigen nun an, sich mit doppelschneidigen Messern zu kasteien, die - immer 5 oder 6 Klingen zusammen - mit Ketten an Holzgriffen befestigt sind. Dieses Messerbündel lassen die Flagellanten gruppenweise und im gleichen Takt auf ihre nackten Rücken klatschen, die sofort blutüberströmt sind. Länger als eine oder zwei Minuten hält das niemand aus. Dann werden dem Büßer - manchmal mit Gewalt - die Messer entwunden, denn andere wollen nicht nachstehen und sich gleichfalls geißeln. Auch Kinder, manche nicht älter als 7 oder 8 Jahre, machen mit. Es muss sehr weh tun, aber die Gläubigen - offenbar im Zustand einer Massensuggestion oder -ekstase - scheinen keinen Schmerz zu fühlen.Wir mischen uns unter das zuschauende Volk, vorsichtig, weil an einem solchen Tag der Anblick von ungläubigen und fotografierenden Ausländern leicht als Provokation empfunden werden könnte. In jedem Jahr gibt es an Ashura Gewaltopfer, wenn aus nichtigem Anlass Aggressionen freigesetzt werden. Die Masse der Zuschauer sind aber sunnitische Pakistaner, die das Spektakel neugierig, teilnahms- oder verständnislos verfolgen. Es gibt weder Anfeuerungsrufe noch Äußerungen des Mitleids oder der Bewunderung für die schiitischen Brüder, die hier eine Minderheit darstellen.
Seit 9 Uhr am Morgen ist der Zug unterwegs. Wie in allen großen Städten Pakistans wird er heute noch viele Stunden lang in glühender Sonne durch die Straßen von Rawalpindi ziehen, bevor er in der Abenddämmerung zu Ende geht. Immer wieder hält die Prozession an, verweilt bis zu 20 Minuten an einer Stelle, und das blutige Schauspiel wiederholt sich von neuem. An Infektionen durch Schmutz, Staub oder Ungeziefer, an offene unbehandelte Wunden, mit denen die Gläubigen am Abend zu ihren Familien zurückkehren, scheint niemand zu denken. Es gibt zwar einen "Sanitätsdienst", aber viel mehr als ein schattiges Zelt oder einen Schluck Wasser hat der nicht anzubieten.- Nach knapp 2 Stunden verlassen wir den Ort des Geschehens, während der Zug seinen Weg durch Rawalpindi fortsetzt. Was wir gesehen haben, ist sicherlich nicht als schön zu bezeichnen, aber wir haben ein faszinierendes Schauspiel erlebt, dem man als Ungläubiger mit Unverständnis, aber auch mit Respekt vor der Kraft religiöser Emotionen gegenübersteht.
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Danke für diesen wertvollen Bericht.
Ein Bericht bringt mir vor allem dann etwas, wenn etwas dokumentiert wird, das für mich neu oder überraschend ist oder mich zum Nachdenken anregt. Und das ist hier auf jeden Fall so.
Solche "Feierlichkeiten" hätte ich eher im Iran verortet; mit Pakistan hätte ich auf jeden Fall nicht gerechnet. Interessant zu wissen, wie es dabei zugeht bis hin zu den Sanitätern und der eventuellen Aggressivität.
Liebe Grüße,
Edwin
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