Torrevieja an der Costa Blanca oder wie man aus Beton Gold machen kann

Reisebericht

Torrevieja an der Costa Blanca oder wie man aus Beton Gold machen kann

Die Bucht Cala del Moro in Torrevieja La Mata



Freihandelszone in Europa?

Torrevieja ist eine Stadt im Südosten von Spanien unterhalb von Alicante. Sie hat offiziell ca. 100.000 Einwohner.

Wer als Chinese in Torrevieja ein Geschäft eröffnet, muss laut mehrfacher Erzählungen 5 Jahre keine Steuern zahlen. Meistens würde das Geschäft nach 4 Jahren übertragen, so dass ganze Generationen ohne Steuern in Spanien gut leben können. Das war die erste Geschichte, die mir hier vielfach erzählt wurde und die zu stimmen scheint. So entdeckte ich mitten ein Europa eine Freihandelszone.



Torre de Moro, der maurische Turm



Wer arbeitet hier?

Immer wenn ich mit den Menschen, die hier arbeiteten, Spanisch sprechen wollte, um die Sprache endlich zu lernen, entdeckte ich das nächste Paradox.

Hier arbeiteten kaum Spanier, hier arbeiteten fast nur Lateinamerikaner. Auf die Frage, wo sie herkommen, kam als Antwort z.B. Uruguay, Kolumbien, Argentinien – aber so gut wie nie Spanien.

Und so entdeckte ich hier das Tor nach Europa, denn die meisten LateinamerikanerInnen lernten hier eine zweite Sprache und gingen dann in ein anderes europäisches Land. Das war die zweite Geschichte, die ich entdeckte.



Massage am Strand in La Mata in Torrevieja



Der Ehrliche ist der Dumme

Und dann entdeckte ich, wie man in Spanien oft arbeitet. Ein kleiner Job sozialversichert, der Rest ist Schwarzarbeit.

Das ähnelt sehr dem heutigen Deutschland. Das neue Deutschland hat ja die später möglichen Renten für die, die arbeiten, massiv gesenkt, so dass Altersarmut trotz Arbeit zunehmend die Regel wird.

So wurden Bildungszeiten rückwirkend von der Rente abgezogen, das Renteneintrittsalter auf 67 erhöht und u.a. die Punktwerte verändert.

So kann man von den Spaniern etwas lernen, insbesondere dass Schwarzarbeit einer der einzigen Auswege für die ehrlichen Menschen zu sein scheint in der heutigen Zeit - zumindest in Ländern wie Deutschland und Spanien.

Aber diese drei Geschichten sind nur Erlebnisse im Alltag in Torrevieja gewesen, einer Stadt in Spanien aus Beton, die damit reich wurde.



Gebaut wird immer noch in Torrevieja



Beton wird zu Gold

So wurde aus einem kleinen Dorf auf einem grossen langen Felsplateau ein Ort, der vielen Menschen Sonne verkaufte.

Und das brachte in diese Region – wie es scheint – einen unglaublichen Reichtum. Bis heute werden hier Immobilien verkauft und es wird gebaut.

Denn hier kommen offenkundig nicht diejenigen hin, die kein Geld haben. Hier kommen eher diejenigen hin, die ihr Geld ausgeben wollen für sonnensichere – und erdbebensichere – Immobilien.

Und somit findet man in Torrevieja alles, nur die Krise findet man irgendwie nicht so richtig …

Auch hier gibt es 120 bis 150 Nationen und viele Sprachen. Aber diese babylonische Sprachverwirrung am Meer bringt sie letztlich fas alle dazu, Spanisch oder Englisch zu sprechen, weil mehr einfach nicht geht.

Viele Spanier lieben diese Orte, die Norweger, die Engländer, die Russen zunehmend(?), natürlich die Chinesen, und auch Deutsche und Niederländer sind hier zu finden.



Müllsammeln ist hier noch ein Job



Müll

Wer aus Deutschland kommt, der wundert sich über den Umgang mit dem vielen Müll. Hier wird eigentlich alles einfach in eine Tonne geworfen. Egal ob Essen, Batterien, Antennen, alte Schränke, leere Plastikflaschen, Schminke etc.

Es gibt mittlerweile zwar Sammelstellen für Plastikflaschen, Grünabfälle und Hausmüll. Aber bei einer Stadt, die im Sommer von knapp 100.000 auf über 500.000 Einwohner anwächst, gibt es so gut wie nirgendwo Hinweise, wo, was und wie welcher Müll und welcher Sondermüll entsorgt werde kann.

Bis auf weiteres wird somit alles einfach in die Tonne geworfen – alles!

Und ich habe hier auch meine Illusionen von einem Europa in die Tonne geworfen, welches auf Ökologie und Umweltschutz, Gemeinsamkeiten und vieles mehr achtet.

Für mich ist klar, wer mehr als Frieden und offene Grenzen in Europa erwartet, der wird noch viele Generationen warten müssen – und dies vielleicht vergeblich.

So ist auch hier die Anschauung die Grundlage der Erkenntnis. Das wäre an anderen Stellen vielleicht auch sinnvoll.



Das kleine Glück am Meer - was will man mehr?



Torrevieja ist spanisch und kosmopolitisch

Aber Torrevieja ist auch ein spanischer Ort. Hier leben Spanier oder sie haben hier eine Sommerwohnung und hier wird sehr deutlich, was einen Mallorca-Urlauber von einem Spanier unterscheiden kann.

Der Gang zum Meer, Angeln, das Wochenende mit der Familie am Meer – das kleine Glück am Mittelmeer und das traditionelle Leben kann man hier noch finden.

Das Meer schenkt Sonne und viel Licht und weckt die Lebendigkeit. Torrevieja ist keine Partymeile sondern ein komplett erneuertes Dorf mit vielen Siedlungen – Urbanisationen – drumherum.

Da hier auf eine Art Fels gebaut wird, ist alles aus Beton (auch wegen der Erdbeben). Und daher ist es anzuraten, beim Laufen rückenfreundliches und Beton abfederndes Schuhwerk zu tragen. Aber meistens bleibt es bei Badeschlappen aus Gummi.

Sonne, Sand und Meer und mittlerweile viele Palmen, die hier eigentlich nicht heimisch waren. Dieser Ort ist mittlerweile vom Geheimtipp zum Supertipp für Sonnenhungrige geworden.



Cala del Moro, eine der schönsten Ecken in Torr...



Ein Mikrokosmos

Irgendwie empfinde ich diesen Ort als Chance, auf die ganze Welt zu blicken. So wurde mir wieder einmal deutlich, dass die meisten Menschen nicht viel mit Umweltschutz zu tun haben.

Es wird auch deutlich, dass man schon Deutscher sein muß, um sich das Heraufsetzen des Rentenalters auf 67 gefallen zu lassen und das Senken der Rente. Denn in anderen Ländern hat man schon früher begriffen, dass der Staat den Ehrlichen bestraft und der Ehrliche der Dumme ist.

Und man erlebt Menschen, die glauben, sich mit Geld alles erlauben zu können. Und diese direkte Konfrontation macht deutlich, dass Regeln, sozialer Schutz und Würde wichtig sein und zukünftig noch wichtiger werden.

Kleine Anmerkung kurz vor Schluß. Torrevieja ist auch ein Mekka für einige deutsche Beamte. Denn Beamte werden im Gegensatz zu Angestellten im Ausland wie in Deutschland als Privatpatienten behandelt, da sie ja beihilfeberechtigt sind, wie man mir locker erklärte. So können sie die südliche Sonne entspannt geniessen…

Und so endet mein Reisebericht mit einem typisch deutschen Blick. Wenn wir von Europa sprechen, dann werden die meisten europäischen Staaten alles tun, um ihre Sozialsysteme für die Menschen beizubehalten mit hoher Rente, frühem Renteneintritt und guter Kinderbetreuung.



Vorsicht vor der Sonne, bitte eincremen



Zwischen 60 und 67

In Frankreich gibt es bald die Rente mit 60 und kostenlose Kinderbetreuung. Und in Frankreich gibt es die höchste Geburtenrate, weil man dort gerne lebt. In Deutschland gibt es keine flächendeckende kostenlose Kinderbetreung und eines der höchsten Renteneintrittsalter in Europa dank der Koalition von SPD/CDU/FDP/Grünen/CSU. Und offenkundig eine, wenn nicht die, niedrigste Geburtenrate in Europa. Übrigens gab es in Deutschland mehr Kinder als das Renteneintrittsalter niedriger war. So wird deutlich, dass das Renteneintrittsalter eine Schlüsselgröße für die Zukunftsfähigkeit eines Volkes ist.

Und so gibt Torrevieja auch die Möglichkeit, mit genügend Distanz nach Deutschland zu schauen und zu sehen, wie menschenfeindlich und kurzsichtig die deutsche Politik ist.

Vielleicht liegt die Chance für Deutschland wirklich in der Abschaffung der Deutschen durch die Vergemeinschaftung der Schulden in Europa.

Denn dann wird vielleicht in den Wählern der Neidfaktor wach nach dem Motto, ich will auch die Rente mit 60 bzw. 62 haben. Da Neid ein großer Antrieb ist, könnte dies gelingen.

Aber Banken mit Steuergeldern zu retten und die Menschen in den Ländern sozial zu töten wird unbeherrschbare Folgen haben und nicht gelingen.

Deshalb – so scheint es – will man in Brüssel die nationalen Souveränitäten abschaffen und eine Art europäische Föderation schaffen wie damals in der Sowjetunion.

Das freut dann sicherlich die Banken und zerstört wahrscheinlich die Demokratie. Denn die Übertragung von nationalen Rechten an Europa würde das Ende der nationalen Demokratien bedeuten. Und die Rechte wären in einer Behörde, die nicht demokratisch ist.



Am Strand in La Mata



Für Sonnenurlaub ist Torrevieja sicherlich eine gute Wahl. Aber dieser Reisebericht aus einer Zeit des Umbruchs in Europa zeigt auch, dass man in Europa nicht weglaufen kann vor den Fragen unserer Zeit.

Doch man kann am Meer und in der Sonne besser darüber nachdenken und die Dinge klarer sehen – mit der eigenen Brille und dem eigenen Horizont.


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